Podcast Nostalgie und KI Folge 3
Brockhaus, Wikipedia und KI-Antworten: Das Wissen der Welt
Früher kam das Lexikon mit dem Vertreter an die Haustür, 24 Bände auf Raten. Heute steht die KI-Antwort da, bevor man die Frage zu Ende getippt hat. Nur weiß niemand so genau, woher sie kommt.
Kapitel Lexikon an der Haustür
00:00 21:12
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Produziert mit KI Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Worum es geht
Die Folge erzählt vom Brockhaus-Lexikon in 24 Bänden und von den Lexikonvertretern der Encyclopaedia Britannica, von Encarta auf CD-ROM, von Google und Wikipedia und vom letzten gedruckten Brockhaus 2014. Dann die KI-Antworten: die KI-Übersicht in der Google-Suche, Suchen ohne Klick und erhebliche Probleme in 45 Prozent der KI-Antworten auf Nachrichtenfragen. Außerdem Bücher, die für das KI-Training gescannt werden, und die Frage, wer das Wissen bezahlt, wenn kaum noch jemand die Quelle besucht. Dazu Szenen der Familie Behrens, 1985, 1994 und 2026.
Themen dieser Folge
- Lexikon
- Brockhaus
- Enzyklopädie
- Encyclopaedia Britannica
- Lexikonvertreter
- Encarta
- CD-ROM
- Wikipedia
- KI-Übersicht
- KI-Antworten
- Grokipedia
- Antiquariat
- KI-Training
- Wissen
Kapitel
Fragen zur Folge
Wann erschien der letzte gedruckte Brockhaus?
Im Juni 2013 kündigte Bertelsmann das Ende des Brockhaus-Geschäfts an, im Juni 2014 wurde der letzte gedruckte Brockhaus ausgeliefert: 30 Bände, rund 70 Kilo. Seit 2015 gehört die Marke einem schwedischen Unternehmen und lebt digital weiter.
Wie verlässlich sind KI-Antworten auf Nachrichtenfragen?
Im Oktober 2025 werteten 22 öffentlich-rechtliche Sender aus 18 Ländern, darunter ARD, ZDF und die Deutsche Welle, über 3.000 Antworten großer KI-Assistenten aus. 45 Prozent hatten mindestens ein erhebliches Problem, 20 Prozent enthielten schwere sachliche Fehler.
Darf man in der Wikipedia mit KI schreiben?
Seit einer Abstimmung im Februar 2026 dürfen Artikel der deutschsprachigen Wikipedia nicht mehr von Sprachmodellen geschrieben werden. Erlaubt bleiben Hilfe bei der Recherche, maschinelle Übersetzung und Rechtschreibprüfung, jeweils von Hand kontrolliert.
Transkript
Das Transkript folgt dem Skript, die Zeiten stammen aus der Spracherkennung. Die Erzählstimme ist ein KI-Klon der Stimme von Stefan Margenfeld, die Szenen sind mit KI-Stimmen nachgestellt. Ein Klick auf eine Zeit spielt die Stelle ab. Als Datei: WebVTT · SRT
00:00 Lexikon an der Haustür
00:02 Erzähler Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 3: Das Wissen der Welt. Von Stefan Margenfeld.
00:13 Produziert mit KI.
00:19 Früher stand ein Vertreter vor der Tür, mit einem Musterband unter dem Arm.
00:24 Gisela Das Wissen der Welt. Auf Raten.
00:27 Erzähler Heute steht es schon da, bevor man die Frage zu Ende getippt hat. Nur weiß niemand so genau, woher es kommt.
00:33 Diese Folge erzählt vom Lexikon im Wohnzimmerschrank, vom Ende der gedruckten Nachschlagewerke und von Suchmaschinen, die selbst antworten. Und sie fragt, was es kostet, wenn das Wissen nichts mehr kostet.
00:50 Vertreter Guten Tag. Haben Sie Kinder im Haus?
00:53 Gisela Einen Sohn. Der ist aber schon ausgezogen. Warum?
00:56 Vertreter Weil Wissen das Einzige ist, was man vererben kann, ohne dass es weniger wird.
01:01 Gisela Und was verkaufen Sie?
01:02 Vertreter Das große Lexikon. 24 Bände. Jeden Monat kommt einer, und Sie zahlen ihn ab wie einen Kühlschrank.
01:09 Werner Gisela, wer ist da?
01:11 Gisela Das Wissen der Welt. Auf Raten.
01:16 Erzähler 1808 kauft ein Kaufmann in Leipzig für 1.800 Taler ein halbfertiges Lexikon. Er heißt Friedrich Arnold Brockhaus. Die 5. Auflage seines Konversationslexikons verkauft sich ab 1818 über 32.000 Mal. Der Name wird zum Synonym für ein ganzes Genre. Wer etwas wissen will, schlägt im Brockhaus nach.
01:40 Das Lexikon wächst mit jeder Auflage, und es wird schwerer. Die 17. Auflage erscheint von 1966 bis 1974 in 20 Bänden. Die 18. kommt von 1977 bis 1981 mit 12 Bänden aus. Die 19. erscheint von 1986 an, in 24 Bänden, mit rund 260.000 Stichwörtern auf etwa 17.000 Seiten. Geliefert wird sie Band für Band. Mitte der 90er Jahre kostet die vollständige Ausgabe knapp 5.000 Mark, ein einzelner Band 228 Mark.
02:22 Für viele Familien ist das eine Anschaffung wie ein Auto oder eine Küche. Man bezahlt über Jahre, und die Bände stehen danach Jahrzehnte im Regal. Ob sie gelesen werden, ist eine andere Frage.
02:36 Werner Und wo stellen wir die hin?
02:38 Gisela In die Schrankwand. Neben den Fernseher.
02:41 Werner Und wer liest das?
02:42 Gisela Niemand. Aber man sieht, dass wir's haben.
02:46 Erzähler In den Vereinigten Staaten ist der Lexikonvertreter eine eigene Berufsgruppe. Die Encyclopaedia Britannica schickt ihre Verkäufer seit den 30er Jahren von Tür zu Tür, zu Spitzenzeiten rund 2.300 Männer und Frauen mit einem Musterband unter dem Arm. 1990 hat Britannica sein bestes Jahr. Allein in den Vereinigten Staaten werden fast 120.000 Ausgaben verkauft, der Umsatz liegt bei 650 Millionen Dollar.
03:16 In der Bundesrepublik bekommen die Kunden an der Haustür bald ein neues Recht. Am 1. Mai 1986 tritt das Gesetz über den Widerruf von Haustürgeschäften in Kraft. Wer an der eigenen Tür einen Vertrag unterschreibt, kann ihn eine Woche lang schriftlich widerrufen. Eine Woche Bedenkzeit gegen eine Stunde Verkaufsgespräch. 2002 wandert das Widerrufsrecht ins Bürgerliche Gesetzbuch. Es gilt bis heute, längst auch für Verträge am Telefon und im Internet.
03:47 Gisela Behrens hat diese Woche nicht gebraucht. Ihr Lexikon kam ein Jahr zu früh.
03:54 Encarta, Google und Wikipedia
03:54 Erzähler Die Bedrohung kommt aus einer Richtung, mit der die Lexikonverlage nicht gerechnet haben. 1985 bietet Microsoft der Britannica eine Partnerschaft an, für ein Lexikon auf CD-ROM. Britannica lehnt ab. 8 Jahre später bringt Microsoft sein eigenes heraus. Es heißt Encarta, basiert auf einem eher unbekannten Nachschlagewerk und wird bald zusammen mit neuen Computern verkauft. Anfangs kostet es 395 Dollar, kurz darauf noch 99.
04:26 Ein Lexikon mit Bildern, Tönen und kleinen Filmen, auf einer Scheibe, die in jede Schublade passt. Auch der Brockhaus erscheint bald auf CD-ROM. Die Ausgabe Brockhaus multimedial 2000 premium hat 89.000 Artikel. 1996, sechs Jahre nach ihrem Rekordjahr, löst Britannica ihren Vertrieb an der Haustür auf.
04:51 Gisela Das ganze Lexikon auf so einer Scheibe?
04:54 Thomas Mit Bildern und Tönen. Sogar kleine Filme.
04:57 Gisela Und was mach ich jetzt mit meinen 24 Bänden?
05:00 Thomas Die sehen doch gut aus.
05:04 Erzähler 1998 gründen zwei Doktoranden in Kalifornien eine Suchmaschine, deren Name bald zum Verb wird. 2004 nimmt der Duden googeln auf. Zwei Jahre später verlangt Google eine engere Definition, aus Sorge um seine Marke. Seitdem steht im Duden, googeln heiße, mit Google im Internet suchen.
05:25 Mit der Suchmaschine verändert sich das Nachschlagen. Man sucht kein Stichwort mehr im Register, man tippt eine Frage in ein Feld. Im März 2025 nennt Google erstmals seit Jahren wieder eine Zahl: mehr als 5 Billionen Suchanfragen im Jahr, rund 13 Milliarden am Tag. In Deutschland laufen im September 2026 knapp 88 Prozent aller Suchanfragen über Google.
05:52 Doch auch die Suchmaschine bekommt Konkurrenz. Im Sommer 2022 räumt Googles Suchchef Prabhakar Raghavan ein, dass fast 40 Prozent der jungen Menschen in den Vereinigten Staaten ein Restaurant für die Mittagspause nicht mehr bei Google suchen. Sie öffnen TikTok oder Instagram. Und schon 2024 endet laut einer Auswertung der Firma SparkToro mehr als die Hälfte aller Google-Suchen in Europa ohne einen einzigen Klick. Die Antwort steht bereits auf der Ergebnisseite.
06:25 Am 15. Januar 2001 geht im Internet ein Lexikon online, das jeder bearbeiten darf. Es heißt Wikipedia. Die deutschsprachige Ausgabe folgt am 16. März 2001. Heute hat sie gut 3,1 Millionen Artikel. Die erste Million erreicht sie im Dezember 2009, die dritte im März 2025. Der letzte gedruckte Brockhaus hatte rund 300.000 Stichwörter.
06:53 Im selben Jahr, in dem die deutsche Wikipedia ihre erste Million feiert, gibt Microsoft auf. Im März 2009 kündigt das Unternehmen das Ende von Encarta an, im Oktober geht das Angebot vom Netz. Die CD-ROM hatte das gedruckte Lexikon bedrängt. Das offene Lexikon im Internet erledigt die CD-ROM.
07:14 Taugt so etwas? 2005 lässt die Fachzeitschrift Nature 42 naturwissenschaftliche Artikel von Fachleuten prüfen. Wikipedia hat im Schnitt 4 Fehler pro Artikel, die Britannica 3. 2007 lässt der Stern 50 Artikel benoten. Wikipedia bekommt im Schnitt eine 1,7, die Online-Ausgabe des Brockhaus eine 2,7.
07:39 Im März 2012 stellt die Encyclopaedia Britannica nach 244 Jahren ihre gedruckte Ausgabe ein. Die letzte Auflage von 2010 hat 32 Bände und kostet 1.395 Dollar. Verkauft werden noch rund 8.000 Exemplare, etwa 4.000 bleiben im Lager. Im Juni 2013 kündigt Bertelsmann das Ende des Brockhaus-Geschäfts an, rund 300 Stellen fallen weg. Die 21. Auflage hatte 2006 noch 2.490 Euro gekostet, 2013 waren es 2.820 Euro. Im Juni 2014 wird der letzte gedruckte Brockhaus ausgeliefert. 30 Bände, rund 70 Kilo, ein Meter siebzig Regal.
08:29 2015 übernimmt ein schwedisches Unternehmen die Marke. Der Brockhaus lebt seitdem digital weiter, vor allem in Schulen und Bibliotheken. Privatleute können ihn seit 2018 im Abonnement nutzen, für 6 Euro im Monat.
08:45 2026: KI-Antworten ohne Quellen
08:46 Erzähler 2026. Die 24 Bände von Gisela Behrens stehen jetzt bei ihrem Sohn. Thomas Behrens ist 63. Er hat sie nie verkauft. Er hat sie auch nie ganz gelesen.
09:01 Lina Papa, wie viele Einwohner hat Lissabon?
09:04 Thomas Schau doch im Lexikon nach. Band elf oder so.
09:07 Lina Ich hab's schon. Die KI sagt 545.000.
09:11 Thomas Und das Lexikon?
09:12 Lina Papa, dein Lexikon ist von 1986. Da gab es noch nicht mal Euro.
09:18 Thomas Und woher weiß deine KI das?
09:20 Lina Keine Ahnung. Steht da nicht.
09:22 Thomas Bei mir steht wenigstens drauf, wer's geschrieben hat.
09:26 Erzähler Im Mai 2024 beginnt Google in den Vereinigten Staaten damit, über den Suchergebnissen eine Antwort anzuzeigen, geschrieben von einer KI. In Deutschland startet die KI-Übersicht im März 2025. Wer eine Frage eintippt, bekommt eine Zusammenfassung und muss keine Seite mehr öffnen.
09:46 Dahinter steckt ein Sprachmodell. Es schlägt nichts nach, wie man in einem Lexikon nachschlägt. Es erzeugt eine Antwort Wort für Wort aus dem, was es beim Training aus riesigen Textmengen gelernt hat, auch aus Wikipedia. Viele Systeme durchsuchen zusätzlich das Netz und fassen zusammen, was sie dort finden. Dabei kann ein Scherz aus einem Forum genauso in die Antwort rutschen wie ein Fachartikel.
10:10 Genau das passiert schon in den ersten Tagen. Damit der Käse auf der Pizza besser hält, empfiehlt die KI, etwas ungiftigen Klebstoff in die Soße zu rühren. Die Quelle ist ein elf Jahre alter Scherz aus einem Internetforum.
10:25 Im Juli 2025 wertet das amerikanische Pew Research Center fast 69.000 Suchanfragen aus. Bei 18 Prozent der Anfragen erscheint eine KI-Zusammenfassung, im Schnitt 67 Wörter lang. Steht sie oben, klicken nur 8 von 100 Menschen auf ein normales Suchergebnis. Ohne Zusammenfassung sind es 15. Auf die Quellen in der Zusammenfassung selbst klickt einer von 100. Und jede vierte Suche mit Zusammenfassung ist danach ganz zu Ende. Google widerspricht der Methode der Studie.
11:00 Im Oktober 2025 meldet die Wikimedia Foundation rund 8 Prozent weniger menschliche Besucher auf Wikipedia als ein Jahr zuvor. Als einen Grund nennt sie Suchmaschinen und KI, die Antworten direkt anzeigen, oft auf Grundlage von Wikipedia-Artikeln.
11:18 Wie verlässlich diese Antworten sind, prüfen im selben Monat 22 öffentlich-rechtliche Sender aus 18 Ländern, darunter ARD, ZDF und die Deutsche Welle. Sie stellen den großen KI-Assistenten Fragen zu Nachrichten und werten über 3.000 Antworten aus. 45 Prozent haben mindestens ein erhebliches Problem, bei knapp einem Drittel stimmen die Quellenangaben nicht. 20 Prozent enthalten schwere sachliche Fehler. Am schlechtesten schneidet Googles Gemini ab, mit erheblichen Problemen in 76 Prozent der Antworten.
11:55 Anrufer Herr Behrens? Sie besitzen doch ein Lexikon in 24 Bänden. Wir kaufen solche Sammlungen an.
12:01 Thomas Ach ja? Was ist es denn wert?
12:04 Anrufer Das müssten wir erst begutachten lassen. Und dafür bräuchte es noch die Ergänzungsbände.
12:09 Thomas Die ich dann bei Ihnen kaufe.
12:11 Anrufer Das wäre der übliche Weg, ja.
12:14 Erzähler Solche Anrufe gibt es wirklich. Die Verbraucherzentralen warnen vor Händlern, die Besitzer alter Lexika ködern, angeblich zum Ankauf der Sammlung. Am Ende verkaufen sie teure Ergänzungsbände oder Gutachten. Ein Fall, in dem so eine Sammlung mit Gewinn verkauft wurde, ist den Verbraucherschützern nicht bekannt.
12:35 Wikipedia, KI-Texte und Grokipedia
12:35 Erzähler Wie sehr sich das Nachschlagen verändert, zeigt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom vom Herbst 2025. Jeder 2. Internetnutzer in Deutschland fragt zumindest manchmal eine KI statt einer Suchmaschine. Bei den Unter-30-Jährigen sind es 2 von 3. 42 Prozent der KI-Nutzer sagen, sie hätten schon falsche oder erfundene Antworten bekommen. Unter Jugendlichen ist der Wandel noch deutlicher. Laut JIM-Studie 2025 suchen 70 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Informationen auch mit KI. ChatGPT ist bei ihnen nach der Suchmaschine das zweithäufigste Werkzeug.
13:16 Wikipedia steht dabei in der Mitte. Ihre Artikel sind Futter für die Maschinen, und gleichzeitig wollen ihre Autorinnen und Autoren die Maschinen draußen halten. Im April 2025 legt die Wikimedia Foundation fest, KI solle den Freiwilligen Routinearbeit abnehmen. Ersetzen soll sie die Menschen hinter der Enzyklopädie nicht. Im Juni 2025 testet die Stiftung trotzdem KI-Zusammenfassungen über Artikeln. Nach einem Tag Protest der Autorinnen und Autoren pausiert sie den Versuch.
13:49 Im Februar 2026 stimmt die deutschsprachige Wikipedia ab. Artikel dürfen nicht mehr von Sprachmodellen geschrieben werden. Erlaubt bleiben Hilfe bei der Recherche, maschinelle Übersetzung und Rechtschreibprüfung, jeweils von Hand kontrolliert. Im März zieht die englischsprachige Wikipedia nach, mit 44 zu 2 Stimmen.
14:12 Wie ein Lexikon aus der Maschine aussehen kann, zeigt Elon Musk. Ende Oktober 2025 startet seine KI-Firma Grokipedia mit 885.000 Artikeln. Eine Untersuchung findet, dass mehr als die Hälfte davon aus Wikipedia abgeleitet ist, oft fast wortgleich. Die Washington Post berichtet über politisch gefärbte Einträge. Die Wikimedia Foundation kommentiert trocken, selbst Grokipedia brauche Wikipedia, um zu existieren. Seit April 2026 wird das Projekt nicht mehr aktualisiert.
14:50 Bücher für das KI-Training
14:50 Antiquarin Schon wieder eine Bestellung. Nachts um vier.
14:54 Kollege Wie viele?
14:55 Antiquarin Dreihundert Titel. Von jedem genau eins.
14:59 Kollege Unsere Lagerleichen? Wer will die denn?
15:02 Antiquarin Keine Ahnung. Bezahlt ist schon.
15:06 Erzähler Solche Bestellungen gehen seit dem Frühjahr 2026 tatsächlich bei deutschen Antiquariaten ein, meist nachts zwischen 3 und 5 Uhr. Von jedem Titel ein Exemplar, vor allem Sachbücher, die seit Jahren im Lager liegen, Bestellwerte von 10.000 bis 50.000 Euro je Händler. Der Vorsitzende des Verbands Deutscher Antiquare nennt die Praxis Barbarei. Berichte bringen die Käufe mit KI-Firmen in Verbindung. Der Besteller bestreitet das, bewiesen ist es nicht.
15:37 Dass Bücher für KI zerschnitten werden, ist in einem anderen Fall gerichtlich festgehalten. Im Juni 2025 beschreibt ein Bundesrichter in San Francisco, wie das KI-Unternehmen Anthropic Millionen gedruckter Bücher gekauft hat, oft gebraucht. Die Buchrücken wurden abgeschnitten, die Seiten gescannt, das Papier entsorgt. Für gekaufte Bücher wertet der Richter das Training als zulässig. Für mehr als 7 Millionen Raubkopien aus Schattenbibliotheken gilt das nicht.
16:10 Im Januar 2026 macht die Washington Post interne Unterlagen öffentlich. Das Vorhaben hieß Project Panama. In einem Papier ist von dem Ziel die Rede, alle Bücher der Welt zerstörend zu scannen. Für knapp 500.000 Raubkopien zahlt Anthropic in einem Vergleich 1,5 Milliarden Dollar, etwa 3.000 Dollar pro Buch. Es ist der größte Urheberrechtsvergleich in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Google hatte seit 2004 mehr als 40 Millionen Bücher gescannt, ohne eines davon zu zerschneiden.
16:46 Warum die Firmen so hungrig sind, hat einen einfachen Grund. Das Forschungsinstitut Epoch AI schätzt den Vorrat an brauchbarem menschlichem Text im offenen Netz auf rund 300 Billionen Wortbausteine. Aufgebraucht sein könnte er zwischen 2026 und 2032. Im Dezember 2024 sagt OpenAI-Mitgründer Ilya Sutskever auf einer Fachkonferenz in Vancouver, man habe nur ein Internet. Daten seien der fossile Brennstoff der KI.
17:19 Gleichzeitig füllt sich das Netz mit Texten, die selbst von Maschinen stammen. Nach einer Auswertung mit KI-Detektoren, die selbst als unzuverlässig gelten, ist inzwischen etwa jeder zweite neue Artikel im englischsprachigen Netz überwiegend maschinell geschrieben. Lernen Modelle immer wieder aus solchen Texten, werden sie schlechter. Forscher aus Oxford und Cambridge zeigen 2024 in Nature, wie aus einem Text über mittelalterliche Kirchtürme nach 9 Generationen eine Aufzählung von Hasenarten wird.
17:52 Bücher, die Menschen geschrieben haben, werden damit wertvoller, als sie es im Antiquariat je waren.
17:59 Wer bezahlt das Wissen?
17:59 Erzähler Die Frage nach dem Wert stellt sich auch im Großen. Wer bezahlt die Menschen, die das Wissen aufschreiben, wenn eine KI es zusammenfasst und kaum noch jemand die Quelle besucht? Im September 2025 beschweren sich deutsche Verlegerverbände und der Deutsche Journalisten-Verband bei der Bundesnetzagentur über Googles KI-Übersicht. Im Dezember 2025 leitet die EU-Kommission ein förmliches Wettbewerbsverfahren gegen Google ein. Es geht darum, wie das Unternehmen Inhalte von Verlagen für seine KI-Antworten nutzt. Im äußersten Fall drohen Strafen von bis zu 10 Prozent des weltweiten Umsatzes.
18:39 Die Encyclopaedia Britannica verklagt im September 2025 das KI-Unternehmen Perplexity. Der Vorwurf lautet, es habe ihre Inhalte abgegriffen und ihr Besucher genommen. Wikipedia geht einen anderen Weg. Zum 25. Geburtstag im Januar 2026 meldet die Wikimedia Foundation neue zahlende Partner für ihren Datenzugang, darunter Amazon, Meta, Microsoft und Perplexity. Google zahlt schon länger. Wer Wikipedia in großem Stil für seine KI nutzt, soll dafür bezahlen. Auch andere lassen sich ihre Texte inzwischen bezahlen. Google zahlt dem Forum Reddit laut Berichten rund 60 Millionen Dollar im Jahr. Der Verlag HarperCollins bietet Microsoft ausgewählte Sachbücher für das Training an, für 5.000 Dollar pro Titel, und nur, wenn die Autorinnen und Autoren zustimmen.
19:35 Und der Brockhaus? Er verkauft Schulen und Bibliotheken heute auch Zugänge zu KI-Werkzeugen. Das Lexikon, das einmal an der Haustür kam, ist selbst zu einem Anbieter von Antworten geworden.
19:48 Das gedruckte Lexikon hatte eine Eigenschaft, die man erst bemerkt, wenn sie fehlt. Es war abgeschlossen. Jemand hatte jeden Artikel geschrieben, jemand anderes hatte ihn geprüft, und auf dem Buchrücken stand, von wann das Wissen war. Man konnte ihm widersprechen, weil man wusste, wem.
20:08 Die Antwort aus der Maschine ist aktueller, schneller und meistens bequemer. Sie hat keinen Buchrücken. Sie stammt aus vielen Quellen, und welche das waren, steht oft nicht dabei.
20:19 Gisela Behrens hat für ihr Lexikon jahrelang bezahlt. Heute bekommt man die Antwort umsonst. Bezahlt wird sie trotzdem, nur von jemand anderem.
20:34 Nostalgie und KI. Folge 3: Das Wissen der Welt. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
21:00 In der nächsten Folge: der Samstagabend in der Videothek.
Quellen
Was die Folge über Geschichte und Gegenwart erzählt, ist recherchiert und belegt. Diese 65 Quellen liegen den Aussagen zugrunde; Links öffnen in einem neuen Fenster, die Wiedergabe läuft weiter.
- Adieu, Goldschnitt. Wissen gibt es nicht zum Nulltarif. Anmerkungen zum Ende des gedruckten Brockhaus
- Brockhaus Enzyklopädie
- Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, 20. Aufl. (Rezension 97-1/2-085, Saskia Hedrich)
- Last Of A Dying Breed: Former Encyclopedia Britannica Salesman Mourns End Of Print
- Encyclopædia Britannica, Inc.
- Gesetz über den Widerruf von Haustürgeschäften und ähnlichen Geschäften (HTürWG), Archiv-Text
- Widerruf von Haustürgeschäften
- Encarta
- Spezial:Statistik
- German Wikipedia
- Announcing New Wikimedia Enterprise Partners for Wikipedia’s 25th Birthday
- Internet encyclopaedias go head to head
- Wikipedia schlägt Brockhaus
- Online-Enzyklopädie in punkto Aktualität nicht zu schlagen: Wikipedia lässt Brockhaus alt aussehen
- After 244 Years, Encyclopaedia Britannica stops the presses
- Bertelsmann gibt Brockhaus auf
- Vor zehn Jahren erschien der letzte Brockhaus: Vom Ende einer Lexikon-Legende
- Brockhaus’ leksikon
- Google startet neue Such-Funktion: AI Overviews kommen nach Deutschland
- Google AI Search is Telling Users To Put Glue On Pizza Because It's Trained on Reddit Posts
- Google's news AI search pulls answers from decade-old Reddit troll post—suggesting glue on pizza
- Google users are less likely to click on links when an AI summary appears in the results
- Google disputes Pew study showing AI Overviews reduce clicks by half
- New User Trends on Wikipedia
- Wikipedia says traffic is falling due to AI search summaries and social video
- Largest study of its kind shows AI assistants misrepresent news content 45% of the time – regardless of language or territory
- Warnung: Neue Abzock-Tricks rund um Buchsammlungen
- Faksimile-Falle: teure Bücher als vermeintliche Wertanlage
- Deutschen Medien gegen Google-KI: Verbände reichen Beschwerde gegen KI-Übersicht in der Websuche ein
- Googles AI Overviews: Medienwirtschaft warnt vor Folgen und reicht DSA-Beschwerde ein
- EU Commission investigates use of web publishers’ and YouTube content for Google AI purposes
- EU to probe Google’s use of content for AI
- Britannica, Merriam-Webster Sue Perplexity AI Over Scraping
- Perplexity sued by Britannica and Merriam-Webster for violation of copyright
- Why Microsoft, Meta, and Amazon Are Now Paying Wikipedia
- Einfach KI für Bibliotheken
- Einfach KI! für Medienzentren
- Wo bleibt der Nobelpreis?: „Der Brockhaus Multimedial 2000 Premium“
- Brockhaus Enzyklopädie
- Brockhaus Enzyklopädie, 21. Auflage
- Antitrust: EU Commission warns Google over abusive practices in online advertising
- Internet-Suche im Wandel: Die Hälfte nutzt bereits KI-Chats
- Wikipedia says it will use AI, but not to replace human volunteers
- Strategy/Multigenerational/Artificial intelligence for editors
- Wikimedia pauses AI summaries trial after backlash
- Wikipedia pauses AI summary trial after editor community uproar
- Die deutschsprachige Wikipedia verbietet fast alle KI-Texte
- English Wikipedia bans AI-generated text, allows limited use for copyediting and translation
- What did Elon change? A comprehensive analysis of Grokipedia
- Sorge um Schutzrechte: Google lässt Duden-Eintrag „googeln“ ändern
- googeln
- Search Engine Market Share in Germany – September 2026
- Google Search is in danger of losing Gen Z. Here’s how the company is responding
- JIM-Studie 2025: Jugend, Information, Medien
- Jagd auf alte Bücher – KI-Firmen kaufen Antiquariate leer – und vernichten die Bücher
- Bartz v. Anthropic Settlement: What Authors Need to Know
- Google Books
- Will we run out of data? Limits of LLM scaling based on human-generated data
- Will we run out of data? Limits of LLM scaling based on human-generated data
- The AI pre-training age will soon come to an end — OpenAI co-founder
- More Articles Are Now Created by AI Than Humans
- AI Now Writes as Many Online Articles as Humans
- AI models collapse when trained on recursively generated data
- AI models collapse when trained on recursively generated data
- Reddit reportedly signs $60 million annual training data deal with Google
So entsteht diese Reihe
So entsteht diese Reihe: Stefan Margenfeld recherchiert und schreibt jede Folge und verantwortet sie redaktionell. Die Erzählstimme ist ein KI-Klon seiner eigenen Stimme, gebaut aus Aufnahmen, die er eigens dafür gemacht hat. Die Szenen sind nachgestellt: Die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden und sprechen mit KI-Stimmen. Reale Personen kommen nur im Erzähltext und in historischen Originaltönen vor; keinem von ihnen legt die Reihe mit einer KI-Stimme Worte in den Mund. Die Musik ist eigens mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Woher jede historische Angabe und jeder Originalton stammt, steht auf der Seite der jeweiligen Folge. Stimmtechnik: ElevenLabs.
- Recherche, Text und redaktionelle Verantwortung
- Stefan Margenfeld
- Erzählstimme
- KI-Klon der Stimme von Stefan Margenfeld
- Szenen
- nachgestellt; die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden, ihre Stimmen KI-generiert
- Musik
- eigens mit KI erzeugt
- Stimmtechnik
- ElevenLabs
- Produktion
- KI-gestützt; Sankt Wendel, Oktober 2026
Weiterdenken · Aus dem Journal
- Die Dokumenten-Inflation
Was geschieht, wenn Text fast nichts mehr kostet: ein Essay über Knappheit, Kuratierung und den Wert geprüfter Inhalte.
Alle Folgen von Nostalgie und KI
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