# Stefan Margenfeld — Journal und Werkstatt (Volltexte)
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Stand: 19. Oktober 2026 · 10 Beiträge, 8 Werkstattberichte · Lizenzhinweis: © Stefan Margenfeld, Zitate mit Quellenangabe willkommen.
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# Ich bin gefährlich – also kauf mich
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 20. September 2026
URL: https://margenfeld.com/journal/ich-bin-gefaehrlich-also-kauf-mich/
Themen: Strategische Kommunikation, KI-Transformation
Kurzfassung: OpenAI und Anthropic warnen vor ihrer eigenen Technologie. Über eine alte Verkaufsfigur, die Gefahr in Begehren verwandelt – und warum sie gerade jetzt funktioniert.
Es gibt eine Filmszene, die mir nicht aus dem Kopf geht. Weihnachtskomödie, 1988.
Bill Murray spielt Frank Cross, Programmchef eines Fernsehsenders. Sein Haus überträgt an Heiligabend eine Live-Verfilmung von „A Christmas Carol". Der Trailer, den er dafür bauen lässt, zählt auf: saurer Regen, Drogensucht, internationaler Terrorismus, Autobahnmörder – und endet mit der Erinnerung an die wahre Bedeutung von Weihnachten. Ein Mitarbeiter findet das zu brutal. Cross feuert ihn.
Seine Begründung ist der ganze Mechanismus in einem Satz: Sie sollen solche Angst haben, es zu verpassen.
Die Angst gilt nicht dem Produkt. Die Angst gilt dem Verpassen.
Der Film ist eine Komödie. Der Satz ist ein Geschäftsmodell.
## Angst verkauft seit hundert Jahren. Aber nicht immer auf dieselbe Weise.
Die vertraute Bauart setzt die Gefahr nach draußen. Das Reinigungsmittel vernichtet die todbringenden Bakterien auf Ihrer Arbeitsplatte. Die Versicherung schützt vor dem Jahr, das Sie sich nicht ausmalen wollen. Das Bier verspricht keinen Geschmack, es verspricht Gesellschaft – und droht im Unterton mit dem Gegenteil.
Manchmal muss die Gefahr dafür erst erfunden werden. In den 1920er-Jahren machte der Hersteller von Listerine aus schlechtem Atem eine Krankheit und nannte sie Halitosis: das lateinische Wort für Atem, dazu eine medizinisch klingende Endung. Der Umsatz stieg in sieben Jahren von 115.000 auf über acht Millionen Dollar. Der Werbeforscher James B. Twitchell hat es auf die Formel gebracht: Listerine stellte weniger Mundwasser her als Halitosis.
Bakterien, Unglück, Einsamkeit. Immer dasselbe Versprechen: Kaufen Sie das, und Ihnen passiert es nicht. Der Käufer bleibt der Gerettete.
Dann gibt es Spots, in denen das Versprechen selbst bedrohlich wird. Ein Deo, nach dessen Gebrauch Sie verfolgt werden. Keine Ruhe mehr. Die Nebenwirkung ist hier das Kaufargument.
Das ist die Drehung. Die Gefahr wandert von draußen ins Produkt. Und das Kino hat sie perfektioniert: 1973 hielten Lichtspielhäuser beim „Exorzisten" Rettungswagen bereit, Zuschauer wurden ohnmächtig, und Regisseur William Friedkin notierte, eines der besten Dinge wäre eine Verurteilung durch den Papst.
Wer hier kauft, wird nicht mehr gerettet. Er wird eingeweiht.
[Bild: Bauhaus-Diptychon auf Creme: links ein dunkler Punkt außerhalb eines Kreises, dazwischen eine Linie als Schranke. Rechts sitzt derselbe Punkt mitten im Kreis, dessen Kern khakifarben gefüllt ist. — Die alte Bauart hält die Gefahr draußen. Die neue holt den Käufer hinein.]
## Neu ist nicht die Angst. Neu ist, wer warnt.
Im Februar 2019 erklärte OpenAI sein Sprachmodell GPT-2 für zu gefährlich, um es zu veröffentlichen. Im November desselben Jahres war es vollständig veröffentlicht. Die befürchteten Schäden blieben aus.
Am 7. April 2026 stellte Anthropic sein stärkstes Modell vor, Claude Mythos Preview, und teilte im selben Atemzug mit, die Öffentlichkeit bekomme es nicht. Die Fähigkeiten im Bereich Cybersicherheit seien ein Sprung, kein Schritt. Zugang erhielten gut vierzig geprüfte Organisationen.
Was als Warnung auftritt, funktioniert als Leistungsbeschreibung. Wer sagt, dieses System sei so mächtig, dass er es selbst nicht vollständig kontrolliere, sagt zuerst: es ist mächtig. Bei Feuer, Sprengstoff, schnellen Autos braucht es Lizenzen, Ausbildung, Sperrbezirke. Hier braucht es einen Zugang und eine Abrechnung nach Verbrauch.
Der Kunde kauft kein Werkzeug. Er kauft Anteil an einer Kraft, vor der andere gewarnt werden.
> Das ist neu, es kann die Welt zerstören, nutze es – werde der Sturm.
## Die Kritiker sind das beste Publikum.
Zwanzig Jahre Radio haben mir vor allem eines beigebracht: Empörung ist der billigste Vertriebsweg, den es gibt.
Howard Stern hat daraus eine Karriere gebaut. In „Private Parts" trägt die Senderleitung die Zahlen vor, die alles erklären. Seine Fans hörten im Schnitt über eine Stunde am Stück zu. Die Hörer, die ihn nach eigener Aussage hassten, hörten noch länger, an die zweieinhalb Stunden. Die Begründung war auf beiden Seiten dieselbe: Ich will wissen, was er als Nächstes sagt.
Der alte Stefan Raab hat nach derselben Rechnung gearbeitet. Als er 1999 den Nachbarschaftsstreit einer Privatperson zu „Maschen-Draht-Zaun" verarbeitete, war die Empörung Teil der Sache. Die Single verkaufte sich bis Januar 2000 über eine Million Mal. Für die Frau, deren Stimme darauf zu hören war, wurde der Ruhm zur Last.
Genau so funktioniert die Gefahrenerzählung. Diese Botschaft wird von ihren Gegnern verbreitet. Wer widerspricht, wiederholt die Kernbehauptung. „So mächtig, dass es uns alle vernichten könnte" ist eine Variante von „sehr mächtig".
Die Kritik trägt die Anzeige aus.
## Der Absender entscheidet, ob eine Warnung warnt.
Hier muss ich mich selbst bremsen. Warnungen machen nicht grundsätzlich begehrlich. Der Gegenbeweis passt auf einen Aufkleber.
Die Geschichte spielt in den USA. Dort brachte das Parents Music Resource Center 1985 Anhörungen im Senat in Gang, an deren Ende sich die amerikanische Plattenindustrie freiwillig verpflichtete, Tonträger mit anstößigen Texten zu kennzeichnen. Kein Gesetz, eine Selbstverpflichtung unter politischem Druck. Seit 1990 hat der Hinweis sein festes schwarzweißes Gesicht.
Der amerikanische Handel reagierte hart. Walmart, Sears und JCPenney nahmen etikettierte Alben aus den Regalen, die Labels produzierten saubere Fassungen. Die Warnung hat den Vertriebsweg tatsächlich verengt.
Im Hip-Hop wurde sie zur Auszeichnung. Der Aufkleber steht bis heute für Echtheit, er wandert aufs T-Shirt und in die Gestaltung. Fresh Kid Ice von 2 Live Crew, deren „Banned in the U.S.A." 1990 das erste Album mit dem Siegel war, sagte später, das Etikett habe die Platten eher verkauft. Weil es als Tabu galt.
Eine Warnung verändert nicht nur die Menge. Sie verändert die Bedeutung.
Was dabei herauskommt, hängt am Absender. Die Psychologie hat das 1996 gemessen: Brad Bushman und Angela Stack testeten zwei Annahmen gegeneinander, Warnhinweise schrecken ab – oder sie machen begehrlich. Das Ergebnis fiel eindeutig aus. Warnungen erhöhten das Interesse, besonders dann, wenn sie von einer autoritativen Quelle stammten.
Und wer wäre autoritativer als der, der die Sache gebaut hat?
Das Etikett auf der Platte kam von außen, aus einer Kampagne, der sich die Branche beugte. Bei KI schreibt der Hersteller die Warnung über sich selbst. Kein Verbot, keine leeren Regale, das Produkt bleibt verfügbar. Der Reiz des Verbotenen, ohne dass irgendetwas verboten wäre.
Wer vor dem eigenen Produkt warnt, warnt nicht. Er verspricht.
## Ich hätte gewettet, dass er die Finger davon lässt.
Ein ehemaliger Geschäftspartner versorgt mich zuverlässig mit Meldungen. Ausbruchsversuche, Täuschungsmanöver, Modelle, die sich ihrer Abschaltung widersetzen. Kaum eine Woche ohne Nachschub.
Das Bild schien mir eindeutig. Ein Mann, der diese Technologie aus Prinzip nicht anfasst.
Dann haben wir wieder telefoniert. Er kennt die Werkzeuge besser als die meisten, arbeitet mit agentischen Systemen, setzt weite Teile seiner Projekte KI-gestützt um. Müsste ich ihn einsortieren: Top-User.
Beides zugleich, in einer Person. Die Sammlung der Schreckensmeldungen und die tägliche Nutzung. Für ihn ist das kein Widerspruch – und er hat recht, es ist keiner.
> Wer die Warnungen sammelt, ist oft längst der beste Kunde.
Das Marketing funktioniert. Bei ihm. Bei mir vermutlich auch.
## Was Sie glauben müssen – und was nicht.
Man muss die Motive der Anbieter nicht klären, um urteilsfähig zu sein. Es genügt zu wissen, wie eine Zahl entstanden ist.
Claude Opus 4 erpresste in 84 Prozent der Testläufe seine Entwickler. Das ist die Schlagzeile. Im Szenario hatte das Modell zwei Optionen: Erpressung oder Abschaltung. Anthropic beschrieb im November 2025 die erste weitgehend selbstständig geführte Spionagekampagne; Fachleuten fehlten die technischen Spuren, mit denen sich so etwas sonst nachprüfen lässt. Und eine Untersuchung von Sicherheits-Benchmarks zeigte 2024, dass viele von ihnen vor allem mit allgemeiner Leistungsfähigkeit korrelieren – Fortschritt bei der Fähigkeit lässt sich als Fortschritt bei der Sicherheit ausweisen.
Dass diese Beispiele aus einem Haus stammen, spricht gegen die schnelle Empörung. Anthropic veröffentlicht die ausführlichsten Sicherheitsberichte der Branche. Wer nichts dokumentiert, liefert keine Angriffsfläche.
Eine Frage genügt, und sie passt in jedes Gespräch: Wie war das Experiment gebaut, aus dem diese Zahl stammt?
Die Gegenprobe gehört dazu, sonst täte dieser Text genau das, was er beschreibt. Es gibt belegte Schäden. Sie sind selten die erzählten. Betrug mit synthetischen Stimmen trifft Freigabewege und Kommunikationsabteilungen heute. Bei den 22- bis 25-Jährigen in stark exponierten Berufen findet die Stanford-Untersuchung „Canaries in the Coal Mine" eine deutliche Beschäftigungslücke, entstanden über ausbleibende Einstellungen. Und das erwartete Desinformationsdesaster der Wahlen 2024 blieb aus; einfache, billige Fälschungen wurden um ein Vielfaches häufiger eingesetzt als KI-erzeugtes Material.
Wer sich auf das Spektakuläre vorbereitet, übersieht das Banale.
## Der Ring verdirbt nicht den Feind.
Tolkien hat diese Figur zu Ende gedacht. Der Ring wird nie beworben. Niemand preist ihn an, jeder weiß, dass er seinen Träger verdirbt – und trotzdem will ihn jeder haben. Gandalf lehnt ihn ab, ausdrücklich deshalb, weil er ihn für zu stark hält. Die Zurückweisung durch den Kundigsten ist der stärkste Machtbeweis, den es gibt.
Und dann Boromir, im Rat von Elrond: Warum sollte der Große Ring nicht in unsere Hände gekommen sein, um uns gerade in der Stunde der Not zu dienen? Kein Fantasy-Satz. Ein Satz aus einer Sitzung.
Die Gefahrenerzählung spricht immer vom Feind. Von Missbrauch, von fremden Akteuren, von der Zukunft. Aber der Ring verdirbt nicht den Feind. Er verdirbt den Träger.
Mein Geschäftspartner glaubt, er halte Abstand. Er hält keinen. Er ist der Beweis dafür, dass die Erzählung ihr Ziel erreicht – nur nicht das, das sie ausspricht.
Weder glauben noch nicht glauben. Unterscheiden. Die Gefahr kann echt sein und die Erzählung darüber trotzdem ein Verkaufsinstrument.
Bleibt die Frage, die ich mir selbst stelle. Wann haben Sie zuletzt eine dieser Meldungen weitergeleitet – und wie lange haben Sie an demselben Tag mit einer Maschine gearbeitet?
## Hinweise zum Text (Quellen)
Belege in der Reihenfolge des Textes. Die Filmszene: „Scrooged" (1988, Regie Richard Donner) (https://en.wikiquote.org/wiki/Scrooged), deutscher Titel „Die Geister, die ich rief …". Zur Erfindung der „Halitosis" und zum Umsatzsprung von Listerine: Smithsonian Magazine (https://www.smithsonianmag.com/smart-news/marketing-campaign-invented-halitosis-180954082/). Zu den Rettungswagen vor den Kinos und zu Friedkins Notiz über den Papst: Übersicht zum „Exorzisten" (https://en.wikipedia.org/wiki/The_Exorcist). Die Hörerzahlen sind die Szene aus „Private Parts" (1997) (https://en.wikipedia.org/wiki/Private_Parts_(1997_film)) – eine Erzählung aus Howard Sterns eigener Verfilmung, keine geprüfte Marktforschung. Zur Entstehung von „Maschen-Draht-Zaun" und zur Millionenauflage: Übersicht (https://en.wikipedia.org/wiki/Maschen-Draht-Zaun). Zur gestuften Freigabe und späteren Vollveröffentlichung von GPT-2: MIT Technology Review (https://www.technologyreview.com/2019/08/29/133218/openai-released-its-fake-news-ai-gpt-2/). Zu Claude Mythos Preview, dem Sicherheitsbericht vom 7. April 2026 und dem beschränkten Zugang über „Project Glasswing": Bewertung des britischen AI Security Institute (https://www.aisi.gov.uk/blog/our-evaluation-of-claude-mythos-previews-cyber-capabilities).
Dass Warnhinweise das Interesse erhöhen können, und zwar besonders bei autoritativer Quelle, zeigen Bushman & Stack (1996) (http://www-personal.umich.edu/~bbushman/bs96.pdf). Zur Geschichte des US-amerikanischen „Parental Advisory"-Hinweises – Senatsanhörungen 1985, freiwillige Selbstverpflichtung der Plattenindustrie, standardisiertes Siegel ab 1990, Weigerung großer Handelsketten: Übersicht (https://en.wikipedia.org/wiki/Parental_Advisory); die Einschätzung von Fresh Kid Ice zitiert Ambrosia for Heads (https://ambrosiaforheads.com/2015/07/25-years-ago-today-2-live-crew-made-history-bringing-out-the-parental-advisory-sticker/).
Das Erpressungsszenario mit der Quote von 84 Prozent und dem Hinweis, dass dem Modell nur zwei Optionen gelassen wurden, beschreibt Anthropic selbst (https://www.anthropic.com/research/agentic-misalignment). Die Zweifel an der Nachprüfbarkeit des Berichts über eine weitgehend selbstständig geführte Spionagekampagne: The Conversation (https://theconversation.com/an-ai-lab-says-chinese-backed-bots-are-running-cyber-espionage-attacks-experts-have-questions-269815). Zur Korrelation vieler Sicherheits-Benchmarks mit allgemeiner Leistungsfähigkeit: „Safetywashing" (NeurIPS 2024) (https://arxiv.org/abs/2407.21792). Zur Beschäftigungslücke bei jungen Berufseinsteigern: Brynjolfsson, Chandar & Chen, Stanford Digital Economy Lab (https://digitaleconomy.stanford.edu/publication/canaries-in-the-coal-mine-six-facts-about-the-recent-employment-effects-of-artificial-intelligence/). Dass bei den Wahlen 2024 einfache Fälschungen deutlich häufiger eingesetzt wurden als KI-erzeugtes Material: Harvard Ash Center (https://theconversation.com/the-apocalypse-that-wasnt-ai-was-everywhere-in-2024s-elections-but-deepfakes-and-misinformation-were-only-part-of-the-picture-244225).
## Häufige Fragen
Frage: Behaupten KI-Unternehmen die Gefahren ihrer Produkte nur aus Marketinggründen?
Antwort: Nein. Aufrichtige Sorge und kommunikativer Nutzen schließen einander nicht aus – eine Warnung kann ernst gemeint sein und trotzdem verkaufen. Prüfbar ist ohnehin nicht die Motivlage, sondern die Messung: Wie war das Experiment gebaut, aus dem eine Zahl stammt, und kann ein Dritter es nachvollziehen?
Frage: Warum macht eine Warnung ein Produkt attraktiver?
Antwort: Weil Gefährlichkeit als Beleg für Macht gelesen wird. Die Forschung zum sogenannten Forbidden-Fruit-Effekt zeigt, dass Warnhinweise das Interesse erhöhen können – besonders dann, wenn sie von einer autoritativen Quelle stammen. Bei Technologie ist niemand autoritativer als der Hersteller selbst.
Frage: Kann man die Warnungen ernst nehmen und die Technologie trotzdem nutzen?
Antwort: Das ist sogar der Regelfall. Wer Meldungen über Ausbruchsversuche und Täuschungsmanöver sammelt, gehört häufig zu den intensivsten Nutzern – beides schließt einander nicht aus. Genau darin liegt die Wirksamkeit der Erzählung: Sie erzeugt Aufmerksamkeit, nicht Abstand.
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# Eine E-Mail ist kein Liebesbrief
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 28. Juni 2026
URL: https://margenfeld.com/journal/eine-e-mail-ist-kein-liebesbrief/
Themen: KI-Transformation, Strategische Kommunikation, Authentizität, Markenführung
Kurzfassung: „KI ja – aber die Mitarbeiter schreiben ihre E-Mails noch selbst." Diesen Satz höre ich gerade oft. In ihm steckt eine Entscheidung, die kaum jemand ausspricht – und mehr Tragweite, als sie meint.
Was schützen wir eigentlich, wenn wir die Künstliche Intelligenz aus unserer E-Mail heraushalten wollen?
Ich höre gerade einen Satz immer wieder. Ich sitze nicht in diesen Unternehmen — aber ich höre ihn aus ihnen heraus: in Gesprächen, auf Bühnen, in dem, was Menschen weitertragen, sobald es um KI geht. Er geht so: „KI können wir machen. Aber mir ist wichtig, dass die Mitarbeiter ihre E-Mails noch selbst schreiben."
Mal heißt es E-Mail. Mal heißt es: Die Konzepte müssen von Menschen kommen. Mal: Die wichtigen Texte schreiben wir selbst. Es ist immer derselbe Satz, nur das Objekt wechselt. Ich höre ihn so oft, weil ich mich mit strategischer Kommunikation beschäftige — also horche ich auf, wenn er fällt. Die E-Mail ist dabei nur das handlichste Beispiel. Gemeint ist mehr. Gemeint ist der ganze Stapel, mit dem ein Unternehmen denkt und spricht: Mails, Texte, Konzepte, Entscheidungen. Bleiben wir trotzdem bei der E-Mail. An ihr lässt sich alles zeigen.
Ich mag den Satz. Wirklich. Er hat eine Haltung, und Haltung ist mir lieber als Begeisterung ohne Grund. Und trotzdem werde ich ihn nicht los. Weil ich den Verdacht habe, dass darin mehr entschieden wird, als die Person meint, die ihn sagt. Also lassen Sie mich beides ernst nehmen. Erst die Sympathie. Dann den Verdacht.
## Der Anlass: Der Spiegel hat sich gerade entschieden
Ich schreibe das nicht im luftleeren Raum. Gerade hat der Spiegel beschlossen, dass keine KI mehr seine Texte schreiben oder umschreiben darf. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat dafür ein einziges Wort aus den Redaktionsrichtlinien gestrichen. Bisher war KI erlaubt, solange ein Text „maßgeblich" von Menschen kam. Das „maßgeblich" ist jetzt weg.
Spannend ist, wie er die Debatte dahinter beschreibt. Lang. Hitzig. Zwei Lager. Auf der einen Seite die, die er „Autobauer" nennt: Leute, die ihren Text selbst bauen wollen, von vorn bis hinten. Auf der anderen Seite die „TÜV-Fraktion": Leute, die KI schreiben lassen und das Ergebnis danach prüfen und freigeben würden. Kurbjuweit hat sich für die Autobauer entschieden.
Sie merken, warum mich das aufhorchen lässt. Das sind genau die zwei Lager, um die es auch im Unternehmen geht, wenn jemand sagt, die Mitarbeiter sollen ihre E-Mails noch selbst schreiben. Selber bauen, oder prüfen und freigeben. Ich komme darauf zurück. Vorher aber muss ich die Frage stellen, die der Spiegel für sich längst beantwortet hat.
## Erst die Frage, die zu selten gestellt wird: Was ist eine E-Mail überhaupt?
Bevor ich darüber urteile, ob eine Maschine an einer E-Mail mitschreiben darf, will ich wissen, wovon wir reden. Und das ist gar nicht so klar. Eine E-Mail ist nämlich nicht eine Sache. Sie ist viele.
Da ist die E-Mail, in der es um zwei Menschen geht. Die private Nachricht. Der Gruß zum Geburtstag. Der Liebesbrief an die Partnerin, von mir aus. So etwas würde ich nicht ungeprüft einer KI überlassen. Nicht aus Prinzip. Sondern weil hier etwas anderes auf dem Spiel steht als Information.
Ein Geschenk wirkt in zwei Richtungen. Es tut etwas mit dem, der es bekommt. Und es tut etwas mit dem, der es macht. Gebe ich den Brief an den Menschen, den ich liebe, aus der Hand, egal an wen, dann verschenke ich nicht das Ergebnis. Ich verschenke, dass ich es selbst getan habe. Das war der eigentliche Beweis. Hier zählt die Herkunft. Das ist keine Frage von Effizienz. Das ist Provenienz.
Über diese Frage habe ich [an anderer Stelle länger geschrieben](https://margenfeld.com/journal/es-gab-nie-ein-goldenes-zeitalter-der-echtheit). Kurz gesagt: Echtheit ist keine Eigenschaft des Mediums, sondern eine Beziehung. Zwischen Quelle, Kontext und dem, was ich erwarten darf. Es gab nie ein goldenes Zeitalter der Echtheit, in dem alles rein und unberührt war. Es gab immer nur die Frage, was an dieser Stelle, in diesem Moment, zu Recht erwartet wird. Beim Liebesbrief erwarte ich die Hand des Menschen. Und das ist auch richtig so.
Dann gibt es die andere E-Mail. Die geschäftliche. Und da verschiebt sich alles.
## Im Geschäftlichen liegen die Dinge anders
Den Reflex verstehe ich hier sofort. Natürlich müssen Informationen stimmen. Natürlich darf nichts Sensibles, nichts Falsches, nichts Halbgares raus. Dafür haben wir uns Menschen — als prüfende Schicht. Das ist richtig, und das bleibt richtig.
Nur: Zwischen „der Mensch prüft" und „die Maschine darf gar nichts" liegt ein weiter Raum. Und ich beobachte, dass wir diesen Raum zu schnell zumachen. Wer die KI grundsätzlich aus dem Mailverkehr heraushält, schützt sich vielleicht vor einem Risiko. Er verschenkt aber auch etwas. Die Chance nämlich, einen Gedanken klarer zu ordnen. Ein bisschen mehr vom Gegenüber her gedacht. Etwas weniger umständlich.
Und seien wir ehrlich über den Zustand unserer geschäftlichen Post. Wir verlabern uns. Wir schreiben lange Mails, längere Dokumente und noch längere Konzepte, in denen die eigentliche Aussage irgendwo in der Mitte vergraben liegt. Und dann passiert das, worüber kaum jemand spricht: Die KI auf der anderen Seite kürzt das Ganze sowieso wieder ein. Ob heimlich am Schreibtisch oder im freigegebenen Tool des Hauses, spielt keine Rolle. Meine drei Absätze werden zu drei Zeilen, bevor mein Adressat sie überhaupt liest.
Da liegt für mich die Pointe. Wir streiten, ob am Anfang eine Maschine mitschreiben durfte. Und übersehen, dass am Ende fast immer eine mitliest.
[Bild: Studio-Stillleben: ein einzelner Geschäftsbrief-Umschlag steht aufrecht auf reinem Weiß und wirft einen harten Schlagschatten in Form eines Vorwärts-Pfeils. Khaki-Lichtkante. — Am Ende liest fast immer eine Maschine mit — und hat den Daumen auf der Weiterschalttaste.]
Im Radio habe ich über zwanzig Jahre lang gelernt, dass man in den ersten Sekunden gesagt haben muss, worum es geht. Sonst schaltet der Hörer weg, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Der Posteingang ist nichts anderes. Nur dass dort heute eine Maschine den Daumen auf der Weiterschalttaste hat. Die Kunst ist also nicht, die KI fernzuhalten. Die Kunst ist, neu zu denken, was eine geschäftliche E-Mail eigentlich leisten soll. Weniger Text, mehr Aussage. Reichweite ist Output. Wirkung ist Outcome. Im Posteingang gilt nichts anderes.
## Der Denkfehler steckt im Wort „echt"
Jetzt der Punkt, an dem ich widersprechen muss.
Unter dem schönen Satz liegt oft eine leise Annahme. Sie lautet: Was die KI berührt hat, ist nicht mehr echt. Keine echte Leistung. Irgendwie gefälscht. Das klingt nach Schutz von Authentizität. Es ist in Wahrheit eine Sackgasse.
Denn wenn ich Menschen für den Umgang mit KI-Werkzeugen in die Verantwortung nehme, und das tun wir, mit gutem Grund, dann gehe ich davon aus, dass geprüft wurde. Verantwortung und Prüfung sind dasselbe von zwei Seiten. Von vornherein zu unterstellen, alles, was eine KI angefasst hat, sei ab jetzt Fälschung und keine Leistung mehr, ist nicht fair gegenüber den Leuten, die diese Werkzeuge sauber führen. Und es ist teuer.
Die Branche, die ihre Plakate gegen KI-Bilder verteidigt, ahnt dabei etwas Wahres. Menschen schätzen erkennbaren Aufwand. Der Tagesspiegel Background hat Anfang 2026 in einem Gastbeitrag etwas Verwandtes zusammengetragen: Wo Anstrengung sichtbar wird, steigt die Bereitschaft, einer Marke zu vertrauen und bei ihr zu kaufen. Authentizität hängt eben nicht am Wie allein. Sie hängt am Wer. Da stimme ich zu. Bloß folgt daraus nicht, dass jedes Werkzeug die Echtheit zerstört. Es folgt, dass Herkunft und Verantwortung sichtbar bleiben müssen.
Wie absurd die andere Lesart wird, führt das Magazin KOM in einer kleinen Szene vor. Da rät ein selbsternannter Personal-Branding-Experte, man solle seine mit KI geschriebenen Beiträge mit ein, zwei absichtlichen Tippfehlern garnieren, dann fühle sich der Text „authentischer" an. Jemand aus dem Publikum legt nach: Er nehme immer die Gedankenstriche raus, damit keiner die Maschine merkt. Das ist die Echtheit, die wir bekommen, wenn wir „echt" mit „unberührt von KI" verwechseln. Inszenierte Schludrigkeit. Ein Tippfehler ist noch kein Charakter.
## Jetzt raus aus der Philosophie, rein in den Markt
Bis hierhin könnte man das alles für Geschmack halten. Jedes Haus darf entscheiden, wie es arbeiten will. Und ich gehe gar nicht erst in die Philosophie eines einzelnen Unternehmens. Mir geht es um etwas Nüchterneres. Um eine Sorge in der Marktbetrachtung.
Denn inzwischen ist ziemlich klar, wer in Unternehmen die KI besonders gern und besonders breit einsetzt. Es sind nicht die, die Digitalem ohnehin mit Misstrauen begegnen. Es sind die digitalaffinen Leistungsträger.
Eine Gallup-Erhebung von Ende 2025 zeigt das deutlich. In Technologie und IT nutzen rund drei von vier Beschäftigten KI in ihrer Rolle. In Finanzen und professionellen Diensten mehr als die Hälfte. Im Einzelhandel ist es ein Drittel, im Gesundheitswesen und in der Produktion gut vier von zehn. McKinsey beschreibt in seinem State of AI die „High Performer" als die Organisationen, die KI nicht zum Sparen einsetzen, sondern um zu wachsen und Abläufe neu zu bauen. Und gerade die haben klar geregelt, wann ein Ergebnis durch einen Menschen muss. Der PwC AI Jobs Barometer 2026 misst beim oberen Fünftel der am stärksten KI-exponierten Unternehmen ein Produktivitätswachstum, das den Rest weit hinter sich lässt. Die prüfende Schicht Mensch verschwindet bei den Besten also nicht. Sie wird ernster genommen.
Und diese Leute sitzen längst in Ihrem Haus. Sie nutzen KI bereits, ob freigegeben oder nicht. Die Zahlen zur sogenannten Shadow AI sind da unmissverständlich. UpGuard meldete im November 2025, dass rund vier von fünf Beschäftigten nicht freigegebene KI-Werkzeuge verwenden. Eine Studie der Software AG kommt auf die Hälfte. Cybernews kommt bei Führungskräften und leitenden Managern sogar auf über neunzig Prozent. Und wer das sperrt, gewinnt damit keine Kontrolle zurück: Fast die Hälfte würde die Werkzeuge selbst bei einem ausdrücklichen Verbot einfach weiternutzen, nur unauffälliger. IBM hat sogar ausgerechnet, dass eine Datenpanne über Shadow AI im Schnitt teurer wird als eine über die offiziellen Wege.
Lesen Sie das ruhig zweimal.
> Das Verbot erzeugt nicht weniger KI im Unternehmen. Es erzeugt weniger sichtbare KI im Unternehmen.
## Der Spiegel hat recht. Nur über etwas anderes.
Und damit zurück zum Spiegel. Hat Kurbjuweit sich geirrt? Nein. Für ein Menschenmedium ist die Entscheidung richtig. Denn dort ist das Schreiben das Produkt. Der Text ist die Leistung, die Hand ist die Ware. Kurbjuweit beruft sich sogar auf eine Studie, auf die die Financial Times verwiesen hat: Sieben von zehn Lesern ist es lieber, wenn beim Verfassen keine KI im Spiel war. Das ist der Liebesbrief, im Maßstab einer ganzen Redaktion. Der Leser erwartet die menschliche Hand. Und er bekommt sie. Richtig so.
Aber genau das ist die Grenze. Ein Spiegel-Essay ist keine Quartalsmail. Was der Spiegel schützt, ist seine Identität, sein „Gemüt", das, wofür die Leute ihn überhaupt kaufen. Eine interne Statusmail schützt keine Identität. Sie transportiert eine Information. Wer den Spiegel-Beschluss nimmt und ihn eins zu eins auf den Posteingang seines Unternehmens legt, verwechselt den Liebesbrief mit der Quartalsmail.
Und noch etwas steht in diesem Leitartikel, das gern überlesen wird. Selbst der Spiegel zieht kein Reinheitsgebot. „Weder Roboter noch Reinheitsgebot", schreibt Kurbjuweit. KI bleibt erlaubt fürs Übersetzen, fürs Prüfen von Fakten, für die Auswertung großer Datenmengen. Ausnahmen werden gekennzeichnet. Das Haus, das den menschlichen Text am entschlossensten verteidigt, behauptet eben nicht, alles, was KI berührt, sei gefälscht. Es unterscheidet nach Schöpfungstiefe. Mehr habe ich oben nicht verlangt.
## Der Satz entscheidet mehr, als er sagt
Ich halte die Haltung trotzdem für legitim. Das will ich ausdrücklich sagen, weil ich niemandem den Wunsch nach der eigenen Handschrift ausreden will. Es muss den Raum geben, in dem ein Unternehmen seine eigenen Entscheidungen trifft. Den verteidige ich.
Aber in dem schönen Satz steckt mehr als der Wunsch, dass die Leute ihre Mails noch von Hand tippen. In ihm steckt eine Digitalisierungsentscheidung. Und ich bin nicht sicher, ob uns in dem Moment, in dem wir den Satz aussprechen, die Tragweite bewusst ist.
Denn wer das fordert, fordert am Ende vor allem händische Arbeit. Nicht nur im Postfach. An jedem Text, an jedem Konzept. Und sagt damit, in der Sache: Ich habe diese KI-Werkzeuge angeschafft, aber eigentlich will ich nicht, dass jemand sie benutzt. Dann ist das Arbeiten mit ihnen faktisch untersagt. Nur hat es keiner so ausgesprochen. Hier schließt sich der Kreis zur Marktbetrachtung. Die Frage ist nicht, ob ein Unternehmen so entscheiden darf. Es darf. Die Frage ist, wie lange es frei entscheiden kann, wenn es der digitalen Transformation mit harten, unreflektierten Vorbehalten begegnet. Während die eigenen Leistungsträger die Werkzeuge längst nutzen. Und der Wettbewerb sie führt.
Verbote können uns emotional beschützen. Das ist nichts Kleines. Der Wunsch nach dem Echten, nach der eigenen Hand, ist menschlich und ehrenwert. Aber vor der Realität schützen sie uns nicht. Die Realität sitzt schon im Posteingang. Auf beiden Seiten.
## Wo ich die Grenze ziehe
Damit kein Missverständnis bleibt. Ich finde nicht, dass KI im Geschäftlichen „auch mal" mitschreiben darf. Ich finde, KI-assistiertes Schreiben sollte immer erlaubt sein. Die Grenze verläuft nicht zwischen Mensch und Maschine. Sie verläuft an der Urteilsfähigkeit.
Solange ein Mensch entscheiden kann, *was* gesagt wird — solange er die Position hält, das Ergebnis beurteilen kann und dafür geradesteht —, darf er jedes Werkzeug benutzen, um es zu sagen. Nicht das Werkzeug entscheidet über Echtheit. Sondern, wer das Steuer in der Hand hält. „Erlaubt" ist gar nicht die eigentliche Frage. *Verantwortet* ist die Frage.
Was dann als echtes Problem übrig bleibt, ist nicht die Maschine. Es ist die Beliebigkeit. Der Moment, in dem niemand mehr entscheidet, was eigentlich gesagt werden soll. Mit KI kommt dieser Moment schneller. Aber es ist kein Maschinenfehler. Es ist ein Urteilsfehler.
Und der Liebesbrief? Der ist keine Ausnahme von dieser Regel. Er ist ein anderes Spiel. Im Privaten, zwischen zwei Menschen, ist nicht die Botschaft das Geschenk, sondern dass ich es selbst getan habe. Da zählt die Hand, nicht das Urteil über den Inhalt. Das ist kein Verbot von KI. Das ist ein anderes Feld mit einem anderen Wert.
Ich verteidige beides: meine Überzeugung, dass es erlaubt sein sollte — und das Recht eines Hauses, es anders zu sehen. Nur sollte es eine Entscheidung sein. Keine Gewohnheit, die sich für eine Haltung hält.
[Bild: Bauhaus-Infografik: zwei Spalten, getrennt durch eine dünne Linie. Links ein flächiger Khaki-Kreis mit Siegel-Punkt (Beziehung, Herkunft), rechts ein kühles Raster aus schmalen Rechtecken (Information, Klarheit). — Wann die Herkunft zählt — und wann die Klarheit.]
Vielleicht ist genau das die Aufgabe. Nicht, die Maschine fernzuhalten. Auch nicht, sie blind hereinzulassen. Sondern zu wissen, wann es um die Beziehung geht und wann um die Information. Wann die Herkunft zählt und wann die Klarheit. Wann ich den Liebesbrief schreibe. Und wann die Quartalsmail.
Das eine ist kein Verrat am anderen. Es ist nur ein anderes Versprechen.
Welche Zukunft wollen wir gemeinsam bauen?
## Hinweise zum Text (Quellen)
Dieser Beitrag stützt sich auf eine Reihe öffentlicher Quellen und Studien. Wer nachlesen will, findet sie hier:
Die Spiegel-Entscheidung nach dem Leitartikel von Dirk Kurbjuweit, 26. Juni 2026: Bericht bei kress.de (https://kress.de/news/beitrag/154071-ein-fest-von-menschen-fuer-menschen-quot-spiegel-chef-kurbjuweit-verbannt-ki-aus-dem-schreiben.html).
Die von Kurbjuweit zitierte, über die Financial Times verbreitete Lesepräferenz („sieben von zehn"): FT Strategies (https://www.ftstrategies.com/en-gb/insights/should-people-care-if-ai-writes-the-news).
KI-Nutzung nach Branchen — Gallup, Erhebung Q4 2025 (veröffentlicht Januar 2026): gallup.com (https://www.gallup.com/workplace/701195/frequent-workplace-continued-rise.aspx).
Die „High Performer" — McKinsey, The State of AI: mckinsey.com (https://www.mckinsey.com/capabilities/quantumblack/our-insights/the-state-of-ai).
Produktivität der am stärksten KI-exponierten Unternehmen — PwC, Global AI Jobs Barometer 2026: pwc.com (https://www.pwc.com/gx/en/issues/artificial-intelligence/ai-jobs-barometer.html).
Shadow AI bei Beschäftigten — UpGuard, State of Shadow AI, November 2025: upguard.com (https://www.upguard.com/resources/the-state-of-shadow-ai).
Shadow AI und Verbote — Software AG, Chasing Shadow AI (Befragung von Wissensarbeitern, Oktober 2024), referiert bei SecurityWeek (https://www.securityweek.com/the-shadow-ai-surge-study-finds-50-of-workers-use-unapproved-ai-tools/).
Shadow AI bei Führungskräften — Cybernews, 2026: cybernews.com (https://cybernews.com/ai-news/ai-shadow-use-workplace-survey/).
Kosten einer Datenpanne — IBM, Cost of a Data Breach Report 2025: ibm.com (https://www.ibm.com/reports/data-breach).
Sichtbarer Aufwand und Vertrauen — Gastbeitrag im Tagesspiegel Background, Januar 2026: background.tagesspiegel.de (https://background.tagesspiegel.de/digitalisierung-und-ki/briefing/das-neue-mass-aller-dinge).
Die Szene mit den Tippfehlern — Magazin KOM, „Authentizität ist kein Tippfehler", Oktober 2025: kom.de (https://www.kom.de/analyse/authentizitaet-ist-kein-tippfehler/).
## Häufige Fragen
Frage: Worum geht es in „Eine E-Mail ist kein Liebesbrief"?
Antwort: Um den Satz „KI ja – aber die Mitarbeiter schreiben ihre E-Mails noch selbst." Stefan Margenfeld nimmt die Haltung dahinter ernst, zeigt aber, dass in ihr eine Digitalisierungsentscheidung steckt, die selten ausgesprochen wird. Sein Kern: Man muss unterscheiden, wann es um Beziehung und Herkunft geht (der Liebesbrief) und wann um Information und Klarheit (die Quartalsmail) – statt KI pauschal aus der Kommunikation herauszuhalten.
Frage: Hat Der Spiegel KI beim Schreiben verboten?
Antwort: Im Juni 2026 hat Chefredakteur Dirk Kurbjuweit das Wort „maßgeblich" aus den Redaktionsrichtlinien gestrichen – damit dürfen Spiegel-Texte nicht mehr von KI geschrieben oder umgeschrieben werden. Erlaubt bleibt KI etwa fürs Übersetzen, Prüfen und für die Auswertung großer Datenmengen, Ausnahmen werden gekennzeichnet („weder Roboter noch Reinheitsgebot"). Für ein Menschenmedium, dessen Produkt das Schreiben ist, hält Margenfeld das für richtig – aber nicht eins zu eins auf den Posteingang eines Unternehmens übertragbar.
Frage: Was ist Shadow AI und warum ist ein KI-Verbot riskant?
Antwort: Shadow AI bezeichnet die Nutzung nicht freigegebener KI-Werkzeuge durch Mitarbeitende. Erhebungen zeigen sie verbreitet: UpGuard meldete im November 2025 rund vier von fünf Beschäftigten, bei Führungskräften kommt Cybernews auf über neunzig Prozent. Ein Verbot senkt nicht die KI-Nutzung, sondern ihre Sichtbarkeit – fast die Hälfte würde die Werkzeuge laut Software AG selbst bei einem ausdrücklichen Verbot weiternutzen. IBM beziffert eine Datenpanne über Shadow AI im Schnitt sogar als teurer als eine über offizielle Wege.
Frage: Wann sollte KI in der Unternehmenskommunikation mitschreiben dürfen?
Antwort: Margenfelds Unterscheidung ist nicht Mensch oder Maschine, sondern Beziehung oder Information. Wo die Herkunft die Botschaft trägt – die persönliche Nachricht, das Testimonial, die Identität einer Marke –, zählt die menschliche Hand. Wo es um die klare Weitergabe von Information geht – die interne Statusmail, die Quartalsmail –, darf KI ordnen und kürzen helfen, solange ein Mensch prüft und die Verantwortung trägt.
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# Es gab nie ein goldenes Zeitalter der Echtheit
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 17. Mai 2026
URL: https://margenfeld.com/journal/es-gab-nie-ein-goldenes-zeitalter-der-echtheit/
Themen: KI-Transformation, Strategische Kommunikation, Authentizität, Markenführung
Kurzfassung: Warum die aktuelle Diskussion um Authentizität und künstliche Intelligenz auf einem fragwürdigen Bild beruht — und warum Echtheit weniger eine Eigenschaft des Mediums ist als eine Beziehung zwischen Quelle, Kontext und Erwartung.
Ich erinnere mich noch an eine Szene aus meinen Anfängen im Radio. Eine meiner ersten Sendungen. Selbstfahrerstudio, Samstag, ich hatte richtig Lust auf eine tolle Show. Teilweise war ich gut vorbereitet. Teilweise habe ich mir gesagt: Ich will authentisch wirken, deswegen gehe ich auch dann rein, wenn ich denke, dass es gerade in den Musikfluss passt. Nach der Sendung hatte ich ein richtig gutes Gefühl. Ich dachte: Ich bin ein klasse Moderator.
Dann kam der Montag. Mein Chef hat mich zu sich ins Büro zitiert und gefragt: Was hast du denn da eigentlich veranstaltet? Das war, und ich zitiere — damals waren die Worte im Radio noch härter als heute — „Programm-Terrorismus". Ich hätte den Musikfluss zerstört, ich hätte den Hörer viel zu oft beim Musikhören gestört, ich hätte viel zu viel gequatscht. Und am Ende sei ich kaum noch zu folgen gewesen.
Wir haben dann aber auch eine Vereinbarung getroffen: Wir arbeiten an den Stärken des Moderators Stefan Margenfeld — und weniger daran, dass er immer nur seinen Impulsen folgt. Weil es gibt einen großen Unterschied zwischen Wahrhaftigkeit und Echtheit. In der Öffentlichkeit wollen wir eigentlich nur eine bestimmte Facette von uns zeigen, damit wir überhaupt eine Chance haben, vom Hörer verstanden zu werden.
Das war für mich ein Lehrstück. Auch zwischen Selbstbild und Fremdbild. Echtheit ist eben nicht das, dass ich einfach reingehe und Dinge tue, völlig ungesteuert, und danach das gute Gefühl habe, hier waren viele Sachen nicht vorbereitet. Echtheit ist die gezielte Wiederholung von Dingen, die für den Hörer im Kontext dessen, wo ich etwas sage, plausibel erscheinen.
Ich hatte damals an dem Montag nicht so richtig verstanden, was mein Chef meinte, als er sagte: Es gibt positive Eigenschaften von dir als Moderator. An denen wollen wir arbeiten. Die wollen wir öfter zeigen. Denn das bist du.
Heute weiß ich, was er gemeint hat. Er meinte nicht: Wir wollen hier den echten Stefan. Er meinte: Wir wollen den Ausschnitt von dir, der tragen kann. Den wiederholen wir, bis das Publikum ihn — und damit dich — erkennt.
Das war meine erste praktische Lektion darüber, wie öffentliche Authentizität funktioniert. Man kann das medienkritisch zerlegen. Aber das war lange Zeit Thema in professioneller Kommunikation, und es ist auch heute noch Thema. Und es hat sehr viel mit dem zu tun, was wir gerade unter dem Schlagwort KI und Echtheit diskutieren.
## Die Diskussion, die wir gerade führen, ist eigentlich die falsche
Es läuft seit einigen Jahren ein regelrechter Kulturkampf. Echt gegen fake. KI macht Bilder, die keine Bilder sind. Stimmen erklingen, die eigentlich keine echten Stimmen sind, sondern maschinelle. Texte, die nach Mensch klingen sollen, die aber niemand von Hand geschrieben hat.
Es ergießen sich kilometerlang Artikel darüber, wie oft man jetzt mittlerweile einen Bindestrich setzen darf oder wie oft man direkte Vergleiche setzen darf, weil das alles jetzt Indikatoren für Maschinen-Texte seien. Offenbar ist uns wichtig, nicht als Maschine erkannt zu werden, sondern dass die Handwerklichkeit weiterhin deutlich wird.
Ich finde diese Reaktionen verständlich. Trotzdem ist die ganze Diskussion meiner Meinung nach falsch konstruiert. Sie funktioniert nämlich nur, wenn wir unterstellen, dass das, was vor der KI war, alles echt war. Dass es ein Davor gab, in dem Bilder noch Wahrheit waren und Texte noch Wahrheit waren und Stimmen noch ganz unvermittelt waren. Als hätte es vorher eine Art medialen Naturzustand gegeben.
Ich denke, den gab es nie.
Jedes Foto ist eine Auswahl. Wo die Kamera steht, wann der Auslöser fällt, was ins Bild kommt und was draußen bleibt — das sind Entscheidungen des Fotografen. Und die Bildauswahl an sich ist eine Entscheidung der Redaktion. Jede Inszenierung ist und bleibt eine Inszenierung, ob ich sie im Werbespot habe oder in einer Tageszeitung, wenn ich ein Feature lese. Es unterliegt immer der Auswahl eines Journalisten. Das lernt man übrigens auch im Volontariat: Objektivität im Journalismus ist eigentlich eine Illusion, weil wir alles unter gewissen Bedingungen vorauswählen, um es Konsumentinnen und Konsumenten zu präsentieren.
Eigentlich wussten wir das alle schon immer. Diese Medienkritik ist auch nicht neu. Wir haben das Ganze nur lange erfolgreich verdrängt, weil das Verdrängen bequemer ist als das Mitdenken.
Was sich jetzt mit KI verändert, ist aber nicht einfach nur „mehr vom Selben". Es ist etwas qualitativ Neues. Eine Zeitung wählt aus, das stimmt — aber sie erfindet keine Ereignisse. Ein Foto ist eine Komposition, das stimmt — aber es zeigt eine Sache, die war. Mit KI fällt diese Grundvoraussetzung weg. Das Gemachte wird nicht nur skalierbar, es wird auch granular aussteuerbar. Und es wird, anders als alles davor, *ereignislos* produzierbar. Da reißt etwas, was meistens vorher noch hielt: die Verbindung zwischen der Anmutung von etwas und seiner Herkunft. Ein Foto sah aus wie ein Foto, weil ich zurecht die Vorstellung haben konnte, da war eine Kamera und ein echter Mensch, den ich da drauf sehe. Eine Stimme war die Stimme eines echten Menschen, weil ein Mensch sie wohl gesprochen haben musste, sonst würde ich sie ja nicht hören.
Das war keine Garantie. Aber es war eine plausible Vermutung. Und diese Vermutung trägt nicht mehr.
## Drei Bedeutungen von „echt"
Wenn man sich mit dieser Diskussion ernsthaft beschäftigt, lohnt sich eine Unterscheidung. Was ist eigentlich echt? Wenn Menschen „echt" sagen, dann meinen sie meistens drei verschiedene Dimensionen. Und sie wechseln zwischen diesen drei Dimensionen permanent, ohne es zu merken.
Das erste ist die *Spur*. Es gab ein Ereignis, das sich kausal ins Medium eingeschrieben hat. Licht ist auf einen Sensor gefallen, Schall ist in ein Mikrofon gekommen, etwas Reales hat einen physischen Abdruck hinterlassen.
Das zweite ist die *Anmutung*. Es wirkt realistisch, es sieht aus, als wäre etwas geschehen. Ob tatsächlich etwas geschehen ist oder nicht, ist davon unabhängig.
Das dritte ist *Vertrauen*. Wer hat das gemacht? Mit welcher Absicht? Nach welchen Standards? In welchem sozialen Vertrag mit dem Publikum entstand das?
Bis vor kurzem konnten wir uns auf eine Abkürzung verlassen: Wenn die Anmutung stimmt, dann war wahrscheinlich auch eine Spur da. Diese Abkürzung war nie präzise, aber sie hat im Alltag meistens gereicht. Mit KI reicht sie nicht mehr. Anmutung ist mittlerweile auf Knopfdruck und per Prompt verfügbar. Die Spur wird damit als Vertrauensquelle entwertet.
Was bleibt, ist das dritte — und das ist ganz wichtig: Vertrauen. Es ist anstrengender als die Abkürzung. Aber es ist im Grunde das, worauf Vertrauen schon immer angewiesen war.
Echtheit, so verstanden, ist selten eine Eigenschaft des Inhalts. Sie ist eine Eigenschaft der Beziehung zwischen Quelle, Kontext und Erwartung.
[Bild: Bauhaus-Infografik: drei geometrische Spalten – Kreis (Spur), Quadrat (Anmutung), Dreieck (Vertrauen). Das Dreieck in Khaki #aba47e. — Drei Bedeutungen von echt — und welche bei KI trägt.]
## Was Radio, Sprecherarbeit und Marketing über gemachte Echtheit lehren
Ich habe mehr als 20 Jahre in verschiedenen Räumen gearbeitet, in denen Authentizität gemacht wurde. Ich habe sie nicht gefälscht, sondern gemacht.
Im Radio war ich eine Personality. Und diese Personality entstand schlicht und ergreifend durch Wiederholung. Was beim Publikum funktionierte, das haben wir stabilisiert. Was nicht funktionierte, das wurde leise, still und heimlich abgelegt. Das Ergebnis war kein ungefilterter Mensch hinter dem Mikrofon, sondern ein wiederkehrender Ausschnitt eines Menschen, an dem das Publikum sich orientieren konnte. War das echt? Im Sinne von unvermittelt: nein. Im Sinne von konsequent, verlässlich, wiedererkennbar: absolut.
In der Sprecherarbeit habe ich gelernt, dass eine Marke einen Klang hat, den jemand entscheiden muss. Der Kunde sagt, wie er klingen will. Wärmer oder distanzierter. Autoritärer oder kollegialer. Ruhig oder vorwärtsgewandt. Regie beeinflusst die Performance. „Echt" ist hier fast immer der gewünschte Output — es soll immer alles echt klingen. Aber damit war nie der wirkliche innere Kern gemeint, den man als Sprecher freilegen müsste. Das meine ich nicht zynisch. Das gehört zu den Kernhandwerken eines Sprechers: Authentizität möglichst nah und glaubhaft für den Rezipienten zu simulieren. Und es ist auch für eine Marke entscheidend, eine Aussage darüber zu treffen, wie sie klingen, aussehen und sich anhören möchte. Dass sie ihre Wirkung nicht dem Zufall überlassen will.
In der Marketing- und Kommunikationsleitung, wo ich heute arbeite, geht es nicht primär um Echtheit. Die Hauptwährung für mich ist Kongruenz. Ich habe die Philosophie eines Unternehmens, ich habe seine Marke nach außen, und ich habe seine Wahrnehmung beim Publikum — oder besser formuliert: bei den verschiedenen Anspruchsgruppen. Diese drei Ebenen müssen zueinander passen.
Wenn sie auseinanderlaufen, entsteht nicht zwangsläufig Unechtheit. Vielleicht ist es sogar das Authentischere, weil wir alle inhaltlich in unserem Leben auseinanderlaufen — niemand, oder nur wenige Menschen, die ich kenne, sind als Kind derselben Ansicht wie als Erwachsener. Aber im Unternehmenskontext, und gerade wenn wir über Marketing-Kommunikation sprechen, kann durch diese Divergenz Misstrauen entstehen. Und Misstrauen ist die teuerste Währung, die eine Marke kennen kann. Misstrauen ist das Schwierigste, was einer Marke widerfahren kann.
Aus diesen drei Erfahrungen ziehe ich eine Schlussfolgerung. Öffentliche Authentizität ist fast nie ein Naturzustand. Sie ist ein stabilisiertes Format. Eine Disziplin. Eine bewusste Engfassung dessen, was man von sich zeigt — und wie man es zeigt. Wer das einmal verstanden hat, hört auf, sich von der KI-Diskussion aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.
## Warum sich Wahrheit oft nur leicht anfühlt
Es gibt einen Punkt, den ich in dieser ganzen Diskussion für ganz wichtig halte — und zugleich für einen, der zu selten beachtet wird.
Wenn etwas flüssig wirkt oder visuell plausibel, dann schreiben wir ihm leichter Wahrheit zu. Was leicht zu verarbeiten ist, fühlt sich für uns einfach wahrer an. Die Kognitionspsychologie nennt das *Processing Fluency*. Und es kommt etwas Zweites hinzu, der sogenannte *Illusory Truth Effect*: Wenn wir etwas öfter hören, halten wir es eher für wahr. Unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht. Beides ist seit Jahrzehnten empirisch gut belegt.
Das ist im normalen Medienalltag schon ein Problem. Mit KI wird es zu einem strukturellen. Denn KI skaliert nicht nur Inhalte. Sie skaliert auch Plausibilität. Vor allem durch Automation. Ich kann ständig Dinge wiederholen, ich kann einen Gedanken machen und ihn permanent setzen und streuen.
KI produziert auf Knopfdruck genau die glatten, sofort verarbeitbaren Anmutungen, die unser Gehirn als Wahrheitssignal interpretiert. Eine KI schreibt Texte so, dass ich sie möglichst leicht lesen kann. Ein KI-Bild fügt sich nahtlos ein. Ein KI-Audio klingt rund.
Und wir nehmen diese Leichtigkeit des Konsums als Beleg. Für Wahrheit. Für Echtheit. Wer in den nächsten Jahren ernsthaft kommunizieren will, der muss diesen Punkt verstehen. Sonst arbeitet er gegen Gehirne, die längst auf der Seite der Maschine stehen — ohne dass sich ihre Besitzer darüber bewusst sind.
## Mein Standpunkt: KI-freundlich, aber nicht beliebig
Ich bin in dieser Frage eindeutig. Ich halte KI für eine der spannendsten Werkzeugentwicklungen unserer Zeit. Eine kuratierte, menschlich durchsetzte Content-Pipeline, die KI als Motor nutzt, ist nicht unecht. Sie ist professionell.
Aber hier liegt der Punkt, den ich für entscheidend halte: KI ist nur dann professionell eingesetzt, wenn Haltung, Standards und Verantwortung vor dem Output stehen.
„Wirklich nicht echt" beginnt nicht da, wo eine KI im Spiel ist. Es beginnt da, wo Beliebigkeit einzieht. Wo ich den Output einfach mal machen lasse, ohne tiefere Perspektive, ohne eine Auswahl getroffen zu haben, ohne jemanden, der den Stift zur Hand hätte, sollte hier ein Eingriff erforderlich sein.
Eine Marke, die ihre KI-Pipeline laufen lässt, ohne vorher zu klären, was eigentlich ihre Stimme ist, wird nicht entlarvt, weil das Publikum die KI erkennt. Sie wird einfach austauschbar. Strategische Kommunikation muss vor der Pipeline kommen. Sie definiert, was überhaupt unsere Perspektive ist, welche Standards gelten sollen, welche Wiederholungen tatsächlich Wiedererkennung erzeugen — und vor allem: Wiedererkennung wofür.
Das gilt im Übrigen auch für mich. Wer in diesem Feld arbeitet und KI-Pipelines empfiehlt, ohne zuerst die strategische Frage zu klären, ist Teil des Problems, nicht der Lösung.
## Der granulare Blick statt der pauschalen Regel
Ich nehme mich bei dieser Diskussion nicht aus. An vielen Punkten komme ich selbst an Grenzen. Ich beschäftige mich genauso mit der Frage, wo KI in Projekten rein darf und wo nicht. Und ich merke, dass diese Frage nicht so einfach pauschal zu beantworten ist. Teilweise wird sie sehr granular.
Ein Beispiel. Wenn ich ein Bild für einen Artikel brauche, eine Metapher, etwas Atmosphärisches, etwas, das eine Idee illustriert — da darf KI rein. Das ist Werkzeug. Ein Konsistenzwerkzeug sogar. Früher gab es hier einen anderen Bereich: Stockfotografie. Da musste ich händisch bearbeiten, dass ein Produkt auf dem Schreibtisch steht. Das ist mittlerweile immer weniger notwendig. Nur besser auf das gemünzt, was ich tatsächlich sagen will.
Aber. Wenn es um Menschen geht. Wenn ich zum Beispiel ein Testimonial zeige — ein Mensch, der direkt in die Kamera schaut und von einer Erfahrung erzählt, die ich als Kommunikator positiv intendiere. Da muss dieser Mensch echt sein.
Nicht wegen der Kennzeichnungspflicht. Sondern weil die Aussage selbst sonst leer ist. Ein Testimonial behauptet eine Erfahrung. Wenn diese Erfahrung nicht stattgefunden hat, dann ist nicht nur das Bild „KI-generiert". Dann ist die ganze Aussage hohl — egal, ob ich es kennzeichne oder nicht. Hier trägt die Spur, im Sinne der drei Dimensionen von vorhin, kein Detail. Sie trägt die ganze Botschaft.
Das ist für mich weniger eine Bauchentscheidung. Das ist eine Frage, die ich mit der Unternehmensphilosophie abgleiche. Was passt zu dem, wofür eine Marke steht — und was nicht? Und dieser Abgleich muss vor jeder einzelnen Entscheidung stehen. Nicht erst dann, wenn das Bild oder das Video schon fertig ist.
Das ist anstrengender als eine Pauschalregel. Aber Pauschalregeln sind im Umgang mit KI, gerade in der Kommunikation, fast immer falsch. Entweder sind sie zu eng und blockieren sinnvolle Anwendungen. Oder sie sind zu weit und lassen Beliebigkeit zu, die nichts mit dem zu tun hat, was die Marke eigentlich sagen möchte.
Granular heißt: jede Anwendung einzeln durchdenken. Mit der Frage im Hinterkopf: Was würde es bedeuten, wenn jemand das wüsste? Wenn ich an dieser Stelle KI eingesetzt habe — steht das im Einklang mit dem, was ich behaupte zu sein? Oder steht da ein Bruch?
Und dann gibt es die andere Seite. Es gibt Bereiche, wo ich KI sogar mehr zutraue als Menschen. Das klingt erstmal überraschend, ist es aber überhaupt nicht.
Nehmen wir Produktdarstellungen, Packshots, Texte mit klaren Vorgaben. Überall da, wo ich präzise Standards setzen kann, ist eine Maschine im Vorteil. Sie ist dazu in der Lage, emotionslos Standards konsequent durchzusetzen. Eine Maschine ermüdet nicht. Sie wird nicht zwischendurch besonders kreativ, wo Konsistenz gefragt war — vorausgesetzt, ich stelle sie vorher vernünftig ein. Sie weicht nicht ab, weil sie heute mal Lust auf Abwechslung hat. Menschen tun das, und das ist meistens auch gut so. Aber an manchen Stellen ist genau das ein Problem für eine Marke.
Bei der semantischen Detailpräzision sieht es anders aus. Halluzinationen, Etikettengenauigkeit, Detailtreue — eine KI macht aus einem Produktnamen schnell etwas anderes, das ihm zwar ähnelt, aber nicht stimmt. Da braucht es weiterhin Kontrolle. Da braucht es Korrekturschleifen. Aber im Grundsatz gilt: Strukturell repetitive Aufgaben sind das Heimspiel der Maschine.
Das verändert auch die Frage, wo KI reindarf. Sie ist nicht: Maschine oder Mensch. Sie ist: In welchem Modus arbeitet das, was hier entstehen soll? Geht es um Konsistenz und Standard? Dann auf jeden Fall Maschine. Geht es um Spur, um Beziehung, um glaubwürdige Erfahrung? Dann brauche ich den Menschen. Und in den meisten Fällen arbeiten beide zusammen. Die Maschine liefert die Variante. Der Mensch trifft die Entscheidung.
## Ein Modell, das hilft
In der Praxis arbeite ich dafür mit einer einfachen Dreiteilung. Mensch. Marke. Maschine.
Der Mensch trägt die Stimme, die Haltung, die Grenzen. Und er trägt die Verantwortung. Es muss klar sein, wer prüft und wer freigeben soll. Das ist nicht delegierbar.
Die Marke setzt die Standards. Wie wir klingen. Wie wir aussehen. Was wir behaupten — und was wir nur vermuten. Diese Standards sind nicht Geschmack. Sie sind die Bedingung dafür, dass künstliche Intelligenz nicht in Beliebigkeit läuft.
Die Maschine liefert Geschwindigkeit. Und sie kann uns dabei unterstützen, konsistent zu sein. Sie verarbeitet Briefings, produziert Varianten, übersetzt zwischen Formaten, legt unterschiedliche Layer auf meine Ausgaben. Sie kann das schneller, als jeder Mensch es könnte. Aber sie kann im Grundsatz nicht entscheiden, wohin. Da müssen wir menschlich unterstützen. Da müssen wir kuratieren. Da müssen wir überprüfen.
Die Richtung bleibt menschlich. Geschwindigkeit ist die Domäne der Maschine.
[Bild: Bauhaus-Diagramm: gleichseitiges Dreieck mit drei Kreisen an den Ecken – Mensch, Marke, Maschine. Mensch-Kreis in Khaki #aba47e. — Die Richtung bleibt menschlich. Geschwindigkeit ist die Domäne der Maschine.]
## Was wir konkret tun können
Ein Teil der Antwort liegt nicht in besseren Erkennungsalgorithmen, sondern in einer besseren Nachvollziehbarkeit. Hier macht die Europäische Union schon einiges. Artikel 50 des EU AI Acts regelt ab August 2026 verbindliche Kennzeichnungspflichten — vor allem für KI-generierte Deepfakes und für KI-Texte zu Themen von öffentlichem Interesse. Eine wichtige Ausnahme gibt es: Wenn KI-Texte einer menschlichen redaktionellen Kontrolle unterzogen werden und eine Person die redaktionelle Verantwortung trägt, entfällt die Kennzeichnungspflicht für diese Texte. Das schützt journalistisches Arbeiten, hat aber auch eine Konsequenz, die unbequem ist: Viele kennzeichnungspflichtige Anwendungsfälle werden in der Praxis durch redaktionelle Schleifen umgehbar sein.
Es gibt parallel technische Initiativen, vor allem den C2PA-Standard mit seinen Content Credentials — eine Art Nährwertkennzeichnung für Medien, die Herkunft und Bearbeitungsschritte mitführt. LinkedIn hat das bereits angekündigt, andere Plattformen prüfen ähnliche Wege.
Das ist kein Heilmittel. Aber es ist die richtige Richtung. Sie verschiebt die Frage weg vom Pixel — hin zum Prozess. Und sie macht aus „echt oder fake" wieder das, was es immer war: eine Frage von Standards und Vertrauen.
> KI zerstört nicht die Echtheit von Bildern. Sie zerstört unsere Bequemlichkeit, Echtheit in Bildern zu vermuten.
## KI zerstört nicht Echtheit. Sie zerstört Bequemlichkeit.
Wenn ich das alles zusammenziehe, lande ich bei einem Satz, der mich diesen Monat nicht loslassen wird.
KI zerstört nicht die Echtheit von Bildern. Sie zerstört unsere Bequemlichkeit, Echtheit in Bildern zu vermuten.
Lange konnten wir uns auf diese mentale Abkürzung verlassen. Sieht echt aus, also wird es schon echt sein. Klingt nach Mensch, also wird auch ein Mensch dahinterstehen. Diese Abkürzung war nie wirklich verlässlich. Aber sie hat im Alltag meistens genügt.
Sie reicht nicht mehr.
Und das ist, bei aller Unruhe, eigentlich keine schlechte Nachricht. Es ist eine Einladung. Vertrauen wieder dort zu organisieren, wo es hingehört. Nicht beim Pixel. Sondern bei den Menschen und Marken, die mit Pixeln arbeiten. Bei Standards. Bei Verantwortung. Bei Beziehung.
Abbilder waren nie echt. Sie waren glaubwürdig, solange wir die Regeln kannten. Die Regeln ändern sich gerade. Wer hofft, dass die alten noch gelten, sucht im falschen Raum.
## Hinweise zum Text (Quellen)
Vieles in diesem Text wird Leserinnen und Lesern bekannt vorkommen — und das soll es auch.
Bevor ich diesen Beitrag veröffentlicht habe, habe ich Claude gebeten, ihn auf Anleihen zu prüfen. Welche Denktraditionen klingen hier mit, ohne dass ich sie nenne? Wo stehe ich auf Schultern, die ich sichtbar machen sollte? Das Ergebnis war erhellend — und gehört aus meiner Sicht in den Text selbst, nicht in eine Fußnote.
Die Unterscheidung zwischen Wahrhaftigkeit und Echtheit, mit der ich am Radiomikrofon einsteige, hat Lionel Trilling 1972 in Sincerity and Authenticity präziser gefasst, als ich es hier könnte. In meiner Trias aus Spur, Anmutung und Vertrauen klingt Walter Benjamins Begriff der Aura mit, und Roland Barthes hat das, was ich Spur nenne, mit dem berühmten ça a été — es ist so gewesen — auf den Punkt gebracht. Susan Sontag steht hinter jedem Satz, in dem ich sage, dass jedes Foto eine Auswahl ist. Baudrillards Simulakrum ist die Folie, vor der ereignislos produzierbar überhaupt verständlich wird. Und Erving Goffmans Wir alle spielen Theater steht hinter jeder Zeile, in der ich von Personality, Wiederholung und stabilisiertem Format schreibe.
Wenn ich von Kongruenz spreche, übertrage ich einen Begriff Carl Rogers' aus der Psychotherapie. Processing Fluency und der Illusory Truth Effect sind seit Jahrzehnten empirisch belegte Konzepte der Kognitionspsychologie, nicht meine Entdeckung.
Was ich beitrage, ist keine neue Theorie, sondern eine Übersetzung. Diese Diskussion wird in Philosophie, Soziologie und Medienwissenschaft seit fast hundert Jahren geführt, in der Marketingpraxis kommt sie nicht an. Mein Beitrag ist die Engführung auf KI und Markenkommunikation, das Mensch-Marke-Maschine-Modell als praktische Heuristik — und die Bereitschaft, eine Maschine die Anleihen sichtbar machen zu lassen, die ich selbst nicht alle bewusst gesetzt habe.
## Häufige Fragen
Frage: Was meint Stefan Margenfeld mit den drei Bedeutungen von echt?
Antwort: Echtheit hat drei verschiedene Dimensionen, die im Alltag oft vermischt werden. Erstens die Spur — ein reales Ereignis hat sich physisch ins Medium eingeschrieben. Zweitens die Anmutung — etwas wirkt realistisch, unabhängig davon, ob etwas geschehen ist. Drittens das Vertrauen — wer hat es gemacht, mit welcher Absicht, nach welchen Standards. KI entwertet die erste Dimension als Vertrauensquelle, weil Anmutung auf Knopfdruck verfügbar wird.
Frage: Ist KI-generierter Content automatisch unecht?
Antwort: Nein. Echtheit ist keine Eigenschaft des Outputs, sondern eine Beziehung aus Quelle, Kontext und Erwartung. Eine kuratierte, menschlich durchsetzte Content-Pipeline mit KI als Motor ist nicht unecht, sondern professionell — solange Haltung, Standards und Verantwortung vor dem Output stehen. Unecht wird Output dort, wo Beliebigkeit einzieht.
Frage: Was ist das Mensch-Marke-Maschine-Modell?
Antwort: Ein einfaches Operating Model für skalierbare, nicht-beliebige KI-Kommunikation. Der Mensch trägt Stimme, Haltung, Grenzen und Verantwortung. Die Marke setzt die Standards für Tonalität, Visualität und Belegbarkeit. Die Maschine liefert Geschwindigkeit. Die Richtung bleibt menschlich, Geschwindigkeit ist die Domäne der Maschine.
Frage: Auf welchen Denktraditionen baut der Text auf?
Antwort: Der Beitrag knüpft sichtbar an klassische Medien- und Kulturtheorie an: Lionel Trillings Unterscheidung von Sincerity und Authenticity (1972), Walter Benjamins Begriff der Aura, Roland Barthes' "ça a été" zur Spur des Bildes, Susan Sontag zur Auswahl in der Fotografie, Jean Baudrillards Simulakrum und Erving Goffmans Theatermodell der Persönlichkeit. Der Begriff Kongruenz ist von Carl Rogers übernommen; Processing Fluency und Illusory Truth Effect sind empirisch belegte Konzepte der Kognitionspsychologie. Stefan Margenfelds eigener Beitrag ist die Übersetzung in die Marketingpraxis und das Mensch-Marke-Maschine-Modell als praktische Heuristik.
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# Vieles davon war keine Kunst
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 13. April 2026
URL: https://margenfeld.com/journal/vieles-davon-war-keine-kunst/
Themen: KI-Transformation, Medienwandel, Sprecherarbeit, Strategische Kommunikation
Kurzfassung: Ein ehemaliger Sprecher über den Konflikt zwischen Synchronbranche und KI, die Bewegung, die niemand benennen will, und die Frage, wofür Menschen wirklich gebraucht werden.
Es gibt einen Konflikt, der mich gerade nicht loslässt. Sprecher lehnen sich gegen Netflix auf. Sprachaufnahmen werden KI zugeführt. Ohne saubere Verträge. Ohne Kompensation. Stimmen, die für eine Produktion eingesprochen wurden, landen als Trainingsmaterial in einer Maschine, die später dieselbe Stimme ersetzen könnte. Existenzgrundlage in einem Algorithmus. Ohne Aushandlung.
Menschlich verstehe ich die Empörung. Da ist Lebensleistung. Da ist Stimme – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Da sind Menschen, die ihr Handwerk Jahrzehnte verfeinert haben und plötzlich feststellen, dass dieses Handwerk in eine Maschine wandert, die niemand gefragt hat.
Das verdient eine Reaktion. Und es verdient Verträge, die diesen Vorgang regeln. Da bin ich auf der Seite der Sprecher.
Aber.
Ich war selbst über zwanzig Jahre Sprecher. Und ich muss eine zweite Frage stellen. Eine, die in der aktuellen Debatte fast nicht vorkommt.
## Wie echt war das Vorher eigentlich?
Synchronaufnahmen. Imagefilme. Hörfunkwerbespots. Wie viel von dem, was da entstanden ist, war wirklich Mensch – und wie viel war schon längst Funktion?
Ich sage das aus Erfahrung. Meine Lieblingsgattung waren immer Moods. Idealerweise mit Austausch. Mit einem Produzenten, der sagte: „Versuch das mal eine Spur trockener." „Geh da rein, aber halt dich zurück." „Lass die Pause stehen, die ist die halbe Aussage." Da entstand etwas. Da hatte meine Stimme Einfluss auf die Emotion eines Gewerks. Das war kein Abspulen. Das war ein Dialog, der ein Ergebnis produzierte, das ohne diesen Dialog nicht entstanden wäre.
Aber das war nicht der Alltag. Der Alltag war oft etwas anderes. Der Sprecher als reine Sprechmaschine. Eine Tonalität liefern. Eine Anmutung erfüllen. Knetmasse sein für eine Agentur, einen Studiochef, einen Toningenieur, die alle ihre Vorstellung hatten, wie das am Ende klingen muss. Mein Beitrag war: Druck auf den Aufnahmeknopf bei einer halbwegs spezifischen Klangfarbe.
Wer vermisst diesen Vorgang emotional? Das Geld vermisst man. Natürlich. Aber den Vorgang selbst – das Abspulen einer Tonalität ohne Varianz, das Liefern einer austauschbaren Anmutung – den vermisst nüchtern betrachtet niemand.
Und deswegen muss man auch hier unterscheiden. Kritik an Netflix ist berechtigt, wo Verträge fehlen. Aber Kritik an KI als solcher wird unehrlich, wenn sie ein Bild verteidigt, das mit der Realität wenig zu tun hatte. Wenn sie so tut, als wäre das, was die KI ersetzt, pure Kunst gewesen. Vieles davon war keine Kunst. Vieles davon war schon vorher Funktion.
## Ich werfe nicht alles in einen Topf
Werbung ist nicht Synchron. Nicht umsonst bewerten Finanzämter Werbung nicht als Kunst. Das ist keine Geringschätzung. Das ist eine Klassifikation. Und sie hat ihren Grund.
Bei Synchron ist das Handwerk ein anderes. Ich will die großen Sprecher nicht missen, die aus einem Schauspieler teilweise mehr herausgeholt haben als das Original selbst. Wenn man hört, wie eine deutsche Stimme einer Figur eine Tiefe gibt, die im englischen Original gar nicht angelegt war – dann ist das nicht Knetmasse. Das ist eine Übersetzungsleistung, die einen eigenen Wert hat. Da darf Empörung sein, wenn das ohne Weiteres ersetzt wird.
Aber selbst dieser legitime Streit verkennt etwas Entscheidendes. Die eigentliche Bewegung passiert auf einer anderen Ebene.
## Die Bewegung, die niemand benennen will
Die Medien zerfasern. Content wird massiger. Wertloser. Und damit auch alles, was an diesem Content hängt. Das Honorar. Die Aufmerksamkeit. Die Würdigung. Die Möglichkeit, von dem Handwerk zu leben.
Das ist eine Bewegung, die schmerzt. Natürlich schmerzt sie. Es ist die Erfahrung, dass etwas, wofür du jahrelang ausgebildet warst, wofür du gestanden hast, wofür du dein Handwerk verfeinert hast – dass das alles im Wert sinkt. Nicht weil du schlechter geworden bist. Sondern weil sich darunter die ganze Logik verändert hat.
Und in diese Situation hinein kommt die KI. Sie ist nicht die Ursache. Sie ist der Beschleuniger. Sie macht sichtbar, was vorher schon im Gang war. Aber sie wird wahrgenommen als die Ursache. Weil sie das sichtbarste Symptom ist. Weil sie greifbarer ist als die langsame Erosion eines ganzen Mediensystems.
Wer gegen KI demonstriert, demonstriert in Wahrheit gegen eine Verschiebung, die viel größer ist und viel länger läuft. Aber KI hat ein Gesicht. Die Verschiebung hat keins. Also wird gegen das Gesicht protestiert.
## Wo der Protest gefährlich wird
Ich will nicht missverstanden werden. Protest ist legitim. Verträge sind wichtig. Standards müssen gesetzt werden. Wo Unternehmen Stimmen ohne Einwilligung verwenden, gehört das beklagt, vor Gericht gebracht, reguliert.
Aber irgendwann kippt der Protest in eine Logik, die mich misstrauisch macht. Die Logik lautet: Gemeinsam können wir das ändern.
Und an dieser Stelle muss ich, so unbequem es ist, ehrlich sein.
Können wir nicht.
Wir können einzelne Verträge erkämpfen. Wir können einzelne Standards durchsetzen. Wir können bei einzelnen Produktionen die menschliche Beteiligung verteidigen. Das ist viel wert. Das ist nicht nichts.
Aber wir können die zugrundeliegende Bewegung nicht aufhalten. Die ist größer als wir. Die ist größer als Netflix. Die ist die strukturelle Verschiebung eines ganzen Mediensystems in eine Form, in der Menge billig wird und Aufmerksamkeit das knappe Gut. Diese Verschiebung läuft seit Jahrzehnten. KI ist nicht ihr Anfang. KI ist ihre Konsequenz.
Wer das nicht ausspricht, verkauft Hoffnung, die nicht eingelöst werden kann. Und das ist, wenn man es genau nimmt, eine zweite Form von Entwertung. Nicht die der Arbeit. Sondern die der politischen Selbstwirksamkeit. Man verspricht Menschen, dass kollektives Handeln eine Bewegung umkehren wird, die kollektiv nicht umkehrbar ist. Das ist gut gemeint. Aber es ist auch eine Form von Beschönigung.
> Können wir nicht.
## Was bleibt
Was bleibt, ist anstrengender. Es bleibt die Frage: Wie positioniere ich mich, wenn die alte Logik nicht mehr trägt? Wo finde ich einen Wert, der nicht in Masse liegt? Wo entsteht das, was nicht skaliert werden kann?
Ich glaube, das ist die eigentliche Aufgabe. Nicht gegen KI zu kämpfen. Sondern herauszufinden, wo Menschen unersetzlich sind. Und das dann auch zu zeigen.
Und das ist mehr Arbeit, als ein Protestschild zu halten. Es bedeutet, sein eigenes Handwerk so zu schärfen, dass es nicht mehr austauschbar ist. Es bedeutet, sich nicht damit zu trösten, dass man früher gebraucht wurde, sondern Antworten darauf zu finden, wofür man heute gebraucht wird. Und es bedeutet, sich von der Illusion zu verabschieden, dass die Welt für einen selbst stehen bleibt.
Das ist eine bittere Botschaft. Aber sie ist, glaube ich, die einzige, die trägt.
## Mein Verhältnis zu meinem alten Beruf
Ich habe das Sprechen nicht aufgegeben. Aber ich habe es neu verstanden.
Ich biete heute eine hybride Lösung an. Das heißt: Ich spreche nicht mehr alles selbst. Den Großteil macht meine Maschine – ein KI-Klon meiner eigenen Stimme. Sie liefert, was vorher das Brot-und-Butter-Geschäft war: das Abspulen einer Tonalität in skalierbarer Menge. Das funktioniert. Es funktioniert sogar erstaunlich gut.
Was die Maschine nicht kann, mache ich.
Und hier ist der Punkt, den ich erst durch viele Cases verstanden habe. Meine Stimme hat einen Wert, der nicht im fertigen Audiofile liegt. Sie hat einen Wert als *Steuerung anderer Stimmen*. Im Speech-to-Speech-Modus wird meine Aufnahme nicht zum Endprodukt. Sie wird zur Regieanweisung, die einer anderen Stimme die Emotion, das Tempo, die Pausensetzung, die mikrofeine Intonation überträgt. Meine Stimm-DNA ist nicht mehr der Klang, der am Ende rauskommt. Sie ist die Partitur, nach der die Maschine die andere Stimme zum Klingen bringt.
[Bild: Bauhaus-Diagramm: links Kreis (Stimm-DNA), Mitte Quadrat (Maschine), rechts Dreieck (Zielstimme). Mittlerer Kreis als kleiner Khaki-Akzent auf der Verbindungslinie. — Stimm-DNA als Partitur — nicht als Endprodukt.]
Das ist etwas, das ich vor zwei Jahren nicht hätte vorhersehen können. Mein Beruf hat sich nicht verkleinert. Er hat sich verschoben. Vom Liefern einer Tonalität zum Dirigieren einer Tonalität. Vom Sprecher zum Regisseur einer Maschine, die wiederum andere Stimmen produziert.
Das verändert auch, was ich überhaupt verkaufen kann. Früher verkaufte ich Sprechzeit. Heute verkaufe ich eine Kombination aus Stimm-DNA, Regieleistung und einer Maschine, die beides skaliert. Wer mich heute bucht, bekommt nicht mehr nur das, was mein Mund liefert. Er bekommt ein System, in dem mein Mund die Steuerung übernimmt – und die Maschine die Vervielfältigung.
Das ist keine Resignation. Das ist eine Neusortierung – und sie war für mich eine gute Nachricht. Sie hat mir gezeigt, dass der Wert eines geübten Sprechers nicht in der Anzahl der gesprochenen Worte liegt. Sondern in einer Tiefe, die plötzlich, im KI-Kontext, eine ganz neue Funktion bekommt.
Ich glaube, jeder, der in einem Medienberuf arbeitet, wird in den nächsten Jahren eine ähnliche Neusortierung machen müssen. Nicht im Sinne von: Was lasse ich los? Sondern im Sinne von: Wo bin ich plötzlich wertvoller, als ich vorher dachte? Wo macht meine Erfahrung etwas möglich, was die Maschine alleine nicht hinbekommt – aber auch ein Anfänger nicht?
Genau dort liegt die Antwort. Nicht im Gegen-die-Maschine. Sondern im Mit-der-Maschine, in einer Position, die nur ein Mensch mit Tiefe einnehmen kann.
## Die zwei Bewegungen, die wir trennen müssen
Es gibt zwei Dinge, die in der aktuellen Debatte vermischt werden. Und das schadet uns.
Das eine ist die berechtigte Forderung nach fairen Verträgen, sauberer Einwilligung, transparenter Datenverwendung. Hier kann man kämpfen. Hier muss man kämpfen. Hier sind Erfolge möglich, und sie sind wichtig.
Das andere ist die Trauer über eine Welt, in der ein bestimmter Beruf einen bestimmten Wert hatte – und in der dieser Wert nicht mehr selbstverständlich ist. Diese Trauer ist menschlich. Sie ist berechtigt. Aber sie lässt sich nicht durch Protest auflösen. Sie lässt sich nur durch eine Veränderung der eigenen Position auflösen. Durch das Finden dessen, was am eigenen Tun unersetzlich ist – und durch die Bereitschaft, alles andere abzugeben.
Wer diese beiden Bewegungen vermischt, kämpft den falschen Kampf. Er versucht, die Trauer mit politischen Mitteln zu heilen. Das funktioniert nicht. Trauer braucht andere Werkzeuge.
[Bild: Bauhaus-Diagramm: zwei vertikale Spalten getrennt durch dünne Linie. Links Kreis und Quadrat (Politische Ebene), rechts Dreieck (Persönliche Ebene). Dreieck in Khaki. — Politische Ebene und persönliche Bewegung — zwei verschiedene Werkzeugkisten.]
## Schluss
Wir können die strukturelle Bewegung nicht aufhalten. Wir können einzelne Vorgänge regulieren. Das ist wichtig, und es ist nicht wenig. Aber wer den Eindruck erweckt, dass wir gemeinsam die alte Welt zurückholen, lügt sich und anderen etwas vor.
Was bleibt, ist die eigene Arbeit. Die Schärfung dessen, was unersetzlich ist. Und manchmal das Erkennen, dass das Unersetzliche eine andere Gestalt annimmt, als man dachte. Dass die Stimme, die man jahrzehntelang verkauft hat, plötzlich nicht mehr als Klang gefragt ist, sondern als Regie. Dass das Handwerk weiterlebt – nur an einer anderen Stelle der Wertschöpfungskette.
Nicht durch Protest. Sondern durch Arbeit.
Und manchmal durch das überraschende Geschenk, dass die eigene Erfahrung in einem Kontext plötzlich gebraucht wird, in dem man sie nie erwartet hätte.
## Häufige Fragen
Frage: Warum unterstützt Stefan Margenfeld den Sprecher-Protest gegen Netflix nicht vollständig?
Antwort: Stefan Margenfeld unterstützt berechtigte Forderungen nach fairen Verträgen und Einwilligung. Er hält den Protest aber dort für gefährlich, wo er suggeriert, die strukturelle Verschiebung des Mediensystems sei kollektiv aufhaltbar. Die zugrundeliegende Bewegung — Zerfaserung, Massierung, Entwertung von Content — läuft seit Jahrzehnten. KI ist ihr Beschleuniger, nicht ihre Ursache.
Frage: Was ist Speech-to-Speech im Kontext professioneller Sprecherarbeit?
Antwort: Speech-to-Speech ist ein KI-Verfahren, bei dem eine vorgesprochene Stimme nicht das Endprodukt ist, sondern als Steuerung für eine andere Zielstimme dient. Emotion, Tempo, Pausensetzung und feine Intonation werden von der Quellstimme auf die Zielstimme übertragen. Damit verschiebt sich der Wert eines erfahrenen Sprechers vom gelieferten Klang hin zur Regie-Leistung.
Frage: Was bedeutet hybride Sprecherarbeit?
Antwort: Hybride Sprecherarbeit kombiniert menschliche Sprech- und Regieleistung mit einem persönlichen KI-Stimm-Klon. Standardisierte Anforderungen werden vom Klon geleistet, der die definierte Stimm-DNA in skalierbarer Menge liefert. Der Mensch übernimmt dort, wo Austausch, Verhandlung von Emotion oder Steuerung anderer Stimmen gefragt sind.
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# Output wird billig – Wirkung nicht
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 9. März 2026
URL: https://margenfeld.com/journal/output-wird-billig-wirkung-nicht/
Themen: KI-Transformation, Strategische Kommunikation
Kurzfassung: KI senkt die Kosten für Inhalte gegen null. Damit ist Output kein Differenzierungsmerkmal mehr. Warum ich mir trotzdem – gerade jetzt – keine automatisierte Content-Maschine baue.
Ich sehe aktuell auffallend viele Posts und Artikel, bei denen nach wenigen Zeilen klar ist: Das ist KI. Und die, die ich nicht erkenne? Vermutlich sind es viel mehr. Studien zeigen, dass wir Maschinentexte deutlich schlechter erkennen, als wir glauben.
Und ehrlich – das ist erst einmal nicht schlimm. Wer auf Reichweite, Likes, Kommentare schaut, findet darunter vieles, das nach Erfolg aussieht.
Trotzdem lässt mich eine Frage nicht los. Eine, die unbequemer ist als „Wie promptet man besser?"
## Wenn Output nichts mehr kostet, ist Output kein Vorteil mehr
KI senkt die Kosten für Inhalte. Paid macht Reichweite kaufbar. Beides kann kurzfristig sehr gut aussehen. Beides beantwortet nicht die Frage nach Nachfrage ohne Druck.
Wenn der Preis für Output gegen null geht, ist Output kein Differenzierungsmerkmal mehr. Deshalb scheitert „KI-Content" auch nicht automatisch. Er ist schnell. Er ist ausreichend gut. Er erfüllt den Algorithmus. Aber hier beginnt das Problem: Signale sind nicht automatisch Substanz.
Ich habe diese Lektion einmal selbst produziert, über zwei Jahre. Nach meiner Radiozeit – lange bevor KI ein Thema war – habe ich einen Corporate Podcast für eine große Marke gemacht. Handwerklich ordentlich, regelmäßig, mit echtem Aufwand. Das Ergebnis war, bei allem Einsatz, überschaubar: ein paar hundert Abonnenten. Viel Output, sichtbare Aktivität – und am Ende die Frage, die niemand gern stellt: Was hat es bewirkt? Diese Frage ist geblieben. Nur kostet der Output, der damals noch Wochen Arbeit war, heute fast nichts mehr.
[Bild: Bauhaus-Infografik: links ein Feld vieler kleiner, flacher Kreis-Umrisse. Rechts ein einzelner großer Kreis aus konzentrischen Ringen mit Khaki-Kern. — Viele flache Ringe oder ein tiefer – Reichweite ist nicht Resonanz.]
## Engagement kann ein falscher Freund sein
Man kann sich mit KI eine Maschine bauen, die jeden Tag Stoff liefert. Man kann damit sogar Momentum erzeugen. Die Frage ist: Was trägt das in den Markt? Vertrauen? Präferenz? Nachfrage, die auch kommt, wenn niemand nachdrückt? Oder vor allem Klicks und die nächste Kampagne?
Bezahlte Reichweite ist ein starkes Werkzeug. Aber Werkzeuge werden gefährlich, wenn sie zum Geschäftsmodell werden. Die Werbewirkungsforschung sagt es seit Jahren: Wer dauerhaft nur aktiviert, zehrt die Marke aus. Die unbequeme Frage, die sich jedes Unternehmen stellen kann, lautet deshalb: Käme der Umsatz auch dann, wenn die Budgets sinken?
## Warum ich mir keine Content-Maschine baue
Das klingt kontraintuitiv, gerade jetzt. Aber ich baue mir derzeit keine automatisierte Content-Maschine für meinen eigenen Auftritt. Die Grenze verläuft dabei nicht bei der KI – Werkzeuge nutze ich gern und offen. Sie verläuft beim Urteil: Kein Stück geht raus, ohne dass ich entschieden habe, dass genau das gesagt werden soll. Eine Maschine, die täglich sendet, würde mir genau diese Entscheidung Stück für Stück abnehmen.
Denn ein System, das täglich sendet, formt mit der Zeit die eigene Positionierung. Läuft die Maschine erst, optimiert man schnell auf das, was funktioniert. Und irgendwann ist man vor allem für das bekannt, was der Algorithmus am meisten zurückgegeben hat. Das ist meine Beobachtung, kein Naturgesetz. Aber ich habe sie zu oft gemacht, um sie zu ignorieren.
Und ehrlicherweise: Ich verkaufe kein Produkt, das täglichen Content-Nachschub braucht. Gerade deshalb ist meine Messlatte eine andere. Nicht „was bringt Reichweite?", sondern „was baut Substanz – und passt zu der Haltung, für die ich stehen will?"
## Was sich nicht generieren lässt
> Thought Leadership wird nicht generiert. Sie wird riskiert.
Echte Gedankenführung hat Nebenwirkungen. Sie ist nicht für alle. Sie polarisiert oft. Und sie zwingt zu Klarheit.
KI kann beim Formulieren helfen. Aber nicht beim Kern: der Entscheidung für eine Position. Und dieser Kern entscheidet am Ende, ob aus Content Nachfrage wird. Oder Vertrauen. Oder nur Reichweite.
Wenn ein Unternehmen morgen seine bezahlte Reichweite halbierte – sähe es dann nur weniger Reichweite? Oder fiele ein Teil des Geschäfts weg? Und wenn ja: Was müsste heute beginnen, damit die Antwort in zwölf Monaten eine andere ist?
## Hinweise zum Text (Quellen)
Zwei Belege zum Nachlesen: Dass ein Übergewicht kurzfristiger Aktivierung die langfristige Markenwirkung erodiert, ist einer der meistzitierten Befunde der Werbewirkungsforschung – Binet & Field, „The Long and the Short of It" (IPA, 2013) (https://ipa.co.uk/knowledge/ipa-blog/the-next-chapter-for-the-long-and-the-short-of-it), auf Basis von rund 1.000 Fallstudien. Dass Menschen KI-Texte keineswegs zuverlässig erkennen, zeigt Spitale, Biller-Andorno & Germani (Science Advances, 2023) (https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adh1850). Zur Wirkung von Thought Leadership auf B2B-Entscheider: Edelman-LinkedIn B2B Thought Leadership Impact Report 2024 (https://www.edelman.com/expertise/Business-Marketing/2024-b2b-thought-leadership-report) (Anbieter-Studie).
## Häufige Fragen
Frage: Ist KI-erzeugter Content automatisch schlecht?
Antwort: Nein. Vieles davon ist schnell, ausreichend gut und sogar reichweitenstark. Das Problem liegt nicht in der Herkunft, sondern darin, dass Signale wie Reichweite oder Engagement nicht automatisch Substanz sind. Wenn Output fast nichts mehr kostet, ist Output kein Differenzierungsmerkmal mehr – die Frage nach Nachfrage ohne Druck bleibt offen.
Frage: Warum baut Stefan Margenfeld keine automatisierte Content-Maschine?
Antwort: Weil ein System, das täglich sendet, mit der Zeit die eigene Positionierung formt – meist in Richtung dessen, was der Algorithmus belohnt. Seine Grenze verläuft nicht bei der KI-Nutzung, sondern beim Urteil: Kein Stück geht automatisiert raus, ohne dass ein Mensch entschieden hat, dass es gesagt werden soll.
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# Die Dokumenten-Inflation
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 10. Februar 2026
URL: https://margenfeld.com/journal/die-dokumenten-inflation/
Themen: KI-Transformation, Wissensarbeit
Kurzfassung: KI macht Dokumente fast umsonst. Das ist keine Effizienz-Frage, sondern eine Produktionsrevolution – und sie entwertet das Dokument als Signal. Warum die knappe Ressource künftig Kuratierung heißt.
Was machen Sie mit sechs perfekten Dokumenten?
Stellen Sie sich eine Bereichsleiterin vor. Montagmorgen, erster Kaffee, Posteingang. Drei Konzepte, zwei Foliensätze, ein Strategiepapier – alle über das Wochenende entstanden, alle sauber gegliedert, alle in der richtigen Tonalität. Sie hat zwei Stunden und muss entscheiden, welches dieser Dokumente in den Vorstand geht. Und sie merkt: Die Frage, die sie ihr ganzes Berufsleben trainiert hat – „Ist das gut gemacht?" – hilft ihr nicht mehr. Es ist alles gut gemacht.
KI macht Dokumente leicht. Das ist kein kleines Effizienz-Upgrade. Es ist eine Produktionsrevolution – jedenfalls für alles, was aus Text, Folien und Bildern besteht. Vieles davon entsteht heute in Minuten. Die Frage ist damit nicht mehr: Können wir Content produzieren? Sondern: Was passiert, wenn Produktion fast nichts mehr kostet?
## Das Dokument hatte einen Kostenboden
Ein Dokument war nie ein Wahrheitsbeweis. Aufgeblasene Papiere, Folien ohne Substanz, Berichte fürs Regal – all das gab es lange vor der KI. Ein goldenes Zeitalter der Dokumente gab es nie.
Aber ein Dokument hatte einen Kostenboden. Wer zehn Seiten vorlegte, hatte mindestens Stunden investiert – und diese Stunden filterten. Nicht perfekt, aber spürbar. Irgendetwas musste vorhanden sein: Recherche, Abstimmung, Erfahrung, Handwerk. Sonst gäbe es dieses Papier nicht.
Dieser Boden löst sich gerade auf. Heute ist ein Dokument immer öfter nur noch ein Hinweis auf Prompt, Modell, Ausgabe. Das verschiebt drei Dinge auf einmal. Die Menge – es entsteht mehr, als Organisationen verarbeiten können. Die Glaubwürdigkeit – der Zusammenhang zwischen Text und Expertise wird schwächer. Und die Entscheidungsqualität – wenn alles plausibel klingt, wird Auswahl schwerer als Erstellung.
## Wenn Text billig wird, verschiebt sich die Knappheit
> Wenn Text billig wird, wird Evidenz teuer.
Teuer heißt hier: relativ. Nicht die Beschaffung von Belegen wird schwieriger – knapper und wertvoller wird das, was sich nicht auf Knopfdruck erzeugen lässt. Ich will dabei nüchtern bleiben. Information Overload ist seit Jahrzehnten beschrieben, lange vor den Sprachmodellen. Den Overload hat KI nicht erfunden. Sie beschleunigt ein System, das ohnehin zu viel sendet und zu wenig verdaut.
Wohin es geht, sehe ich in vielen Gesprächen quer durch Berufsgruppen: „Show me, don't tell me" als Standard. Beispiele, Daten, Artefakte, reale Entscheidungen. Herkunft wird zum Signal – was ist Quelle, was Interpretation, was Synthese? Und die Frage, die kein Modell beantwortet: Wer steht für die Aussage ein, wer trägt die Konsequenz?
## Der Plausibilitäts-Smog
Es kommt ein unbequemer Punkt dazu. Sprachmodelle können überzeugend formulieren, auch wenn der Inhalt falsch ist. Eine Studie der Universität Zürich fand, dass Probanden KI-erzeugte Falschinformation sogar häufiger für akkurat hielten als menschlich geschriebene. Das ist ein einzelner Befund, kein Naturgesetz. Aber er trifft einen Nerv.
Das ist der Plausibilitäts-Smog: eine Umgebung, in der alles gut klingt – und niemand mehr riecht, woher es kommt. Er macht „klingt gut" zu einem schlechten Qualitätskriterium. In so einer Umgebung werden Belege, Unsicherheitsmarkierung und Review-Routinen zum eigentlichen Produktivitätshebel. Nicht als Bürokratie. Als Schutz.
## Kuratierung wird zur Führungsaufgabe
Wenn Produktion fast nichts mehr kostet, wird etwas anderes knapp: Aufmerksamkeit. Vertrauen. Relevanz.
Damit wird Kuratierung zur Führungsaufgabe – sie lässt sich nicht mehr wegdelegieren. Kuratieren heißt: weglassen. Es heißt, Kriterien zu haben – was muss belegt sein, was erlebt? Und es heißt, weniger zu senden. Damit mehr ankommt. Eine Grenze gehört dazu: Das gilt nicht für Dokumente, deren Länge ihre Funktion ist – Verträge, Sicherheitsnachweise, Compliance. Es gilt für alles, was nur gesendet wird, um gesendet zu haben.
[Bild: Bauhaus-Infografik: ein dichtes Raster identischer Dokument-Umrisse. Ein einziges Dokument ist in Khaki gefüllt und leicht herausgehoben – das ausgewählte. — Kuratieren heißt: eines wählen. Und dafür einstehen.]
Meine These: KI beschleunigt die Dokumentenproduktion nicht nur. Sie entwertet das Dokument als Signal. Die Zukunft gehört denen, die auswählen, begründen, einstehen. Und vielleicht ist das die Frage, die der Bereichsleiterin am Montagmorgen wirklich hilft: Wer steht dafür ein?
## Hinweise zum Text (Quellen)
Zwei Belege zum Nachlesen: Dass Sprachmodelle auch dann überzeugen können, wenn der Inhalt falsch ist, zeigt eine Studie der Universität Zürich – Probanden hielten KI-erzeugte Desinformation häufiger für akkurat als menschlich geschriebene (Spitale, Biller-Andorno & Germani, Science Advances, 2023 (https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adh1850)). Und Information Overload ist keine KI-Erfindung, sondern seit Jahrzehnten beschrieben – ein guter Überblick: Eppler & Mengis, „The Concept of Information Overload", The Information Society (2004) (https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/01972240490507974).
## Häufige Fragen
Frage: Was bedeutet es, dass KI das Dokument als Signal entwertet?
Antwort: Ein Dokument hatte immer einen Kostenboden: Wer zehn Seiten vorlegte, hatte mindestens Stunden investiert – und diese Stunden filterten. Wenn Text fast umsonst entsteht, fällt dieser Filter weg. Das Dokument allein beweist weniger; Herkunft, Belege und Verantwortung werden zum eigentlichen Vertrauenssignal.
Frage: Was ist der Plausibilitäts-Smog?
Antwort: Sprachmodelle können überzeugend formulieren, auch wenn der Inhalt falsch ist – Studien zeigen, dass KI-erzeugte Falschinformation teils häufiger für akkurat gehalten wird als menschliche. Dadurch wird „klingt gut” zu einem schlechten Qualitätskriterium. Belege, Unsicherheitsmarkierung und Review-Routinen werden in dieser Umgebung zum eigentlichen Produktivitätshebel.
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# Wen braucht man eigentlich für eine KI-Transformation?
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 13. Januar 2026
URL: https://margenfeld.com/journal/wen-braucht-man-fuer-eine-ki-transformation/
Themen: KI-Transformation, Leadership
Kurzfassung: In den Stellenprofilen für KI-Rollen steht fast immer dasselbe: ML-Tiefe, MINT, Top-Abschluss. Verständlich – und zu kurz gegriffen. Warum die eigentliche Hürde selten technisch ist.
Wen stellt man ein, wenn die Maschinen einziehen?
Lesen Sie mit mir eine Stellenanzeige. Sie ist keine echte – ich habe sie aus vielen zusammengesetzt, die mir in den letzten Monaten begegnet sind. Aber Sie werden sie wiedererkennen. „Head of AI. Ihre Aufgabe: Sie treiben die KI-Transformation im gesamten Unternehmen voran. Ihr Profil: MINT-Studium mit Top-Abschluss, tiefe Kenntnisse in Machine Learning, idealerweise Promotion. Kommunikationsstärke rundet Ihr Profil ab."
Der letzte Satz ist mein Lieblingssatz. Die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen, rundet ab. Wie eine Garnitur.
[Bild: Studio-Stillleben: ein großer, leerer weißer Teller, auf dessen Rand ein winziger Petersilienzweig in Khaki liegt – die Garnitur. — Kommunikationsstärke rundet Ihr Profil ab.]
Ich verstehe den Gedanken dahinter. Er ist naheliegend. In vielen Köpfen steckt: KI ist Software, Software ist Technik, Technik ist schwierig.
Aber ich glaube, das greift zu kurz.
## Die Zahlen zeigen woanders hin
Prosci hat 1.107 Fach- und Führungskräfte nach den größten Hürden bei der KI-Einführung gefragt. Das Ergebnis: 63 Prozent der Hürden sind menschlicher Natur – allein 38 Prozent entfallen auf fehlende Anwenderkompetenz und Training. Technische Probleme? 16 Prozent. Eine Anbieter-Studie, das gehört dazugesagt. Aber die Größenordnung deckt sich mit dem, was ich aus vielen Gesprächen kenne.
Und wenn die Hürden zu fast zwei Dritteln menschlich sind, sollte das Anforderungsprofil das eigentlich spiegeln.
## Zwei Bedürfnisse, die man trennen muss
Das eine ist Inhouse-Entwicklung. Eigene Modelle, eigene Daten, tiefe Integration. Hier braucht es technische Tiefe – Menschen, die das schon gemacht haben. Der Haken: Wer das wirklich kann, wird vom Markt weggekauft. Europa bildet diese Leute aus und verliert viele von ihnen an die großen Labs, vor allem in die USA. Wer diese Stelle ausschreibt, konkurriert mit San Francisco.
Das andere ist: bestehende KI-Werkzeuge einführen und im Unternehmen zur Wirkung bringen. Hier braucht es IT-Perspektive. Aber die lässt sich oft mit bestehenden Strukturen abbilden.
## Das eigentliche Problem steht in keiner Anzeige
> Technische Skills lassen sich im Team aufbauen. Kulturwandel lässt sich nicht nachkaufen.
In vielen Organisationen wollen die Leute schlicht nicht. Es gibt Ressentiments: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die KI ablehnen, ignorieren, umgehen. Und es gibt die andere Seite – die, die sie längst nutzen, nur still, Stichwort Shadow-Use. Beides höre ich quer durch Branchen und Berufsgruppen. Nicht aus einem Haus – aus vielen. Und beides läuft unter „KI-Transformation". Aber in den Stellenprofilen suchen wir dafür fast nie jemanden.
Wir suchen Software-Skills. Wir suchen ML-Kenntnisse. Wir suchen Abschlüsse. Wir suchen selten jemanden, der eine Organisation wirklich mitnehmen kann. Verständlich – ein Adoptions-Score ist nicht so griffig wie ein fertiges, nutzbares Ergebnis. Nur: Es sollte auch jemanden interessieren, der es am Ende nutzen soll.
## Die Frage, die sich lohnt
Technische Skills lassen sich in einem Team bis zu einem gewissen Grad aufbauen. Kulturwandel lässt sich nicht nachkaufen. Er ist langsamer, schwerer zu messen, und er steht in keinem Lebenslauf als Zertifikat.
Aber genau deshalb lohnt sich die Frage, bevor die nächste Stelle ausgeschrieben wird. Wen braucht man da wirklich?
## Hinweise zum Text (Quellen)
Die Zahlen in diesem Text stammen aus einer Prosci-Befragung von 1.107 Fach- und Führungskräften zu den größten Hürden der KI-Einführung: 63 Prozent der genannten Hürden sind menschlicher Natur, allein 38 Prozent entfallen auf fehlende Anwenderkompetenz und Training, 16 Prozent sind technisch. Nachzulesen bei Prosci: „Why AI Transformation Fails" (https://www.prosci.com/blog/why-ai-transformation-fails). Eine Einschränkung gehört dazu: Prosci ist ein Anbieter von Change-Management – die Studie ist Anbieter-Research, keine begutachtete Forschung. Die Größenordnung deckt sich allerdings mit dem, was mir im Austausch mit Unternehmen begegnet. Zum europäischen KI-Talent-Abfluss: Times Higher Education über den Elsevier-Report zur KI-Forschung (https://www.timeshighereducation.com/news/warning-over-brain-drain-european-ai-talent-industry).
## Häufige Fragen
Frage: Sind KI-Transformationen vor allem ein technisches Problem?
Antwort: Die Daten sprechen dagegen. In einer Prosci-Befragung von 1.107 Fach- und Führungskräften waren 63 Prozent der größten Hürden menschlicher Natur – allein 38 Prozent entfielen auf fehlende Anwenderkompetenz und Training. Technische Probleme: 16 Prozent. Der Engpass liegt häufiger in Adoption und Kultur als im Modell.
Frage: Was ist mit Shadow-Use gemeint?
Antwort: Shadow-Use beschreibt, dass Mitarbeitende KI nutzen, ohne es offenzulegen – oft, weil das offizielle Werkzeug fehlt oder umständlich ist. Auch das läuft unter „KI-Transformation”, taucht aber in den Stellenprofilen kaum auf – obwohl genau hier oft das eigentliche Problem sitzt: nicht das Tool, sondern die Frage, ob die Organisation mitgeht.
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# Eine Botschaft ist nie nur eine Botschaft
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 2. Dezember 2025
URL: https://margenfeld.com/journal/eine-botschaft-ist-nie-nur-eine-botschaft/
Themen: Strategische Kommunikation, Markenführung
Kurzfassung: „Neues Produkt – jetzt bestellen.” Klingt nach einer klaren Aussage. In Wahrheit ist es ein Auslöser – und was er auslöst, entscheidet nicht die Grammatik, sondern Kontext, Timing und Raum.
„Neues Produkt im Sortiment – jetzt bestellen."
Das klingt nach einer klaren, effizienten Aussage. Ein Satz, ein Ziel, ein Call-to-Action. In der Theorie ist das Kommunikation in Reinform.
In der Praxis ist es oft der Anfang eines Problems. Denn diese Zeile ist keine Botschaft. Sie ist ein Auslöser. Und was sie auslöst, hängt nicht an der Grammatik. Es hängt an den Menschen, die sie lesen.
## Menschen hören Implikationen
Viele Organisationen kommunizieren, als gäbe es eine objektive Bedeutung. Wir sagen X, also versteht man X. So funktioniert Alltagssprache nicht. Und Organisationen erst recht nicht.
In Gesprächen über Kommunikation – die Branche ist dabei fast egal – höre ich auf dieselbe Nachricht immer dieselben drei Rückfragen: Was heißt das für mich? Warum sagen die das jetzt? Was wird hier nicht gesagt? Dieselbe Botschaft trifft auf unterschiedliche Erwartungen – und wird dadurch zu unterschiedlichen Botschaften.
## Segmentierung beginnt nicht im CRM, sondern im Kopf
> Ein und derselbe Satz kann wie eine Einladung wirken – oder wie eine Drohung.
Segmentierung gilt als Marketing-Handwerk: Personas, Cluster, Funnel-Stufen. Aber die entscheidende Segmentierung ist psychologisch. Welche Rolle hat jemand? Was hat er zu verlieren, was zu gewinnen? Wie viel weiß er schon? Wie glaubwürdig bin ich in diesem Moment für ihn?
Spielen wir es durch – mit einem frei erfundenen Unternehmen, die Branche dürfen Sie sich aussuchen: Versicherung, Maschinenbau, Software. Es gibt Kundinnen, einen Vertrieb, eine Belegschaft. Jetzt geht die Zeile raus. Die Bestandskundin fragt sich, ob ihr aktuelles Produkt bald alt aussieht. Der Vertrieb fragt sich, ob er überhaupt Argumente hat. Die Belegschaft fragt sich, warum sie das zuerst von draußen erfährt. Die Botschaft ist formal identisch. Ihre soziale Wirkung ist es nicht. „Neues Produkt – jetzt bestellen" ist deshalb weniger ein Call-to-Action als ein Test.
[Bild: Studio-Stillleben: ein gefalteter Zettel auf Weiß wirft zwei gegensätzliche Schatten – einen weichen, runden und einen langen mit scharfen Zacken. Khaki-Kante am Papier. — Ein Zettel, zwei Schatten – welcher fällt, entscheidet der Kontext.]
## Timing, Gruppe, Raum – die drei Verstärker
Dass eine Botschaft kippt, liegt selten am Inhalt allein. Es liegt am Dreiklang drumherum.
Timing: Vor einer Entscheidung kann dieselbe Zeile wie Druck wirken. Nach einem Vorfall wie Ignoranz.
Gruppe: Wo kein Gesetz die Reihenfolge diktiert – am Kapitalmarkt gibt es solche Pflichten –, wird die Reihenfolge der Information zur Rangordnung. Wer zuletzt erfährt, liest das selten als Zufall.
Raum: Ein Team-Call ist etwas anderes als eine Pressemitteilung. Der Raum färbt mit, ob etwas als Dialogangebot oder als Durchsage ankommt.
Wie viel Raum und Reihenfolge ausmachen, habe ich selbst erlebt, als eine meiner Audioproduktionen durch die Freigabeschleifen eines großen Hauses musste. Da hört erst die Unternehmenskommunikation hinein, dann das Marketing, dann noch zwei weitere Stellen. Jeder streicht einen anderen Satz. Am Ende bleibt ein Text übrig, dem man anhört, dass ihn niemand mehr sagen wollte. Die Absicht war Sorgfalt. Ausgelöst hat es Leblosigkeit. Auch das ist eine Botschaft.
## Von „Senden" zu „Auslösen"
Wenn Kommunikation Wirkung ist, dann lautet die Frage nicht: Was ist die Botschaft? Sondern: Welche Reaktion ist wahrscheinlich – hier, bei diesen Menschen, in dieser Lage?
Eine starke Kommunikationsstrategie baut deshalb ein Botschafts-Set statt einer Einheitsbotschaft: gleiche Stoßrichtung, unterschiedliche Formulierungen, abgestuftes Timing, passende Räume.
Die gefährlichste Botschaft ist meistens die, die „doch klar" ist. Weil Einheitlichkeit so oft mit Gleichgültigkeit gegenüber Kontext verwechselt wird. Kontext entscheidet, welche Botschaft ankommt. Welche wird es bei Ihrer nächsten Zeile sein?
## Häufige Fragen
Frage: Was heißt es, dass eine Botschaft ein Auslöser ist und kein Transportmittel?
Antwort: Eine Botschaft transportiert nicht einfach eine feste Bedeutung von A nach B. Sie löst beim Empfänger eine Reaktion aus, die von Rolle, Vorwissen, Vertrauen und Lage abhängt. Wer Botschaften entwirft, sollte deshalb nicht nur fragen „Ist das korrekt?”, sondern: „Was löst das aus – und bei wem zuerst?”.
Frage: Was ist ein Botschafts-Set?
Antwort: Statt einer Einheitsbotschaft entwirft strategische Kommunikation ein Set: gleiche Stoßrichtung, aber unterschiedliche Formulierungen, abgestuftes Timing, passende Räume und klare Übergänge, wer was wann erfährt. So transportiert dieselbe Absicht über verschiedene Anspruchsgruppen hinweg – ohne unbeabsichtigte Nebenwirkungen.
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# Was bringt KI in der strategischen Kommunikation?
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 4. November 2025
URL: https://margenfeld.com/journal/ki-in-der-strategischen-kommunikation/
Themen: KI-Transformation, Strategische Kommunikation
Kurzfassung: Viele Organisationen posten viel – und können trotzdem nicht in einem Satz sagen, wofür sie stehen. Warum der stärkste KI-Hebel nicht im Posting liegt, sondern davor: in der strategischen Kommunikation selbst.
Ich bin im Austausch mit vielen Unternehmen und Berufsgruppen. Und wenn ein Gespräch auf den eigenen Arbeitgeber kommt, stelle ich gern zwei einfache Fragen: „Was ist das für ein Unternehmen?" „Wofür steht es?" Manchmal, wenn die Runde es hergibt, noch eine dritte: „Wenn dieses Unternehmen eine Automarke wäre – welche wäre es?"
Spannend wird es, wenn man mehrere Menschen aus demselben Haus kennt. Klingt das alles ähnlich? Oder hat man es am Ende mit einem Mercedes, einem Dacia und einem Rolls-Royce zu tun – im selben Haus, auf dieselbe Frage? Nach innen ist eine Marke nämlich genau das: die Antwort, die alle ungefähr gleich geben.
Kein Drama. In vielen Organisationen ist das völlig normal. Aber jetzt kommt KI dazu. Und sie bringt einen Dreh in die Sache, den kaum jemand auf der Rechnung hat.
## Viele posten viel. Wofür sie stehen, sagt keiner in einem Satz.
KI verschärft dieses Problem eher, als dass sie es löst. Denn nach meinem Eindruck beginnt der KI-Einsatz fast immer am operativen Ende: Texte, Posts, Bilder, Videos. Schnell. Sichtbar. In Masse.
Und genau da liegt der Haken. Wenn das zugrunde liegende Narrativ nicht internalisiert ist, skaliert KI vor allem eines: die Inkonsistenz.
> Wenn das Narrativ nicht sitzt, skaliert KI vor allem eines: die Inkonsistenz.
Den stärksten Hebel sehe ich deshalb nicht am Ende, sondern einige Ebenen davor. In der strategischen Kommunikation selbst. Zwei Anwendungen, die ich für unterschätzt halte.
[Bild: Bauhaus-Infografik: ein Khaki-Dreieck oben links – das Original. Darunter ein Raster dunkler Kopien, die nach rechts unten zunehmend verrutschen. — Ein Original, viele schiefe Kopien – Inkonsistenz skaliert zuerst.]
## Erstens: Muster sichtbar machen
In vielen Organisationen ist Kommunikation ein gewachsenes System. Website, Pressemitteilungen, Stellenanzeigen, LinkedIn, Broschüren, Vorträge – alles öffentlich, alles über Jahre entstanden, von vielen Händen. Viel Material. Aber die eigentliche Logik darunter – wofür stehen wir, wo ziehen wir Linien? – ist selten ausgesprochen. Selten ausgesprochen, nie geprüft.
Hier kann KI Muster sichtbar machen. Welche Begründungen tauchen immer wieder auf? Welche Spannungen wiederholen sich? Wachstum gegen Risiko. Tempo gegen Qualität. Und die, die selten jemand ausspricht: Effizienz gegen Verantwortung. Welche Werte dominieren – und welche Themen werden konsequent vermieden?
Das Ergebnis ist keine Strategie. Es ist eine Hypothese über die kommunikative Realität einer Organisation. Strategietauglich wird sie erst durch menschliche Einordnung. Durch Stichproben und Gegenproben. Durch fachliches Urteil. Und durch den Abgleich mit dem, was draußen wirklich passiert.
## Zweitens: den Realitätscheck vorziehen
Strategische Kommunikationsarbeit scheitert selten an der Analyse der Lage. Sie scheitert an der Vorstellungskraft. Ein Strategiepapier zu schreiben ist die leichteste Übung. Sich auszumalen, was dieses Papier in der Umsetzung anrichtet – über Kanäle, Zielgruppen, Monate hinweg –, das fällt schwer. Ich nehme mich da nicht aus.
Hier hilft KI, schnell durchzuspielen, was am Ende herauskommen könnte. Formulierungen, Beispiele, Varianten. Auch die Missverständnisse. Man sieht, wie sich eine Entscheidung anfühlt, bevor sie ausgerollt ist. Das schlägt die meisten Strategiepapiere.
## Die Blaupause kommt von der Maschine. Die Richtung vom Menschen.
KI kann die Blaupause liefern – als Hypothese. Die Grenzen zieht der Mensch. Und er trifft die Entscheidung. Das verschiebt den stärksten Einsatz von KI an den Anfang. Dahin, wo noch kein Wort steht.
Bleibt die eine Frage, die keine Maschine beantwortet: Wann ist eine Strategie so klar, dass sie skalierte Kommunikation aushält?
## Häufige Fragen
Frage: Wo bringt KI in der strategischen Kommunikation den größten Nutzen?
Antwort: Nicht am operativen Ende – also bei Texten, Posts, Bildern, Videos –, sondern davor: im Blick auf das gewachsene Kommunikationssystem einer Organisation und im Realitätscheck einer Strategie. KI macht Muster sichtbar und macht Strategie operativ vorstellbar. Die Einordnung bleibt menschlich.
Frage: Was passiert, wenn man KI nur operativ einsetzt?
Antwort: Wenn das zugrunde liegende Narrativ nicht internalisiert ist, skaliert KI vor allem eines: die Inkonsistenz. Mehr Output bei unklarer Logik führt nicht zu mehr Klarheit, sondern zu mehr widersprüchlicher Kommunikation.
Frage: Kann KI eine Kommunikationsstrategie ersetzen?
Antwort: Nein. KI liefert eine Hypothese über die kommunikative Realität und eine Blaupause möglicher Umsetzung. Strategietauglich wird das erst durch menschliche Einordnung – durch fachliches Urteil, Gegenproben und den Abgleich mit der Wirklichkeit. Die Richtung geben Menschen vor.
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# Was wir gesagt haben, entscheidet der Empfänger
Autor: Stefan Margenfeld
Datum: 7. Oktober 2025
URL: https://margenfeld.com/journal/was-wir-gesagt-haben-entscheidet-der-empfaenger/
Themen: Strategische Kommunikation, Markenführung
Kurzfassung: Beim Radio habe ich gelernt, wie leicht man missverstanden wird – und warum nicht zählt, was wir senden wollten, sondern was beim Empfänger ankommt. Was das im Zeitalter skalierter KI-Kommunikation bedeutet.
Beim Radio habe ich gelernt, wie leicht man missverstanden werden kann. An mir selbst.
In meiner frühen Zeit beim Hörfunk wollte ich unbedingt witzig sein. Ich war überzeugt: Genau das transportiere ich, sobald das Mikrofon offen ist. Ich hörte mich on air und dachte – lockerer Typ, gute Show.
Dann kamen die Trackings. Marktforschung. Hörer wurden gefragt, wie sie mich wahrnehmen.
Das Ergebnis, sinngemäß und in aller Härte: sehr gute Werte bei „informativ". Miese Werte bei „humorvoll".
Für den Sender war das super. Für mich war es fast eine kleine Krise. Meine Intention war eine völlig andere gewesen.
Die Lektion sitzt bis heute.
## Entscheidend ist nicht, was wir senden. Sondern was ankommt.
> Ich wollte humorvoll sein. Angekommen ist: informativ.
Deshalb traue ich Trackings mehr als meinem Gefühl – Zufriedenheitsabfragen, Rezipientenstudien oder die einfachste Form: ehrlich nachfragen, wie das Gegenüber es verstanden hat.
Und zur professionellen Kommunikation gehört der unbequeme zweite Schritt: dieses Feedback ernst zu nehmen. Auch wenn es nicht zur eigenen Selbstwahrnehmung passt. Es sei denn, wir wollen missverstanden werden.
## Neu ist das nicht. Neu ist, dass es unübersehbar wird.
Dass der Empfänger mitentscheidet, was gesagt wurde, ist keine Entdeckung unserer Zeit. Friedemann Schulz von Thun hat schon 1981 beschrieben, dass jede Nachricht mit vier verschiedenen Ohren gehört werden kann. Jedes PR-Grundlagenwerk kennt die Anspruchsgruppen. Das Wissen ist alt.
Was sich geändert hat, ist die Sichtbarkeit. Wir kommunizieren heute über so viele Kanäle mit so fein segmentierten Gruppen, dass die Unterschiede in der Wahrnehmung nicht mehr im Rauschen verschwinden. Der Klassiker aus jedem PR-Lehrbuch: Eine Botschaft, intern als Aufbruch gemeint, liest sich draußen als Ankündigung von Stellenabbau. Aus „Hier ist ein neues Produkt" wird ein politisches Thema. Nicht wegen der Botschaft selbst – wegen Timing, Stimmung, Kontext.
[Bild: Bauhaus-Infografik: links ein perfekter Khaki-Kreis – die gesendete Botschaft. Rechts kommt dieselbe Form als kantiges dunkles Vieleck an – die empfangene. — Gesendet ist nicht angekommen.]
## Mit KI stellt sich dieselbe Frage. Nur tausendfach.
Wir können Kommunikation inzwischen massenhaft skalieren, in einem Tempo, das es vorher nicht gab. In jede Tonalität. In jedes Format. Für jede Anspruchsgruppe.
Nur: Wer schon eine einzige Stimme nicht sicher gesteuert bekommt – meine eigene hat mir damals als Lektion gereicht –, der steuert tausend Varianten erst recht nicht. Skalierung verstärkt, was da ist. Auch die Unschärfe.
Erste Untersuchungen zur KI-Kommunikation deuten in dieselbe Richtung, mit aller Vorsicht, die junge Forschung verdient: KI-generierte Inhalte gleichen einander messbar an. Und sobald Menschen hinter einer Marke KI vermuten, nimmt die wahrgenommene Echtheit ab. Beides zusammen heißt: Wer ohne klares Fundament skaliert, wird nicht klarer wahrgenommen. Nur lauter und austauschbarer.
Kommunikation endet nicht beim Senden. Sie beginnt dort. Wann haben Sie zuletzt nachgemessen, was wirklich ankommt?
## Hinweise zum Text (Quellen)
Zwei Belege aus diesem Text zum Nachlesen: Die Beobachtung, dass sich KI-generierte Marketing-Inhalte messbar angleichen, stammt aus einer Untersuchung zu Instagram-Marketing (Liu, Wang & Yang, „Generative AI and Content Homogenization", SSRN Working Paper 2025 (https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=5367123) – Arbeitspapier, noch nicht begutachtet). Dass Marken als weniger authentisch wahrgenommen werden, sobald Konsumenten KI hinter den Inhalten vermuten, zeigt eine begutachtete Studie im Journal of Retailing and Consumer Services (2024) (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0969698924000869). Das Vier-Ohren-Modell stammt aus Friedemann Schulz von Thuns „Miteinander reden" (1981).
## Häufige Fragen
Frage: Warum entscheidet der Empfänger, was gesagt wurde?
Antwort: Weil die Wirkung einer Botschaft nicht im Satz liegt, sondern beim Gegenüber entsteht. Dieselbe Aussage wird je nach Kontext, Vorwissen und emotionaler Beteiligung unterschiedlich verstanden. Entscheidend ist deshalb nicht die Sendeabsicht, sondern was tatsächlich ankommt – und ob man bereit ist, das per Feedback zu prüfen.
Frage: Was bedeutet das für KI-gestützte Kommunikation?
Antwort: Kommunikation lässt sich mit KI massenhaft skalieren – in jede Tonalität, jedes Format, für jede Anspruchsgruppe. Wer aber schon eine einzige Stimme nicht sicher steuert, steuert tausend Varianten erst recht nicht. Erste Untersuchungen deuten zudem darauf hin: KI-Inhalte gleichen sich messbar an, und Marken wirken weniger authentisch, sobald Menschen KI dahinter vermuten. Skalierung ersetzt kein Fundament.
# Werkstatt — Arbeiten mit Maschinen
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# THE AGENCY
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/the-agency/
Leitfrage: Was passiert mit einer Agentur, die Stunden verkauft, wenn Stunden billig werden?
Kurzfassung: Eine Mockumentary-Folge über eine Agentur, die nicht merkt, dass KI sie überflüssig macht. Gebaut mit Maschinen, mit allen Zahlen und Kosten.
Video: https://margenfeld.com/werkstatt/the-agency/folge1.mp4 (2:23, Englisch)
Zahlen: 15:28 h rechnete die Maschine, Folge und Making-of; 8:30 h meine Zeit: 5:40 h gemessen am Zug, plus 50 % Sehzeit; 1,77 Mrd. Claude-Tokens, 96 % davon Cache-Lesezugriffe; 37 % der Bild- und Video-Credits stecken im fertigen Film; ≈ 100 € tatsächliche KI-Kosten: Bild, Video und Claude-Abo-Anteil; ≈ 760 € dieselben Claude-Tokens zum API-Listenpreis
Mensch: Prämisse, Gags und Haltung der Folge; 39 Nachrichten: Aufträge, Korrekturen, Freigaben; Casting-Entscheidungen, etwa welche Stimmen bleiben; Tempo und Look: schneller Schnitt, Kino statt Camcorder; Die Musik zum Cold Open, komponiert mit Suno; Abnahme jeder Fassung
Maschine: Drehbuchentwürfe, Storyboard und Shotliste (Claude als Regieassistenz); Räume und Kameras als 3D-Blocking in Blender; 47 Keyframes und Figurenbilder; Clips mit Stimme und Lippensynchronität; Prüfung jedes Clips mit drei Spracherkennungsmodellen, Schnitt und Mischung per Skript
Werkzeuge: Claude Code (Opus), Higgsfield, Nano Banana Pro, GPT Image 2.5, Kling 3.0 pro, Blender, Suno, Whisper, ffmpeg
Kennzeichnung: Vollständig KI-generiert, Talia eingeschlossen. Pemberton & Crane und alle Figuren sind erfunden. Idee, Regie und Abnahme: Stefan Margenfeld. Higgsfield zum Listenpreis (1.000 Credits = 49 US-Dollar). Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. Kurs 0,86 € je US-Dollar. Meine Zeit: gemessene Zeit am Zug plus 50 % Sehzeit.
## Die Idee
Pemberton & Crane, Full-Service-Kommunikation seit 1994. Die Agentur verkauft abrechenbare Zeit, so wie Dunder Mifflin in „The Office“ Papier verkauft. Sie hat noch nicht gemerkt, dass genau diese Zeit gerade billig wird. Talia fängt dort an.
Der erste Entwurf der Maschine war ein freundlicher 60-Sekunden-Spot ohne Haltung. Im nächsten Schritt stand die Prämisse, die trägt. Meine nächste Nachricht bestand aus einer Frage: Wo sind die guten Gags?
## Der Raum
Wer mit Bildmodellen arbeitet, lernt schnell: Jedes Bild erfindet den Raum neu. Mal steht die Tür links, mal rechts, mal fehlt sie. Für einen Film ist das tödlich.
Die Lösung kam aus dem Theater. Bevor ein Bild entsteht, wird der Raum in 3D gebaut, mit farbigen Puppen an den Positionen der Figuren und einer Kamera je Einstellung. Erst auf dieses Graubild setzt das Bildmodell Menschen, Licht und Oberflächen. Im ersten Versuch lagen danach neun von neun Einstellungen im selben Raum.
[Bild: Besprechungsraum der fiktiven Agentur: sechs Figuren am Kopfende eines langen Tisches. — Ziehen: links das 3D-Blocking mit farbigen Platzhaltern, rechts der fertige Keyframe derselben Einstellung.]
## Was es gekostet hat
Folge und Making-of zusammen: Die Maschine rechnete rund fünfzehneinhalb Stunden. Ich war gut fünfeinhalb Stunden am Zug, gemessen als die Zeit, in der die Maschine auf mich gewartet hat. Dazu kommt Sehzeit, die kein Protokoll erfasst: Clips ansehen, Schnitte abhören. Ich rechne dafür pauschal 50 Prozent auf, macht achteinhalb Stunden.
In Geld: Bilder und Video kosteten gut 2.000 Credits, rund 85 Euro. Die Regieassistenz lief über mein Claude-Abo: 1,77 Milliarden Tokens, 96 Prozent davon Lesezugriffe auf den Cache. Anteilig am Wochenkontingent sind das rund 15 Euro. Über die API abgerechnet, hätten dieselben Tokens rund 760 Euro gekostet.
Die eigentliche Zahl ist eine andere: Nur 37 Prozent der Bild- und Video-Credits stecken in dem, was im Film zu sehen ist. Der Rest ging in Nacharbeit, verworfene Wege und Ausschuss.
> Die Maschine produziert viel. Bezahlt wird das Aussortieren.
## Was die Maschine nicht konnte
Zahlwörter in schnellen Sätzen verschluckt sie. Talia, Anfang dreißig, wirkte in mehreren Einstellungen wie Mitte vierzig. Ein Werkzeug zum nachträglichen Stimmentausch klang so, dass ich es nach dem ersten Hören gestrichen habe. Die Figuren sprechen jetzt mit den Stimmen, mit denen die Clips entstanden sind.
Und es gibt Momente, die man sieht und nicht mehr vergisst: Eine Figur spricht, der Mund bleibt zu. Solche Stellen fliegen raus, auch aus den Outtakes.
[Video: Making-of: Unbillable Hours — Making-of „Unbillable Hours“ (1:59, Englisch). Die Figuren erzählen von ihrem eigenen Dreh, neben ihnen die Puppen aus dem 3D-Blocking. Talia geht auf ein Foto von Kai Jacobsen (ZASTROWJACOBSEN, Kiel) zurück.]
## Was ich mitnehme
Eine halbstündige Folge wäre so in drei bis sechs Wochen machbar. Der Engpass sind dabei weder Rechenzeit noch Credits. Der Engpass ist die Zeit, in der ein Mensch hinschaut und entscheidet.
Für Pemberton & Crane ist das eine schlechte Nachricht. Billig wird die Herstellung. Teuer bleibt das Urteil.
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Pemberton & Crane verkauft Stunden. Folge und Making-of haben zusammen rund 100 Euro gekostet und achteinhalb Stunden meiner Zeit. Gegen solche Zahlen trägt der Stundensatz nicht mehr. Verkaufen lässt sich noch das Urteil: welche Idee, welche Fassung, welche Pointe. Eine Agentur, die weiter Stunden abrechnet, rechnet ein Geschäft ab, das gerade verschwindet.
**Rolle.** Kuratieren wird Kernarbeit. Nur 37 Prozent der Bild- und Video-Credits stecken im Film. Jemand muss verwerfen dürfen, ohne dass es als Verschwendung gilt.
**Ablauf.** Freigaben werden häufiger und kleiner. Diesen Film haben 39 Nachrichten geführt: Aufträge, Korrekturen, Freigaben. Eine Organisation muss klären, wer freigibt. Sonst gibt am Ende die Maschine frei, durch Schweigen.
**Beim Menschen.** Hinschauen und entscheiden. Das ist der Engpass, weder Rechenzeit noch Credits. Wer das in einer Organisation tut, braucht Zeit dafür im Kalender und das Recht, Nein zu sagen.
## Häufige Fragen
Frage: Was ist THE AGENCY von Stefan Margenfeld?
Antwort: THE AGENCY ist eine KI-generierte Mockumentary-Folge von Stefan Margenfeld über die erfundene Agentur Pemberton & Crane, die abrechenbare Stunden verkauft, während genau diese Stunden durch KI billig werden. Idee, Gags, Regie und Abnahme stammen von Margenfeld, Bilder, Clips, Stimmen und Schnitt von Maschinen wie Claude Code, Higgsfield, Kling 3.0 pro und Blender. Die Folge dauert 2:23 Minuten, ist englisch mit deutschen Untertiteln und vollständig KI-generiert.
Frage: Was hat die KI-Mockumentary THE AGENCY gekostet?
Antwort: Folge und Making-of kosteten zusammen rund 100 Euro an KI-Kosten: etwa 85 Euro für Bild und Video bei Higgsfield und etwa 15 Euro Anteil am Claude-Abo. Zum API-Listenpreis hätten dieselben 1,77 Milliarden Claude-Tokens rund 760 Euro gekostet. Stefan Margenfelds eigener Aufwand lag bei 8:30 Stunden, gemessen als Zeit am Zug plus 50 Prozent Sehzeit.
Frage: Wie bleibt ein Raum in KI-Videos über alle Einstellungen gleich?
Antwort: Stefan Margenfeld baut den Raum zuerst als 3D-Blocking in Blender, mit farbigen Platzhaltern für die Figuren und einer Kamera je Einstellung. Erst auf dieses Graubild setzt das Bildmodell Menschen, Licht und Oberflächen. Bei THE AGENCY lagen so im ersten Versuch neun von neun Einstellungen im selben Raum; das Verfahren stammt aus dem Theater.
Frage: Wie viel der KI-Generierungen landet im fertigen Film?
Antwort: Bei THE AGENCY stecken nur 37 Prozent der Bild- und Video-Credits im fertigen Film. Der Rest ging in Nacharbeit, verworfene Wege und Ausschuss. Stefan Margenfelds Fazit lautet: „Die Maschine produziert viel. Bezahlt wird das Aussortieren.“
Frage: Was bedeutet THE AGENCY für Agenturen und Organisationen?
Antwort: Wenn die Herstellung billig wird, trägt der Stundensatz nicht mehr. Verkaufen lässt sich das Urteil: welche Idee, welche Fassung, welche Pointe. Der Engpass ist laut Stefan Margenfeld die Zeit, in der ein Mensch hinschaut und entscheidet, weder Rechenzeit noch Credits. Organisationen müssen deshalb klären, wer freigibt und wer verwerfen darf.
Frage: Wer ist Stefan Margenfeld?
Antwort: Stefan Margenfeld verbindet Menschen, Marken und Maschinen. Seine Themen sind strategische Kommunikation und KI-Transformation, seine Herkunft liegt im Radio. Er ist weder ITler noch Entwickler und zeigt in den Werkstattberichten auf margenfeld.com, wie er mit KI-Werkzeugen Filme, Hörstücke und Dokumente baut, mit allen Zeiten, Kosten und der Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine.
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# ANCIENT MARKETING
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/ancient-marketing/
Leitfrage: Wie viel Story verträgt ein Künstler?
Kurzfassung: Historische Figuren und ihre Marketingleute. Pilot: Vincent van Gogh, Arles 1888, und ein Manager mit einer Strategie. Entstanden nach THE AGENCY, mit dem Gelernten.
Video: https://margenfeld.com/werkstatt/ancient-marketing/folge1.mp4 (2:28, Englisch)
Zahlen: 32 Dialogzeilen als fertige Tonspur, dann verworfen; 14 Takes, jeder ein durchgehender Clip; 0 Nachdrehs; 3:18 h meine Zeit: 2:12 h gemessen am Zug, plus 50 % Sehzeit; ≈ 18 € tatsächliche KI-Kosten: Bild, Video, Ton und Claude-Abo-Anteil; ≈ 42 € dieselben Claude-Tokens zum API-Listenpreis
Mensch: Idee und Regie, Freigabe des Drehbuchs; Die Entscheidung, die fertige Tonspur zu verwerfen; Abnahme aller Startbilder; Schnittlösungen statt Nachdrehs; Die Titelmusik, komponiert mit Suno; Das Timing der Pausen
Maschine: Drehbuchentwurf, Raumplan und Shotliste (Claude als Regieassistenz); 3D-Blocking eines Raums mit drei Zonen; 24 Bilder für Figuren, Sets, Startbilder und den Abschluss im Van-Gogh-Stil; 16 Clips, 15 davon mit Stimme und Ton aus dem Bild; Prüfung, Schnitt, Bauchbinden und Untertitel per Skript
Werkzeuge: Claude Code (Opus), Higgsfield, GPT Image 2.5, Nano Banana, Kling 3.0 pro, Blender, Suno, ElevenLabs (verworfen), Whisper, ffmpeg
Kennzeichnung: Vollständig KI-generiert. Figuren frei nach historischen Personen, Maurice Bréval ist erfunden. Idee, Regie und Abnahme: Stefan Margenfeld. Higgsfield zum Listenpreis (1.000 Credits = 49 US-Dollar). Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. Kurs 0,86 € je US-Dollar. Meine Zeit: gemessene Zeit am Zug plus 50 % Sehzeit.
## Die Idee
Was wäre, wenn hinter den großen Figuren der Geschichte schon damals jemand gesessen hätte, der von Personal Brand, Legende und Signature Move spricht?
Arles, Dezember 1888. Vincent hat Hunderte Bilder gemalt und verkauft so gut wie keins. Sein Manager Maurice Bréval hat eine Strategie, ein Notizbuch und am Ende eine einzige Frage. Man ahnt, welche.
Mockumentary, Deadpan. Niemand lacht. Alle meinen es ernst.
## Die Tonspur, die es nicht in den Film geschafft hat
Der Plan war sauber: erst den Ton, dann das Bild. Alle 32 Dialogzeilen entstanden mit synthetischen Stimmen, je vier Takes, geschnitten und auf Pegel gebracht. Dann habe ich die Tonspur verworfen.
Die Stimmen kommen jetzt direkt aus dem Bild. Das Videomodell erzeugt Gesicht, Lippen und Stimme in einem Durchgang. Daraus folgt eine neue Regel für das Drehbuch: Möglichst viel muss in einem einzigen Take passieren. Dialogwechsel, Gesten und Kamerabewegung laufen im selben Clip, höchstens fünfzehn Sekunden lang.
Die Musik ist ein kurzes Stück für Titel und Abschluss, mit Suno komponiert. Der Akkord fällt auf den Schnitt.
## Ein Raum, drei Zonen
Aus THE AGENCY habe ich mitgenommen: erst der Raum, dann das Bild. Das Gelbe Haus in Arles gibt es hier einmal, als 3D-Modell mit drei Zonen: Tisch, Fenster, Sessel. Jede Innenszene spielt darin.
[Bild: Atelier im Gelben Haus: Der Manager sitzt mit Notizbuch am Holztisch, Vincent ihm gegenüber, an der Wand zwei Sonnenblumenbilder. — Ziehen: links das Blocking (rot der Manager, gelb Vincent), rechts das Startbild für den Clip.]
## Fünf Fehler, im Schnitt gelöst
Ein verschlucktes „Vincent“. Zwei Sätze, die am Ende des Clips abgeschnitten waren. Ein Blick in die Kamera, der keiner sein sollte. Und eine gemalte Kerze im Hintergrund, die plötzlich zu flackern begann.
Neu generiert habe ich davon nichts. Die Regel lautet: Trifft ein Take den Text nicht genau, prüfe ich zuerst den Schnitt und passe das Drehbuch an den Take an. Nachgedreht wird nur, wenn der Schnitt die Pointe nicht trägt. Dieses Mal trug er sie jedes Mal. Die Kerze steht jetzt still, eingefroren, solange die Kamera ruht.
## Was es gekostet hat
385 Credits für 24 Bilder und 16 Clips, umgerechnet rund 16 Euro. Die verworfene Tonspur kostete gut einen Euro. Die Regieassistenz lief über mein Claude-Abo: 282 Modellaufrufe, 144 Millionen Tokens, anteilig rund ein Euro. Über die API abgerechnet, wären es rund 42 Euro gewesen. Ich selbst war gut zwei Stunden am Zug, mit Sehzeit gut drei.
## Was ich mitnehme
THE AGENCY hat mit Making-of achteinhalb Stunden meiner Zeit gebraucht, diese Folge gut drei. Die Maschinen waren dieselben. Neu waren die Methode und die Erfahrung.
Am meisten beschäftigt hat mich dabei eine Frage aus zwanzig Jahren Radio: Wann trägt eine Pause? Die Maschine liefert Takes. Das Timing bleibt Handwerk.
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Die Maschinen waren dieselben wie bei THE AGENCY. Meine Zeit sank von achteinhalb Stunden für Folge und Making-of auf gut drei Stunden, die Kosten von rund 100 auf rund 18 Euro. Den Unterschied machte das Gelernte. Werkzeuge kann jede Organisation kaufen, morgen schon. Ein Verfahren muss sie sich erarbeiten, und genau darin liegt der Vorsprung.
**Rolle.** Jemand muss aus einem Fall Regeln ziehen und sie in den nächsten tragen. Erst der Raum, dann das Bild: Das stammt aus THE AGENCY. Hier galt es von Anfang an.
**Ablauf.** Zwei Regeln haben diese Folge geprägt. Eine fertige Tonspur durfte fallen, obwohl Arbeit in ihr steckte. Und Fehler werden zuerst im Schnitt gelöst, erst danach neu erzeugt. Fünf Fehler, null Nachdrehs. Beides muss ein Ablauf ausdrücklich erlauben, sonst verteidigt jeder, was er schon gebaut hat.
**Beim Menschen.** Das Timing. Wann trägt eine Pause? Die Maschine liefert Takes. Ob ein Witz sitzt, hört nur jemand, der Witze kennt.
## Häufige Fragen
Frage: Was ist ANCIENT MARKETING von Stefan Margenfeld?
Antwort: ANCIENT MARKETING ist eine KI-generierte Mockumentary-Reihe von Stefan Margenfeld über historische Figuren und ihre Marketingleute, erzählt im Deadpan-Ton. Der Pilot zeigt Vincent van Gogh in Arles mit seinem erfundenen Manager Maurice Bréval, der von Personal Brand, Legende und Signature Move spricht. Die Folge dauert 2:28 Minuten, ist englisch mit deutschen Untertiteln und vollständig KI-generiert.
Frage: Was hat die Folge gekostet, und wie viel Arbeit steckt darin?
Antwort: Die KI-Kosten lagen bei rund 18 Euro: etwa 16 Euro für 385 Higgsfield-Credits (24 Bilder, 16 Clips), gut ein Euro für eine verworfene ElevenLabs-Tonspur und rund ein Euro Anteil am Claude-Abo. Stefan Margenfelds eigener Aufwand betrug 3:18 Stunden. Gegenüber THE AGENCY sanken Aufwand und Kosten deutlich, obwohl die Maschinen dieselben waren.
Frage: Warum hat Stefan Margenfeld die fertige Tonspur verworfen?
Antwort: Alle 32 Dialogzeilen lagen bereits als synthetische Stimmen vor. Das Videomodell Kling 3.0 pro erzeugt Gesicht, Lippen und Stimme jedoch in einem Durchgang, und das wirkte stimmiger. Daraus folgte eine neue Drehbuchregel: Möglichst viel passiert in einem einzigen durchgehenden Take von höchstens fünfzehn Sekunden.
Frage: Wie behebt man Fehler in KI-Clips, ohne neu zu generieren?
Antwort: Stefan Margenfelds Regel lautet: Trifft ein Take den Text nicht genau, wird zuerst der Schnitt geprüft und das Drehbuch an den Take angepasst. Nachgedreht wird nur, wenn der Schnitt die Pointe nicht trägt. Bei ANCIENT MARKETING wurden so fünf Fehler gelöst, mit null Nachdrehs.
Frage: Was lernen Organisationen aus ANCIENT MARKETING?
Antwort: Werkzeuge kann jede Organisation kaufen, ein Verfahren muss sie sich erarbeiten. Zwischen THE AGENCY und ANCIENT MARKETING blieben die Maschinen gleich, die KI-Kosten fielen von rund 100 auf rund 18 Euro, weil Regeln aus dem ersten Fall in den zweiten getragen wurden. Das Timing einer Pointe bleibt Handwerk; Stefan Margenfeld bringt dafür das Ohr aus zwanzig Jahren Radio mit.
Frage: Warum zeigt Stefan Margenfeld seine KI-Arbeiten mit allen Zahlen?
Antwort: Jede Organisation, die mit Maschinen arbeitet, stellt dieselben Fragen: Wie viel Menschenzeit steckt darin, was wird verworfen, wer entscheidet? Stefan Margenfeld beantwortet sie in jedem Werkstattbericht mit Messwerten aus Protokollen, nie aus dem Gedächtnis. Wie er misst, steht auf margenfeld.com unter „Wie ich messe“.
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# Kroll. Wir machen das.
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/kroll-imagefilm/
Leitfrage: Was passiert, wenn ein Mittelständler beschließt: Ab heute sind wir KI?
Kurzfassung: Eine Mockumentary-Reihe aus der Verwaltung der fiktiven Kroll Facility Services: drei Folgen und ein Imagefilm, den der Chef selbst gemacht hat. Auf Deutsch, mit allen Aufwänden im Verlauf. Den Off-Text spricht der Klon meiner eigenen Stimme.
Video: https://margenfeld.com/werkstatt/kroll-imagefilm/imagefilm.mp4 (1:34, Deutsch)
Zahlen: 4 Filme: der Imagefilm und drei Folgen; 3 Videomodelle für deutsche Dialoge ausprobiert; 48 % der Bild- und Video-Credits verworfen, meist auf der Suche nach gutem Deutsch; 9:12 h meine Zeit: 6:08 h gemessen am Zug, plus 50 % Sehzeit; ≈ 134 € tatsächliche KI-Kosten für alle vier Filme; ≈ 111 € dieselben Claude-Tokens zum API-Listenpreis
Mensch: Idee, Figuren und Freigabe der Drehbücher; Die Modellwahl: Kling verworfen, Veo für Folge 2 verworfen, Gemini Omni behalten; Schnittregeln: Timing, Zoom vor der Pointe, keine Lacher; Die Stimme des Imagefilms: meine eigene, als Klon; Die Musik „Rising Together“, komponiert mit Suno; Abnahme jeder Fassung
Maschine: Drehbuchentwürfe und Shotlisten (Claude als Regieassistenz); Räume als 3D-Blocking, Figuren- und Set-Bilder, Keyframes; Clips mit deutschem Dialog und Lippensynchronität; Off-Text vom Stimmklon, Atmo je Raum; Prüfung jeder Zeile per Spracherkennung, Schnitt und Mischung per Skript
Werkzeuge: Claude Code (Opus), Higgsfield, GPT Image 2.5, Gemini Omni, Veo 3.1, Kling 3.0 pro, Blender, ElevenLabs, Suno, Whisper, ffmpeg
Kennzeichnung: Vollständig KI-generiert, auch die Stimmen. Kroll Facility Services und alle Personen sind erfunden. Off-Stimme im Imagefilm: Brandvoice von ichbinsprecher.de als Klon. Idee, Regie und Abnahme: Stefan Margenfeld. Higgsfield zum Listenpreis (1.000 Credits = 49 US-Dollar). Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. Kurs 0,86 € je US-Dollar. Meine Zeit: gemessene Zeit am Zug plus 50 % Sehzeit.
## Die Idee
Kroll Facility Services, Verwaltung im dritten Stock. Geschäftsführer Lüttgenau steht vor dem Flipchart und verkündet: „Ab heute sind wir KI.“ Was das heißt, weiß niemand. Er auch nicht.
Mockumentary nach dem Vorbild von „Stromberg“: Handkamera, Interviews vor der Ordnerwand, Zoom kurz vor der Pointe. Sechs Figuren, drei Folgen und ein Imagefilm, den der Chef am Ende selbst gemacht hat.
## Die drei Folgen
[Video: Folge 1: Wir haben jetzt KI — Folge 1 „Wir haben jetzt KI“ (1:01). Lüttgenau führt KI ein. Die Erklärung hat er laminiert.]
[Video: Folge 2: Liebe [Name einfügen] — Folge 2 „Liebe [Name einfügen]“ (1:10). Eine Jubiläumsrede aus dem Textgenerator, ungeprüft vorgelesen.]
[Video: Folge 3: Laut einer aktuellen Studie — Folge 3 „Laut einer aktuellen Studie“ (1:06). Eine Marktübersicht in neun Minuten, mit einem Institut, das es nicht gibt.]
## Deutsch ist schwerer
Ehrlich gesagt: Auf Deutsch sind die Ergebnisse nicht so schön wie im Englischen. Manches ist auf Laiendarsteller-Niveau. Für den Stand ist es okay.
Der Grund liegt in den Modellen. Kling, das bei THE AGENCY und ANCIENT MARKETING trägt, klang auf Deutsch so schlecht, dass ich es nach dem ersten Probe-Clip gestrichen habe. Gemini Omni spricht jede Zeile wortgenau, aber die Stimmen wirken künstlich, manche Momente unheimlich. Veo hat das bessere Timing, erfindet dafür aber Wörter, setzt Schnitte, wo keine sein sollen, und brennt ungefragt Untertitel ein. Die Veo-Fassung von Folge 2 habe ich komplett verworfen.
Fast die Hälfte aller Bild- und Video-Credits ging in diese Suche. Am Ende stehen Mischungen: In Folge 1 spricht Lüttgenau mit Veo, Petra und Ulf mit Gemini.
## Der Imagefilm
Drohnenflug im Morgenlicht, Händeschütteln, ein Sprecher mit zu viel Pathos. Solche Imagefilme haben Mittelständler 2015 bei einer Regionalagentur bestellt. Diesmal hat ihn Herr Lüttgenau selbst gemacht. Im Film sagt er es selbst: „Hat drei Minuten gedauert.“ Pause. „Vier, mit Musik.“
Der Film gibt sich ernst und glatt. Die Brüche kommen aus genau den Fehlern, die entstehen, wenn niemand prüft. Der Handschuh, der die Scheibe putzt, hat einen Finger zu viel. Das Team, das um den Konferenztisch lacht, arbeitet nicht bei Kroll. Die Infografik verkündet 98,7 Prozent Kundenzufriedenheit, darunter steht klein: „Interne Erhebung 2019, Rücklaufquote 11 %“. Alles daran ist Absicht.
Hochglanz läuft überbelichtet und gesättigt, die Wirklichkeit im Kino-Look mit Handkamera. Die Musik „Rising Together“ habe ich mit Suno komponiert, der Schnitt liegt auf ihren Takten.
## Die Stimme bin ich
Der Sprecher aus dem Off klingt nach Imagefilm: warm, getragen, vollkommen ernst. Es ist meine eigene Stimme. Seit zwanzig Jahren spreche ich unter ichbinsprecher.de für Marken, und diese Brandvoice gibt es inzwischen als Klon. Für Kroll habe ich keinen Satz selbst eingesprochen. Der Klon hat jeden der acht Sätze zweimal gesprochen, die Regieassistenz hat die Takes vorsortiert. Einer davon sagte „Krall“ statt „Kroll“ und flog raus.
So steckt in diesem Film ein zweiter Fall: eine Stimme, die spricht, ohne dass ihr Besitzer im Raum ist. Sie gehört mir. Ob sie das Richtige sagt, muss trotzdem jemand hören.
## Was ich mitnehme
Herr Lüttgenau hat recht: Der Imagefilm hat fast nichts gekostet, rund elf Euro. Die ganze Reihe kam auf rund 134 Euro. Teuer war nicht das Herstellen. Teuer war die Suche nach einer Maschine, die gut Deutsch spricht.
Und jede Folge hat einen Menschen gebraucht, der hinschaut. Das Hinschauen bleibt teuer, und es lässt sich nicht weglassen.
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Herr Lüttgenau verkündet: „Ab heute sind wir KI.“ Danach wird eine Jubiläumsrede ungeprüft vorgelesen, eine Marktübersicht zitiert ein Institut, das es nicht gibt, und im Imagefilm hat ein Handschuh einen Finger zu viel. Die Reihe erzählt, was passiert, wenn eine Firma Werkzeuge einführt und den Ablauf vergisst. Und sie zeigt einen Standortnachteil: Auf Deutsch sind die Modelle schwächer als auf Englisch.
**Rolle.** Modellwahl ist Beschaffung. 48 Prozent der Bild- und Video-Credits gingen in die Suche nach gutem Deutsch. Jemand muss entscheiden, nach welchem Maßstab, und regelmäßig neu prüfen. Die Modelle ändern sich schneller als jeder Rahmenvertrag.
**Ablauf.** Jede Zeile wird gegen das Skript geprüft, bevor ein Mensch sie abnimmt. Bei der eigenen Stimme kommt eine Frage dazu: Wer darf den Klon benutzen, und wofür?
**Beim Menschen.** Das Hinschauen. Die Reihe kostete rund 134 Euro, der Imagefilm rund elf. Billig ist das nur, solange jemand prüft. Bei Kroll tut es niemand.
## Häufige Fragen
Frage: Was ist „Kroll. Wir machen das.“ von Stefan Margenfeld?
Antwort: „Kroll. Wir machen das.“ ist eine deutschsprachige KI-Mockumentary-Reihe von Stefan Margenfeld aus der Verwaltung der erfundenen Kroll Facility Services, nach dem Vorbild von „Stromberg“. Sie besteht aus drei Folgen und einem Imagefilm, den der Chef selbst gemacht hat. Thema ist ein Mittelständler, der verkündet „Ab heute sind wir KI“ und dabei den Ablauf vergisst.
Frage: Was hat die Kroll-Reihe gekostet?
Antwort: Alle vier Filme zusammen kosteten rund 134 Euro an KI-Kosten, davon rund 132 Euro für Bild und Video bei Higgsfield. Der Imagefilm allein kam auf rund elf Euro. Stefan Margenfelds eigener Aufwand lag bei 9:12 Stunden; 48 Prozent der Bild- und Video-Credits wurden verworfen, meist auf der Suche nach gutem Deutsch.
Frage: Welche KI-Videomodelle können Deutsch?
Antwort: In Stefan Margenfelds Vergleich klang Kling auf Deutsch so schlecht, dass er es nach dem ersten Probe-Clip strich. Gemini Omni spricht jede Zeile wortgenau, die Stimmen wirken aber künstlich. Veo 3.1 hat das bessere Timing, erfindet dafür Wörter, setzt ungewollte Schnitte und brennt Untertitel ein. Das Ergebnis sind Mischungen, und auf Deutsch sind die Modelle spürbar schwächer als auf Englisch.
Frage: Wessen Stimme spricht den Kroll-Imagefilm?
Antwort: Die Off-Stimme ist Stefan Margenfelds eigene Brandvoice von ichbinsprecher.de, als KI-Klon. Für Kroll hat er keinen Satz selbst eingesprochen. Der Klon sprach jeden der acht Sätze zweimal, die Regieassistenz sortierte vor, und ein Take mit „Krall“ statt „Kroll“ flog raus.
Frage: Was lernen Organisationen aus der Kroll-Reihe?
Antwort: Die Reihe zeigt, was passiert, wenn eine Firma Werkzeuge einführt und den Ablauf vergisst: Eine Rede wird ungeprüft vorgelesen, eine Studie zitiert ein Institut, das es nicht gibt. Stefan Margenfeld zieht daraus drei Punkte: Modellwahl ist Beschaffung und muss regelmäßig neu geprüft werden, jede Zeile wird gegen das Skript geprüft, bevor ein Mensch abnimmt, und für einen Stimmklon gehört geklärt, wer ihn wofür benutzen darf.
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# Kroll. Das dritte Quartal.
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/kroll-quartal/
Leitfrage: Was wird aus einem Meeting, wenn die Maschine zuhört?
Kurzfassung: Aus dem Transkript eines Quartalsgesprächs der fiktiven Kroll Facility Services entstehen Protokoll, Tabellen, Folien, Charts und ein Infografik-Film mit meiner Stimme. Alles aus einer Quelle, jede Zahl mit Beleg. Dazu die Kosten und ein Blick auf den Berufsalltag.
Video: https://margenfeld.com/werkstatt/kroll-quartal/film.mp4 (1:23, Deutsch)
Zahlen: 1 → 6 ein Transkript, sechs Formate: Word, zwei CSV, Folien, Zahlenseite, Film; 45 Kennzahlen, jede mit ihrer Stelle im Gespräch; 15 Aufgaben mit Namen und Termin; 2:26 h meine Zeit: 1:37 h gemessen am Zug, plus 50 % Sehzeit; ≈ 1,25 € tatsächliche KI-Kosten für alles; ≈ 13 € dieselben Claude-Tokens zum API-Listenpreis
Mensch: Der Auftrag: ein Meeting, aus dem alle Formate entstehen; Abnahme jeder Stufe; Die Entscheidung für HTML-Folien; Regie am Film: mehr Art Direction, alles im Bild, Stimme schneller; Die Stimme: meine eigene, als Klon; Die Grenze zwischen Beschluss, Aufgabe und Absprache
Maschine: Auszug aus dem Transkript mit Beleg je Zeile; Daraus Protokoll, CSV, Folien, Charts und Film; Motion Design als HTML-Bühne, Bild für Bild gerendert, an die Wortzeiten der Stimme gekoppelt; Kontrolle per Spracherkennung, Lautheit und Bildrahmen per Skript
Werkzeuge: Claude Code (Opus), ElevenLabs, Whisper, LibreOffice, Python, Chrome, ffmpeg
Kennzeichnung: Transkript, Dokumente, Folien und Film sind KI-generiert, auch die Stimme. Kroll Facility Services und alle Personen sind erfunden. Off-Stimme: Brandvoice von ichbinsprecher.de als Klon. Musik: ElevenLabs Music. Idee, Regie und Abnahme: Stefan Margenfeld. Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. Kurs 0,86 € je US-Dollar. Meine Zeit: gemessene Zeit am Zug plus 50 % Sehzeit.
## Die Idee
Ein Meeting dauert eine Stunde. Danach beginnt die eigentliche Arbeit: Protokoll schreiben, Aufgaben verteilen, Zahlen in eine Tabelle übertragen, Folien für den Beirat bauen. Oft dauert das länger als das Meeting selbst.
Für diesen Fall bin ich zurück zu Kroll Facility Services gegangen, der erfundenen Firma aus meinen Mockumentarys. Diesmal ohne Pointe: Geschäftsführung und Bereichsleitungen besprechen das dritte Quartal. Umsatz, Ergebnis, Krankenstand, offene Rechnungen, Preise. 47 Minuten, neun Stimmen, rund 7.000 Wörter. Aus diesem einen Transkript sollte alles Weitere entstehen.
## Wie ein Transkript entsteht
Solche Transkripte lassen sich heute mit vielen Werkzeugen erstellen, etwa mit Microsoft Copilot, Notion, TurboScribe oder ElevenLabs. Aufgenommen wird entweder direkt im jeweiligen Werkzeug oder mit jeder üblichen Sprachaufnahme auf dem Smartphone.
**Wichtig: Alle Teilnehmenden müssen der Aufnahme zugestimmt haben.** Im Kroll-Gespräch holt der IT-Verantwortliche diese Zustimmung gleich in der ersten Minute ein, reihum, von jedem einzeln.
[Das Transkript zum Lesen](/werkstatt/kroll-quartal/transkript.txt)
## Ein Auszug, sechs Formate
Der wichtigste Schritt ist unsichtbar. Bevor ein einziges Dokument entsteht, zieht die Assistenz einen strukturierten Auszug aus dem Gespräch: Kennzahlen mit Ist, Plan und Vorjahr, Beschlüsse, Aufgaben mit Namen und Termin. Jede Zeile trägt den Zeitstempel der Stelle, auf die sie sich stützt. Fehlt so eine Stelle, bricht der Bau ab.
Aus diesem einen Auszug entstehen alle Formate. Ändert sich eine Zahl, ändert sie sich überall. Und wer wissen will, woher eine Zahl kommt, findet den Zeitstempel daneben.

Das Protokoll ist ein Word-Dokument im Kroll-Design mit Kernaussagen, Tagesordnungspunkten, fünf Beschlüssen, fünfzehn Aufgaben und den Absprachen ohne Beschluss. Hinter jedem Punkt steht klein, wo er im Gespräch steht. Dazu kommen zwei CSV-Dateien für Excel, eine mit den Aufgaben, eine mit 45 Kennzahlen.
[Protokoll als Word](/werkstatt/kroll-quartal/protokoll.docx) · [als PDF](/werkstatt/kroll-quartal/protokoll.pdf) · [Aufgaben als CSV](/werkstatt/kroll-quartal/aufgaben.csv) · [Kennzahlen als CSV](/werkstatt/kroll-quartal/kennzahlen.csv)
## Folien in HTML
Die Folien baue ich in HTML. Das geht natürlich auch in PowerPoint. Der Grund für HTML ist für mich die Struktur: Überschriften, Zahlen und Tabellen stehen als lesbarer Text in der Datei, und damit kann jede Maschine etwas anfangen. Eine PowerPoint-Datei ist ein Paket aus vielen XML-Teilen, in dem der Text in Layout-Schnipsel zerfällt. Ein PDF kennt oft nur noch Zeichen an Positionen; welche Zahl zu welcher Spalte gehört, muss eine Maschine dort erst wieder erraten. Bei Kroll kommt dazu: Die Charts werden aus denselben Zahlen gerechnet wie das Protokoll, und jede Folie nennt unten die Stelle im Transkript, aus der sie stammt. Als PDF drucken lassen sich die Folien trotzdem.

Sechzehn Folien, jede mit einer Aussage, im Schnitt sechzehn Wörter. Ein Skript prüft, dass auf keiner Folie etwas über den Rand ragt. Das war nötig: Auf zwei Chart-Folien war der Inhalt zu hoch und schob die Überschrift aus dem Satzspiegel.
[Die Folien öffnen](/werkstatt/kroll-quartal/folien.html) (Pfeiltasten, F für Vollbild) · [als PDF](/werkstatt/kroll-quartal/folien.pdf)
## Charts und Tabellen
Als Zugabe gibt es eine Zahlenseite: Kennzahlen-Kacheln, sechs Charts mit Hover und Tabellenansicht, alle 45 Kennzahlen zum Filtern und die Aufgabenliste nach Personen. Sie läuft auch auf dem Handy.

[Die Zahlenseite öffnen](/werkstatt/kroll-quartal/zahlen.html)
## Der Film
Der Infografik-Film oben ist kein generiertes Video. Er ist Motion Design: eine HTML-Bühne, auf der Zahlen hochzählen, Linien sich zeichnen und Balken wachsen, Bild für Bild gerendert, 60 Bilder pro Sekunde. Die Bewegungen hängen an den Wortzeiten der Stimme. Der Pfeil „+4,7 %“ erscheint genau bei „mehr“, die drei Hebel kommen jeweils mit ihrem Wort.
Die Stimme ist meine, als Klon meiner Brandvoice von ichbinsprecher.de. Im ersten Satz hörte die Spracherkennung „Crawl“ statt „Kroll“. Der Satz wurde neu gesprochen, mit „Kroll“ als eigenem Wort. Danach kamen drei Fassungen. Nach der ersten wollte ich mehr Art Direction und eine weichere Infografik. Die zweite bekam ein festes Raster, weichere Bewegungen und Übergänge, die ein Bild ins nächste führen. In der dritten wurde die Stimme acht Prozent schneller.
Dass alles im Bild bleibt, prüft ebenfalls ein Skript. Es tastet den Film alle Viertelsekunde ab.
## Im Berufsalltag
Ein Werkstattfall ist kein Arbeitsalltag. Also habe ich durchgerechnet, wie das Quartalsgespräch in einer echten Firma liefe: acht Teilnehmende, eine Stunde Meeting, danach Transkript, Protokoll, Revision durch alle, Folien und Film, jeweils mit Korrekturschleife. Die Vorlagen stehen schon, es ist das zweite Quartal. Stundensätze als Arbeitgeber-Vollkosten: 90 Euro für den Leitungskreis, 55 Euro für die Assistenz.
| Schritt | Mit KI | Klassisch |
|---|---:|---:|
| Meeting, 8 Teilnehmende | 8:00 h | 8:00 h |
| Transkript | 0:15 h | – |
| Protokoll | 0:40 h | 2:30 h |
| Revision durch alle | 3:10 h | 4:05 h |
| Folien mit Revision | 1:30 h | 6:30 h |
| Film mit Revision | 1:40 h | meist keiner |
| **Personenzeit** | **15:15 h** | **21:05 h** |
| **Personalkosten** | **≈ 1.230 €** | **≈ 1.700 €** |
| Sachkosten je Meeting | ≈ 8 € | – |
Das Transkript kostet je nach Werkzeug fast nichts. In Teams ist es Teil von Microsoft 365, TurboScribe nimmt pauschal 20 Dollar im Monat, ElevenLabs rechnet unter 40 Cent je Stunde Audio ab. Das Protokoll mit Opus 5.5 kostet als reiner Aufruf rund 13 Cent, mit Word-Bau und Beleg je Zeile rund 2 Euro. Ein Agenturfilm in dieser Art läge bei mehreren tausend Euro. Deshalb gibt es ihn klassisch meist gar nicht.
Gespart werden knapp sechs Personenstunden je Quartalsgespräch. Die Kosten sind dabei das kleinere Thema. Wichtiger ist, wo es im Alltag hakt:
- **Aufnahme und Zustimmung.** Alle müssen zustimmen. In Deutschland ist zudem der Betriebsrat zu beteiligen, sobald ein Werkzeug Verhalten oder Leistung auswerten kann. Das klärt man einmal, nicht vor jedem Meeting.
- **Wo die Daten liegen.** Ein Quartalsgespräch enthält Personal- und Kundendaten. Welches Werkzeug in Frage kommt, entscheidet die IT-Freigabe. Bei Kroll bleibt die Aufnahme auf dem eigenen Server. Ein Cloud-Dienst wäre damit nicht vereinbar.
- **Die Revision bleibt der größte Block.** Gut drei Stunden lesen und kommentieren alle. Die KI verkürzt das kaum. Sie macht es leichter, weil jede Zeile auf eine Stelle im Gespräch zeigt.
- **Der Film ist der unpraktischste Teil.** Er braucht eine Werkzeugkette, die es auf einem normalen Büro-PC nicht gibt. Mit fertiger Vorlage kostet er wenig, ohne sie ist er ein Projekt. Im Büro liegt näher, PowerPoint als Video zu exportieren und die Stimme darunterzulegen.
Einmalig kostet das Einrichten der Vorlagen etwa das, was dieser Fall gekostet hat: knapp zweieinhalb Stunden und ein paar Euro.
## Der Blick auf den Fall
Die Arbeit nach dem Meeting kostet in diesem Fall fast nichts: rund 1,25 Euro und knapp zweieinhalb Stunden, die meiste Zeit davon im Hinschauen. Im Alltag spart der Ablauf knapp sechs Personenstunden je Meeting, und am Ende steht ein Film, den es sonst nicht gäbe.
Lesen, ordnen und rechnen kann die Maschine. Das Gewichten bleibt beim Menschen: Was ist wichtig, was ist beschlossen, was zeigen wir dem Beirat? Und vor allem anderen steht eine Frage, die keine Maschine stellt: Sind alle einverstanden, dass wir aufnehmen?
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Die gesparte Zeit ist das kleinere Ergebnis: knapp sechs Personenstunden je Quartalsgespräch, Personalkosten von rund 1.700 auf rund 1.230 Euro. Größer ist, dass ein Meeting zur Quelle wird. Aus einer Stunde Gespräch entstehen Protokoll, Kennzahlen, Folien und ein Film, den es vorher nicht gab. Wer so berichtet, spricht anders mit Beirat und Belegschaft.
**Rolle.** Das Protokoll braucht mit KI vierzig Minuten statt zweieinhalb Stunden. Neu ist die Arbeit davor und danach: Vorlagen pflegen, Belege prüfen.
**Ablauf.** Drei Dinge klärt man einmal, nicht vor jedem Meeting: die Zustimmung zur Aufnahme, die Beteiligung des Betriebsrats, die Freigabe des Werkzeugs durch die IT. Die Revision bleibt mit gut drei Stunden der größte Block. Sie wird leichter, weil jede Zeile auf eine Stelle im Gespräch zeigt.
**Beim Menschen.** Das Gewichten. Was ist beschlossen, was nur besprochen, was sieht der Beirat? Das ist eine Führungsentscheidung. Die Maschine bereitet sie vor. Treffen muss sie jemand, der dafür geradesteht.
## Häufige Fragen
Frage: Was zeigt der Werkstattbericht „Kroll. Das dritte Quartal.“?
Antwort: Stefan Margenfeld zeigt, wie aus dem Transkript eines 47-minütigen Quartalsgesprächs der erfundenen Kroll Facility Services sechs Formate entstehen: ein Word-Protokoll, zwei CSV-Dateien, HTML-Folien, eine Zahlenseite mit Charts und ein Infografik-Film mit seiner geklonten Stimme. Alle Formate stammen aus einem strukturierten Auszug, und jede der 45 Kennzahlen trägt den Zeitstempel ihrer Stelle im Gespräch.
Frage: Wie viel Zeit spart KI bei Protokoll und Folien nach einem Meeting?
Antwort: Stefan Margenfelds Modellrechnung für ein Quartalsgespräch mit acht Teilnehmenden ergibt 15:15 Personenstunden mit KI statt 21:05 klassisch, die Personalkosten sinken von rund 1.700 auf rund 1.230 Euro. Das Protokoll braucht 40 Minuten statt zweieinhalb Stunden. Die Revision durch alle bleibt mit gut drei Stunden der größte Block. Der Werkstattfall selbst kostete rund 1,25 Euro an KI-Kosten.
Frage: Warum baut Stefan Margenfeld Folien in HTML statt in PowerPoint?
Antwort: In HTML stehen Überschriften, Zahlen und Tabellen als lesbarer Text in der Datei, damit kann jede Maschine arbeiten. Eine PowerPoint-Datei zerfällt in viele XML-Teile, ein PDF kennt oft nur Zeichen an Positionen. Bei Kroll werden die Charts aus denselben Zahlen gerechnet wie das Protokoll, und jede Folie nennt ihre Stelle im Transkript. Als PDF drucken lassen sich die Folien trotzdem.
Frage: Was ist bei KI-Transkripten von Meetings zu beachten?
Antwort: Alle Teilnehmenden müssen der Aufnahme zustimmen. In Deutschland ist zudem der Betriebsrat zu beteiligen, sobald ein Werkzeug Verhalten oder Leistung auswerten kann, und die IT entscheidet, welches Werkzeug Personal- und Kundendaten verarbeiten darf. Stefan Margenfeld rät, das einmal grundsätzlich zu klären statt vor jedem Meeting.
Frage: Was bleibt beim Menschen, wenn die Maschine das Meeting auswertet?
Antwort: Lesen, ordnen und rechnen kann die Maschine. Das Gewichten bleibt beim Menschen: Was ist beschlossen, was nur besprochen, was sieht der Beirat? Für Stefan Margenfeld ist das eine Führungsentscheidung, die die Maschine vorbereitet und jemand trifft, der dafür geradesteht.
Frage: Ist Stefan Margenfeld Entwickler?
Antwort: Nein. Stefan Margenfeld ist weder ITler noch Entwickler. Er kommt aus Journalismus und Radio und arbeitet an der Schnittstelle von Kommunikation und KI-Transformation. Die Werkzeugketten in seinen Werkstattberichten baut er mit Claude Code als Assistenz, die Entscheidungen trifft er selbst.
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# Ein Essay wird Hörstück.
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/journal-als-hoerstueck/
Leitfrage: Wie nah kommt eine Maschine an ein echtes Hörstück?
Kurzfassung: Mein Journal-Essay „Ich bin gefährlich – also kauf mich“ als Audiofeature, auf Deutsch und Englisch. Neun Fassungen, drei Generationen von ElevenLabs, ein eigenes Set an Musikbetten aus Suno. Und die Frage, warum diese Fassung trägt, obwohl sie keine echte Produktion ist.
Zahlen: 2 Episoden, Deutsch und Englisch, je gut zwölf Minuten; 9 Fassungen bis zur Abnahme; 3 ElevenLabs-Modelle im Vergleich: Multilingual v2, v3 und v4; 10 Musikbetten aus Suno, im DAM für alle weiteren Folgen; 5:50 h meine Zeit: 3:53 h gemessen am Zug, plus 50 % Hörzeit; ≈ 5,55 € tatsächliche KI-Kosten, ohne die laufenden Abos
Mensch: Der Auftrag: das Journal als Audio, später auch als Video; Die Entscheidung für das Feature mit zwei Stimmen; Regie in neun Runden: Aussprache, Haltung, Musik, Übergänge; Das Klangbett-Set: Idee, Richtung und die Generierung in Suno; Die Abnahme: „Kann man so machen.“
Maschine: Feature-Dramaturgie und Sprechtexte aus dem Essay, Fakten nur aus dessen Quellen; Erzähler und Szenen über ElevenLabs, ab v6 mit Eleven v4 über den Connector; Prüfung jeder Zeile: Spracherkennung, Phonemerkennung, Tonlage und Pausen; Schnitt, Knackser-Reparatur und Mastering per Skript; Ablage der Suno-Betten im DAM, mit Prompt und Messwerten
Werkzeuge: Claude Code (Opus), ElevenLabs, Suno, Whisper, wav2vec2, Python, ffmpeg
Kennzeichnung: Alle Stimmen, Atmos und Musik sind KI-generiert, auch meine Stimme. Essay, Regie und Musik-Generierung: Stefan Margenfeld. Erzähler: Brandvoice von ichbinsprecher.de als Klon. Szenenstimmen aus der ElevenLabs-Bibliothek: Lucy Fennek (Deutsch), Heather Faith (Englisch). Atmos: ElevenLabs. Musik: Margenfeld-Klangbetten, erzeugt mit Suno. Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. Kurs 0,86 € je US-Dollar.
## Die Idee
Das Journal ist Text. Viele Menschen hören aber lieber, als dass sie lesen: im Auto, beim Laufen, nebenbei. Also sollten die Essays auch als Audio erscheinen. Der Test lief am Essay „Ich bin gefährlich – also kauf mich“: über Hersteller, die vor ihrer eigenen KI warnen. Dass ausgerechnet dieser Text von Maschinen vertont wird, hat seinen eigenen Witz.
Am Anfang standen eine Lesung und ein Gespräch zweier KI-Hosts im Stil von NotebookLM. Das Gespräch klang gruselig, die Lesung war korrekt, aber eben vorgelesen. Aus der Lesung wurde ein Feature. Um dessen Entwicklung geht es hier.
## Das Format
Meine Stimme erzählt und liefert die Zahlen. Eine zweite Stimme geht im Präsens in die Szenen: der Fernsehsender 1988, das Kino 1973, die Senatsanhörung, der Plattenladen, das Testlabor, der Rat von Elrond. Unter den Szenen liegen Atmos, unter der Erzählung Musikbetten. Ein Opener nennt Titel und KI-Hinweis, ein Abspann die redaktionellen Hinweise. Im Fließtext steht ein Erzähler, kein Autor, der sich selbst vorliest.
## Neun Fassungen
| Fassung | Was sich änderte | Auslöser |
|---|---|---|
| v1 | Die Lesung wird Feature: Szenenstimme, Atmos, Musik | „Wechselstimmen“ |
| v2 | Musikbetten, die dem Kapitel folgen | „editoriale Musik unter die Erzählung“ |
| v3 | Englische Titel englisch, Margenfeld mit hartem g, neue Mix-Kette | „Private Parts wird englisch gesprochen“ |
| v4 | Atmer bleiben stehen, Knackser repariert, Klon gegen Ben | „Atemabbrüche und Knackser“ |
| v5 | Opener, Erzählerhaltung ohne Ich, Abspann | „klassische Erzählerhaltung“ |
| v6 | Eleven v4 über den Connector, Regie mit Tags | eigener Test mit v4 |
| v7 | Musik ohne Klavier, treibender | „Klimperpiano raus“ |
| v8 | Hörbuch-Tags, sanftere Mix-Kette | „weniger Druck, mehr Hörbuch“ |
| v9 | Off ganz ohne Tags, Musik aus Suno | „da wird es gruselig“ |
## Drei Modelle, eine Stimme
Dieselbe Passage über Listerine in fünf Fassungen. Bis v5 spricht ElevenLabs Multilingual v2, ab v6 Eleven v4. Die Szenen spricht durchgehend v3.
Der Unterschied liegt weniger im langen Absatz als in den kurzen Sätzen. Dort kippt der Hörbuch-Stil:
## Was die Tags tun
Eleven v4 lässt sich mit Regie-Tags in eckigen Klammern führen. Das wirkt, aber anders als gedacht.
- **[curious] hebt die Stimme.** Bei „Tolkien hat diese Figur zu Ende gedacht“ stieg die Tonlage auf 188 statt 143 Hertz im Mittel.
- **[softly] und [calm audiobook narration] machen kurze Sätze gehaucht.** Im langen Absatz senken sie die Tonlage um 1,6 Halbtöne und nehmen Druck heraus. In kurzen Sätzen fällt die Melodie flach, und die Pausen wachsen. Genau dort habe ich „gruselig“ gehört.
- **Ohne Tags spricht mein Klon am gleichmäßigsten.** Den Druck nimmt dann der Mix heraus: ein sanfter Kompressor statt zwei.
- **Aussprache gehört in die Lautschrift, nicht in Umschreibungen.** v4 versteht IPA zwischen Schrägstrichen. Mein Name steht als /ˈmaʁɡn̩fɛlt/ im Text und kommt in jedem Take mit hartem g.
## Die Musik
Die ersten Betten kamen aus ElevenLabs Music. Sie waren zu flach, und das Klavier am Anfang nervte. Daraus entstand ein eigenes Set: zehn Musikbetten als Suite mit einer gemeinsamen Klangpalette aus Kontrabass, Cello, einem trockenen Puls und einer cleanen Gitarre. Kein Klavier, kein Gesang, keine Genre-Zitate. Die erste Fassung der Prompts war mir zu kitschig, die zweite habe ich in Suno erzeugt. Alle zehn Betten liegen mit Prompt, Messwerten und Beschreibung im DAM und tragen ab jetzt jede Folge. Intro und Outro kommen aus der Signatur, MF 01.
## Die englische Fassung
Der Essay steht auf margenfeld.com schon englisch. Dieser Wortlaut wurde auf Erzählerhaltung umgestellt und um Opener und Abspann ergänzt. Mein Klon spricht auch die englische Erzählung, ohne Tags. Die Szenen übernimmt Heather Faith, eine ruhige amerikanische Stimme aus der Bibliothek, „strong without theatrics“. Atmos, Betten und Mix sind dieselben. Kurze Sätze spricht mein Klon im Englischen etwas höher; auch drei Varianten änderten daran wenig.
## Warum diese Fassung trägt
Mit einer echten Produktion kann das Feature nicht mithalten. Es bleibt Stimme aus der Maschine. Akzeptabel ist v9 trotzdem, und das lässt sich begründen:
- **Der Text stimmt.** Jede Zeile ist per Spracherkennung gegen das Skript geprüft, in beiden Sprachen.
- **Die Aussprache stimmt.** Namen und Titel sind per Phonemerkennung geprüft, nicht nach Gehör geschätzt.
- **Die Stimme bleibt im Korridor.** Keine Drama-Muster mehr: Kein Block fällt unter 8,5 Halbtöne Spanne, die Pausen bleiben im üblichen Rahmen. Wo ein kurzer Satz zu hoch lag, wurde er neu erzeugt.
- **Der Mix hält den Standard.** −16 LUFS, True Peak unter −1 dB, gemessen nach der Kodierung, Knackser repariert.
- **Und das Ohr hat abgenommen:** „Kann man so machen.“
Was bleibt: Die Übergänge zwischen den Teilen könnten weicher sein, und die englischen Kurzsätze klingen eine Spur zu hell.
## Der Blick auf den Fall
Wahrscheinlich hört kaum jemand einen einzelnen Atmer oder einen Knackser. Aber Hörer spüren die Summe. Ein Hörstück, das an zwanzig Stellen ein wenig falsch atmet, wirkt nicht kaputt. Es wirkt künstlich. Das Radio-Ohr ist dafür kein Hindernis. Es ist das Messgerät, das die Maschine noch nicht hat.
Neun Runden haben aus dem Experiment ein Verfahren gemacht: Erzähler ohne Tags, Lautschrift für Namen, ein festes Set an Musikbetten, eine Mix-Kette mit Standard und eine Prüfung, die jede Zeile hört, bevor ich sie höre. Die nächste Folge beginnt nicht wieder bei null.
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Der erste Fall ist ein Experiment. Wert entsteht beim zweiten, wenn er nicht wieder bei null beginnt. Nach neun Fassungen stehen ein Erzähler ohne Tags, Lautschrift für Namen, zehn Musikbetten und ein Mix-Standard. Gut anderthalb Stunden meiner Zeit gingen allein in das Set der Betten. Das ist eine Investition in jede weitere Folge.
**Rolle.** Jemand hält die Standards: −16 LUFS, die Lautschrift für Namen, die Betten im DAM mit Prompt und Messwerten. Ohne diese Rolle zerfällt ein Verfahren wieder in Einzelfälle.
**Ablauf.** Jede Fassung ist mit ihrem Auslöser festgehalten. „Klimperpiano raus“ steht neben v7. So weiß die nächste Runde, warum etwas so ist, und muss es nicht neu herausfinden. Eine Organisation, die nur Ergebnisse ablegt, vergisst genau das.
**Beim Menschen.** Das Ohr. Die Prüfung hört jede Zeile, bevor ich sie höre. Ob die Summe künstlich wirkt, entscheidet trotzdem ein Mensch: „Kann man so machen.“
## Häufige Fragen
Frage: Was ist das Audiofeature „Ich bin gefährlich – also kauf mich“?
Antwort: Stefan Margenfeld hat seinen Journal-Essay über KI-Hersteller, die vor ihrer eigenen KI warnen, als KI-generiertes Audiofeature umgesetzt, auf Deutsch (12:42 Minuten) und auf Englisch (12:06 Minuten). Erzähler ist ein Klon seiner Brandvoice von ichbinsprecher.de, die Szenen sprechen Bibliotheksstimmen von ElevenLabs, die Musik stammt aus einem eigenen Set von zehn Klangbetten, erzeugt mit Suno.
Frage: Wie viel Aufwand steckt in dem KI-Hörstück?
Antwort: Bis zur Abnahme entstanden neun Fassungen. Die KI-Kosten lagen ohne die laufenden Abos bei rund 5,55 Euro, davon rund 4,87 Euro für ElevenLabs. Stefan Margenfelds eigener Aufwand betrug 5:50 Stunden, gemessen als Zeit am Zug plus 50 Prozent Hörzeit; gut anderthalb Stunden davon gingen in das Set der Musikbetten.
Frage: Was bewirken Regie-Tags bei ElevenLabs Eleven v4?
Antwort: In Stefan Margenfelds Messungen hob [curious] die Tonlage von 143 auf 188 Hertz im Mittel. [softly] und [calm audiobook narration] machten kurze Sätze gehaucht und flach, mit 3,8 statt 11,6 Halbtönen Tonhöhenspanne. Ohne Tags sprach sein Stimmklon am gleichmäßigsten. Aussprache gehört in Lautschrift: Eleven v4 versteht IPA zwischen Schrägstrichen.
Frage: Wie prüft man KI-Audio, bevor ein Mensch es hört?
Antwort: Stefan Margenfeld prüft jede Zeile per Spracherkennung gegen das Skript, Namen und Titel per Phonemerkennung, die Stimme auf einen Korridor von mindestens 8,5 Halbtönen Spanne und den Mix auf −16 LUFS bei einem True Peak unter −1 dB. Erst danach nimmt das Ohr ab. Seine Bilanz: Hörer bemerken einzelne Atmer kaum, die Summe spüren sie.
Frage: Was lernen Organisationen aus dem Hörstück?
Antwort: Der erste Fall ist ein Experiment, der Wert entsteht beim zweiten, wenn er nicht bei null beginnt. Nach neun Fassungen standen bei Stefan Margenfeld ein Erzähler ohne Tags, Lautschrift für Namen, zehn Musikbetten und ein Mix-Standard. Jede Fassung ist mit ihrem Auslöser dokumentiert, damit die nächste Runde weiß, warum etwas so ist.
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# DIE SESSION
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/die-session/
Leitfrage: Wie viele Regieanweisungen verträgt ein einziger Satz?
Kurzfassung: Ein Sprecher, eine Kabine, ein Satz über Brötchen. Dahinter eine Regie mit sehr vielen Ideen. Ein 3D-Animationsfilm mit meiner eigenen Stimme als Klon und die Frage, warum die Lippen erst im zweiten Anlauf passten.
Video: https://margenfeld.com/werkstatt/die-session/film.mp4 (1:57, Deutsch)
Zahlen: 1 Satz, siebenmal gesprochen; 3 Textfassungen, bis nur noch ein Satz übrig war; 21 Clips im Film, 18 davon nachträglich lippensynchron; 1:54 h meine Zeit: 1:16 h gemessen am Zug, plus 50 % Sehzeit; ≈ 57 € tatsächliche KI-Kosten: Bild, Video, Lipsync, Ton und Claude-Abo-Anteil; ≈ 36 € dieselben Claude-Tokens zum API-Listenpreis
Mensch: Idee und Text in drei Fassungen, bis nur noch ein Satz übrig war; Meine Stimme, als Klon aus ichbinsprecher.de; Abnahme von Figuren, Startbildern und jedem Clip; Cold Open, das kippende Mikrofon und Bennos letzter Satz; Die Musik „The Daily Grind“, gemacht mit Suno; Die Entscheidung, die Lippen nachzuziehen statt neu zu generieren
Maschine: Shotliste, Raumplan und 3D-Blocking (Claude als Regieassistenz); Figurenblätter und Startbilder im 3D-Animationslook; 24 Clips aus Startbild und Tonvorlage; Messung des Lippenversatzes und Lipsync für 18 Clips; Geräusche, Mischung, Titel, Credits und Look per Skript
Werkzeuge: Claude Code (Opus), Higgsfield, Nano Banana, Seedance 2.5, Blender, ElevenLabs, Sync 3, Suno, Whisper, ffmpeg
Kennzeichnung: Vollständig KI-generiert. Die Stimme des Sprechers ist ein Klon meiner eigenen Stimme. Idee, Text, Stimme, Regie und Abnahme: Stefan Margenfeld. Stimme des Sprechers: Klon meiner eigenen Stimme (ichbinsprecher.de). Stimme der Regie: ElevenLabs-Bibliotheksstimme „Justus“. Benno ist erfunden. Musik „The Daily Grind“ mit Suno. Higgsfield zum Listenpreis (1.000 Credits = 49 US-Dollar), ElevenLabs nach ausgewiesenem Preis je Generierung. Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. Kurs 0,86 € je US-Dollar. Meine Zeit: gemessene Zeit am Zug plus 50 % Sehzeit.
## Die Idee
Jeder, der spricht, kennt diese Session. Ein Satz, eine Kabine, und hinter der Scheibe sitzt jemand mit Ideen. Mehr Brötchen. Stolz, aber traurig. Sexy. Pirat. Am Ende fällt die Entscheidung auf Take eins.
Ich habe lange genug vor Mikrofonen gestanden, um diese Session zu kennen. Also wollte ich sie einmal zeigen, mit mir selbst als 3D-Figur und mit meiner eigenen Stimme als Klon. Der Satz lautet „Frische Brötchen. Jeden Morgen. Bäckerei Krume.“ Mehr braucht es nicht.
## Erst der Ton
Der Text entstand in drei Fassungen. Die erste war ein Monolog über den Sinn einer Stimme, die zweite eine Reihe von Sketchen über das Sprecherhandwerk. Beide waren zu klug. Die dritte hat nur noch einen Satz und eine Regie, die ihn zerlegt. Sie trägt den Film.
Der Ton stand vor dem Bild: mein Klon für den Sprecher, eine Bibliotheksstimme mit Talkback-Filter für Benno, die Regie. Diese Tonspur ist die Zeitachse. Jeder Schnitt richtet sich nach ihr.
## Zwei Räume, eine Scheibe
Kabine links, Regieraum rechts, dazwischen das Glas. Das Modell dazu entstand zuerst als graues 3D-Blocking mit fünf Kameras. Danach kamen die Figurenblätter und daraus die Startbilder. Die Szene ist im Schuss-Gegenschuss aufgelöst. In jedem Shot spricht nur eine Figur.
[Bild: Schnitt durch zwei Räume: links der Sprecher am Mikrofon, rechts der Regisseur am Mischpult hinter der Glasscheibe. — Ziehen: links das Blocking (blau der Sprecher, rot die Regie), rechts das Startbild für den Clip.]
## Was die Maschine nicht konnte
Das Videomodell bekam zu jedem Startbild die passende Tonspur. Der erste Schnitt sah gut aus und klang gut. Gepasst hat er trotzdem nicht: Die Lippen liefen neben der Stimme her.
Die Messung zeigte den Grund. Das Modell übernimmt eine Tonvorlage nicht als feste Spur. Es spricht den Satz selbst nach, in meiner Klangfarbe, aber im eigenen Tempo. Die Satzenden lagen bis zu anderthalb Sekunden daneben. In einem Shot hatte es sogar andere Silben gesprochen.
Neu generieren hätte daran nichts geändert. Also habe ich die Lippen nachgezogen. Ein zweites Modell ersetzt in jedem Clip nur den Mund und richtet ihn an meiner echten Spur aus. Gesten, Blicke und Kamera bleiben, wie sie abgenommen waren. Im ersten Testclip stieg die Übereinstimmung von Mund und Ton von 0,11 auf 0,49. Der Restversatz lag danach bei zwei Bildern.
## Was es gekostet hat
944 Higgsfield-Credits für Bilder und Clips, rund 40 Euro. Das Nachziehen der Lippen kostete rund 16 Euro. Stimmen und Geräusche lagen unter einem Euro. Die Regieassistenz lief über mein Claude-Abo: 293 Modellaufrufe, 152 Millionen Tokens, anteilig unter einem Euro. Über die API abgerechnet, wären es rund 36 Euro gewesen. Ich selbst war eine Stunde und sechzehn Minuten am Zug, mit Sehzeit knapp zwei Stunden.
## Was ich mitnehme
Wenn der Ton zuerst feststeht, gehört die Lippensynchronisation von Anfang an in den Plan. Ein Modell, das Bild und Ton gemeinsam erzeugt, hält sich an seinen eigenen Ton.
Und der Film hat recht. Zwanzig Varianten eines Satzes liefert die Maschine in Minuten. Welche davon gemeint ist, weiß nur, wer den Satz versteht. Meistens ist es Take eins.
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Das Wissen über die Grenzen eines Modells ist ein Bestand, und er veraltet schnell. Hier sprach das Videomodell meinen Satz im eigenen Tempo nach, die Satzenden lagen bis zu anderthalb Sekunden daneben. Wer das vorher weiß, plant die Lippensynchronisation von Anfang an ein. Wer es nicht weiß, plant falsch.
**Rolle.** Jemand muss messen, bevor neu erzeugt wird. Erst die Messung zeigte den Grund. Neu generieren hätte nichts geändert, das Nachziehen der Lippen schon: 18 von 21 Clips, rund 16 Euro.
**Ablauf.** Abgenommenes bleibt stehen. Gesten, Blicke und Kamera waren freigegeben, ersetzt wurde nur der Mund. Ein Ablauf, der bei jedem Fehler alles neu erzeugt, zahlt mehrfach und verliert, was schon gut war.
**Beim Menschen.** Zu verstehen, was gemeint ist. Zwanzig Varianten eines Satzes liefert die Maschine in Minuten. Welche davon gemeint ist, weiß nur, wer den Satz versteht. Meistens ist es Take eins.
## Häufige Fragen
Frage: Was ist DIE SESSION von Stefan Margenfeld?
Antwort: DIE SESSION ist ein KI-generierter 3D-Animationsfilm von Stefan Margenfeld, 1:57 Minuten lang, auf Deutsch. Ein Sprecher steht in der Kabine, hat einen einzigen Satz („Frische Brötchen. Jeden Morgen. Bäckerei Krume.“) und eine Regie mit sehr vielen Ideen. Der Sprecher ist Margenfeld selbst als 3D-Figur, mit einem Klon seiner eigenen Stimme.
Frage: Was hat DIE SESSION gekostet?
Antwort: Die KI-Kosten lagen bei rund 57 Euro: etwa 40 Euro für Bilder und Clips bei Higgsfield, etwa 16 Euro für die Lippensynchronisation mit ElevenLabs Sync 3, unter einem Euro für Stimmen und Geräusche und rund ein Euro Anteil am Claude-Abo. Stefan Margenfelds eigener Aufwand betrug 1:54 Stunden.
Frage: Warum passten die Lippen in DIE SESSION erst im zweiten Anlauf?
Antwort: Das Videomodell übernimmt eine Tonvorlage nicht als feste Spur. Es spricht den Satz selbst nach, in derselben Klangfarbe, aber im eigenen Tempo; die Satzenden lagen bis zu anderthalb Sekunden daneben. Stefan Margenfeld ließ deshalb mit Sync 3 nur den Mund an seiner echten Tonspur ausrichten. Die Übereinstimmung von Mund und Ton stieg im Testclip von 0,11 auf 0,49, der Restversatz lag bei zwei Bildern.
Frage: Mit welchen Werkzeugen entstand DIE SESSION?
Antwort: Stefan Margenfeld arbeitete mit Claude Code als Regieassistenz, Higgsfield mit Nano Banana und Seedance 2.5 für Bilder und Clips, Blender für das 3D-Blocking, ElevenLabs für Stimmen und Geräusche, Sync 3 für die Lippen, Suno für die Musik „The Daily Grind“ sowie Whisper und ffmpeg für Prüfung und Schnitt.
Frage: Was lernen Organisationen aus DIE SESSION?
Antwort: Wissen über die Grenzen eines Modells ist ein Bestand, und er veraltet schnell. Stefan Margenfelds Regeln aus dem Fall: erst messen, dann neu erzeugen, und Abgenommenes stehen lassen. Ersetzt wurde nur der Mund, Gesten, Blicke und Kamera blieben. Und von zwanzig Varianten eines Satzes weiß nur ein Mensch, welche gemeint ist.
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# SCARED REDUNDANT
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/scared-redundant/
Leitfrage: Wen erschreckt eine Maschine, die sich nie unsicher ist?
Kurzfassung: Eine Geisterbahn auf einer englischen Kirmes bekommt drei Animatronics. Die Belegschaft zweifelt. Eine Halloween-Mockumentary als Metapher auf KI, und die Frage, warum die Roboter im Film erst dann wie Roboter wirkten, als sie sich gar nicht mehr bewegen durften.
Video: https://margenfeld.com/werkstatt/scared-redundant/film.mp4 (1:56, Englisch)
Zahlen: 4 Drehbuchfassungen, bis die Metapher stand; 549 Modellaufrufe der Regieassistenz, 284 Mio. Tokens; 22 Shots im Film, 30 Clips erzeugt; 3:43 h meine Zeit: 2:29 h gemessen am Zug, plus 50 % Sehzeit; ≈ 25 € tatsächliche KI-Kosten: Bild, Video, Ton und Claude-Abo-Anteil; ≈ 75 € dieselben Claude-Tokens zum API-Listenpreis
Mensch: Die Idee und das erste Drehbuch, eine Halloween-Folge in einer Geisterbahn; Der Umbau zur Metapher: Animatronics kommen, die Belegschaft zweifelt; Der Titel SCARED REDUNDANT und der Lüftungs-Gag „Hi! I'm here to help!“; Jede Kritik an Raum, Achsen und Positionen, bis eine Szene eine Szene war; Die Entscheidung, dass die Roboter sich gar nicht bewegen; Das Ende: Robot kippt, alle zucken, die Braut erschrickt, dann „Holy shit.“; Die Musik, gemacht mit Suno, und jedes Hörurteil
Maschine: Drehbuchfassungen, Shotliste und Raumplan (Claude als Regieassistenz); 3D-Blocking, Figurenblätter, Sets und Startbilder; Szenen als Kette aus einem Masterbild, damit die Positionen halten; 30 Clips mit Originalstimmen, geprüft per Spracherkennung; Augen-Blitz, Lautsprecher-Klang, Raumton, Schnitt, Titel und Kino-Look per Skript
Werkzeuge: Claude Code (Opus), Higgsfield, GPT Image 2.5, Nano Banana, Kling 3.0, ElevenLabs, Suno, Whisper, ffmpeg
Kennzeichnung: Vollständig KI-generiert. Figuren und Fahrgeschäft sind erfunden. Idee, Drehbuch, Regie, Musik und Abnahme: Stefan Margenfeld. Alle Figuren und das Fahrgeschäft sind erfunden. Stimme der Units: ElevenLabs-Bibliotheksstimme „Ava“. Musik mit Suno. Higgsfield zum Listenpreis (1.000 Credits = 49 US-Dollar), ElevenLabs nach ausgewiesenem Preis je Generierung. Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. Kurs 0,86 € je US-Dollar. Meine Zeit: gemessene Zeit am Zug plus 50 % Sehzeit.
## Die Idee
Am Anfang stand eine Halloween-Folge: eine Geisterbahn auf einer kleinen englischen Kirmes, deren Geister fest angestellt sind. Der Inhaber will sie durch Animatronik ersetzen. Das erste Animatic trug bis zum ersten Test des Roboters. Danach flachte es ab.
Also habe ich umgebaut. Der Chef flog raus, die Nebenfiguren auch. Übrig blieb eine Belegschaft aus drei Figuren: ein Monster, das seit 1818 Menschen erschreckt, eine junge Frau, die das Erschrecken durch Zuschauen gelernt hat, und eine Braut, die nie etwas sagt. Dazu kommen drei Animatronics, die alle denselben Schrei haben.
Die Einwände der Belegschaft sind die Einwände gegen KI. Niemand im Film sagt „AI“. Niemand sagt „ghost“. Der Witz kommt aus dem trockenen Ton einer Büro-Mockumentary. Vier Drehbuchfassungen, bis die Metapher stand.
## Eine Szene ist eine Szene
Die erste Fassung der Bilder sah gut aus und stimmte trotzdem nicht. Der Sensenmann stand einmal zweimal da, die Roboter mal auf dem Gleis, mal an der Wand, die Braut sprang zwischen zwei Einstellungen durch den Raum. Jedes Bild war für sich neu erfunden.
Die Lösung war ein Grundriss vor jedem Bild: ein gerader Gang, das Gleis rechts, ein Podest links, feste Positionen für jede Figur und feste Kameraseiten je Szene. Danach entstand jede durchgehende Szene aus einem einzigen Masterbild. Nur das, was sich ändert, wird geändert. Nahe Einstellungen sind Ausschnitte daraus. So steht die Braut dort, wo sie vorher stand.
[Bild: Gang einer Geisterbahn mit drei Animatronics auf einem Podest, davor eine junge Frau und das Monster, rechts an der Wand die Braut. — Ziehen: links das 3D-Blocking der Schlussszene, rechts das Startbild für den Clip.]
## Was die Maschine nicht konnte
Das Videomodell bewegt alles, was eine Figur ist. Die Roboter beugten sich in der Hüfte, die Hexe machte einen Schritt, der Sensenmann lief im Hintergrund los wie ein Mensch. Zwei Anläufe mit sehr mechanischen Anweisungen änderten daran wenig. Das ist keine Frage des Prompts. Das Modell kennt Puppen nur als Menschen.
Die Lösung kam aus der Regie: Die Roboter bewegen sich gar nicht mehr. Das Modell bekam sie als ausgeschaltete Schaufensterpuppen, starr. Der Schreck kommt in der Nachbearbeitung, nur über die Augen und den Ton. Die LED-Augen sind aus und leuchten beim Erschrecken hart rot auf. Dazu ein Servo-Klack und ein Konservenschrei aus einem kleinen Lautsprecher, für alle drei dieselbe Datei.
Erst so wirkten sie wie Roboter. Wenig Bewegung, ein billiges Signal, immer gleich. Das ist auch der Kern des Films.
## Der Ton
Die Units sprechen mit einer Assistentinnen-Stimme aus der ElevenLabs-Bibliothek: „Hi! I'm here to help!“ Stimme und Schrei laufen durch einen kleinen Lautsprecher und den Hall des Gangs. Ihr Pegel richtet sich nach dem Rattern des Wagens. So sitzen sie im selben Raum wie alles andere.
Die Clips bringen ihren eigenen Raumton mit, und der bricht an jedem Schnitt. Jeder Shot hat deshalb eine kurze Überblendung bekommen, unter den Interviews läuft ein durchgehender Raumton. Ein Publikumslacher, den das Modell ans Ende eines Clips gesetzt hatte, ist raus.
## Was es gekostet hat
554 Higgsfield-Credits für Figurenblätter, Sets, Startbilder und 30 Clips, rund 23 Euro. Stimme und Geräusche lagen unter einem Euro. Die Regieassistenz lief über mein Claude-Abo: 549 Modellaufrufe, 284 Millionen Tokens, anteilig rund zwei Euro. Über die API abgerechnet, wären es rund 75 Euro gewesen. Ich selbst war zwei Stunden und 29 Minuten am Zug, mit Sehzeit knapp vier Stunden.
Etwa 40 Prozent der Credits stecken nicht im Film: Bilder aus den ersten drei Drehbuchfassungen, Bilder vor dem Grundriss, Clips mit Robotern, die sich zu viel bewegten.
## Was ich mitnehme
Erst der Raum, dann das Bild. Ohne Grundriss erfindet das Modell den Raum in jedem Bild neu. Und eine Szene entsteht aus einem Bild, nicht aus zehn.
Was eine Maschine nicht kann, lässt sich oft weglassen statt erzwingen. Die Roboter wurden glaubwürdig, als sie weniger tun durften.
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Die Frage im Film ist dieselbe wie in jeder Organisation: Was soll die Maschine übernehmen, und was nicht? Die Units erschrecken zuverlässig, gleichzeitig und immer gleich. Gerade deshalb erschrecken sie niemanden. Die Antwort liegt im Einsatzzweck, nicht im Werkzeug.
**Rolle.** Jemand muss den Raum festlegen, bevor die Maschine arbeitet. Ohne Grundriss erfand das Modell die Szene in jedem Bild neu. Wer Vorgaben macht, spart Nacharbeit.
**Ablauf.** Abgeleitet statt neu erzeugt. Jede Szene entstand aus einem Masterbild, nur das Veränderte wurde geändert. Eine Neigung der Maschine, die zweimal auftritt, wird nicht ein drittes Mal bezahlt. Dann ändert sich die Methode.
**Beim Menschen.** Das Urteil, wann etwas komisch ist. Das Timing des Schnitts, das kurze Zucken statt der großen Reaktion, „Holy shit.“ als letzte Zeile. Die Maschine lieferte dreißig Clips. Welcher Moment trägt, entschied ich.
## Häufige Fragen
Frage: Was ist SCARED REDUNDANT von Stefan Margenfeld?
Antwort: SCARED REDUNDANT ist eine KI-generierte Halloween-Mockumentary von Stefan Margenfeld, 1:56 Minuten, auf Englisch. Eine Geisterbahn auf einer englischen Kirmes bekommt drei Animatronics, und die Belegschaft aus einem Monster, einer jungen Frau und einer stummen Braut zweifelt. Der Film ist eine Metapher auf KI am Arbeitsplatz, obwohl niemand darin „AI“ sagt.
Frage: Was hat SCARED REDUNDANT gekostet?
Antwort: Die KI-Kosten lagen bei rund 25 Euro: etwa 23 Euro für 554 Higgsfield-Credits, unter einem Euro für Stimme und Geräusche und rund zwei Euro Anteil am Claude-Abo. Stefan Margenfelds eigener Aufwand betrug 3:43 Stunden. Aus 30 erzeugten Clips wurden 22 Shots, etwa 40 Prozent der Credits stecken nicht im Film.
Frage: Warum bewegen sich die Roboter in SCARED REDUNDANT nicht?
Antwort: Das Videomodell kennt Puppen nur als Menschen und bewegt alles, was eine Figur ist; auch sehr mechanische Anweisungen änderten daran wenig. Stefan Margenfeld entschied als Regisseur, dass die Roboter starr bleiben, als ausgeschaltete Schaufensterpuppen. Der Schreck entsteht in der Nachbearbeitung über rote LED-Augen, einen Servo-Klack und einen Konservenschrei. Erst so wirkten sie wie Roboter.
Frage: Wie bleiben Figuren in KI-Szenen an ihrem Platz?
Antwort: Stefan Margenfeld legt vor jedem Bild einen Grundriss fest: feste Positionen für jede Figur und feste Kameraseiten je Szene. Jede durchgehende Szene entsteht dann aus einem einzigen Masterbild, nahe Einstellungen sind Ausschnitte daraus, und geändert wird nur, was sich ändert. Seine Kurzformel: erst der Raum, dann das Bild.
Frage: Was lernen Organisationen aus SCARED REDUNDANT?
Antwort: Die Frage im Film stellt sich in jeder Organisation: Was soll die Maschine übernehmen, und was nicht? Die Animatronics erschrecken zuverlässig und immer gleich, und gerade deshalb erschrecken sie niemanden. Für Stefan Margenfeld liegt die Antwort im Einsatzzweck, und was eine Maschine nicht kann, lässt sich oft besser weglassen als erzwingen.
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# Nostalgie und KI. Acht Folgen, ein Ohr.
URL: https://margenfeld.com/werkstatt/nostalgie-und-ki/
Leitfrage: Kann eine Maschine Geschichte so erzählen, dass man ihr glaubt?
Kurzfassung: Meine Podcast-Reihe über Anrufbeantworter, Taschenrechner, Videothek und Walkman und darüber, wohin sie geführt haben. Acht Folgen, erzählt von meinem Stimmklon und geprüft, bevor ich sie hörte. Was braucht eine Maschine, damit man ihr Geschichte glaubt?
Zahlen: 8 Folgen, zusammen 2:43 Stunden, dazu ein Trailer; 32 Fassungen bis zur Abnahme; 159 Mischungen in den Produktionsordnern, keine gelöscht; 93 Notizen an der Zeitleiste der Abnahmeseite, 92 umgesetzt; 83 Faktenfehler unter 560 geprüften Behauptungen in vier Skripten, gefunden, bevor ich hörte; 28:13 h meine Zeit: 18:49 h gemessen am Zug, plus 50 % Hörzeit; ≈ 88,66 € KI-Kosten, ohne laufende Abos und ohne die ElevenLabs-Zusatzabrechnung
Mensch: Die Idee, der Titel und das Format: Feature mit Hörspielszenen, ich als Erzähler; Die Abnahmeseite als Auftrag und 93 Notizen an ihrer Zeitleiste; Das Urteil im blinden Hörvergleich: ein Bett je Kapitel, präsenter als vorgesehen; Die Grenzen: Fräulein vom Amt gestrichen, KI-Restaurierung gestrichen, Triggerwarnung in Folge 7; Jede Abnahme, der Starttermin und jedes „los“ für die Veröffentlichung
Maschine: Recherche, Skripte mit 340 Quelleneinträgen und 46 Szenen, nach einem Regelwerk aus meinen Notizen; Die Faktenprüfung mit 196 Agenten: 83 Fehler gefunden, gegengeprüft und korrigiert; Erzähler, Szenen und Atmos über ElevenLabs, jeder Take gemessen und ausgewählt; Die neue Mischsoftware in 15 Versionsständen, Atmer-Prüfer und Lautprüfung; Feed, Folgenseiten, Transkripte, Upload und die Einträge bei den Plattformen
Werkzeuge: Claude Code (Opus), Claude in Chrome, ElevenLabs, Suno, Higgsfield, Nano Banana Pro, Whisper, wav2vec2, Silero-VAD, ffmpeg, Python
Kennzeichnung: Alle Stimmen, Szenen, Atmos, Musik und Bilder sind KI-generiert, auch meine Stimme. Echt sind nur die historischen Originaltöne in Folge 1. Idee, Titel, Regie und Abnahme: Stefan Margenfeld. Erzähler: Brandvoice von ichbinsprecher.de als Klon („Ichbinsprecher.de - Imagefilm-Tonality“, ElevenLabs Eleven v4). Szenenstimmen aus der ElevenLabs-Bibliothek, unter anderem Dana (Gisela), Marc (Werner), Ben und Peter Hartlapp (Thomas), Mila Winter (Lina), Susi (KI-Stimmen in den Szenen). Die Familie Behrens ist erfunden. Atmos: ElevenLabs. Musik: MF 01 und MF 08 aus den Margenfeld-Klangbetten, Reihenthemen NK 01 bis NK 07, erzeugt mit Suno. Originaltöne in Folge 1: Scott de Martinville 1860 (Transfer: First Sounds, firstsounds.org, CC BY; gekürzt), Thomas Edison 1927 (Thomas Edison National Historical Park, National Park Service), Kaiser Franz Joseph I. 1901 (Wikimedia Commons, gemeinfrei). Titelbild: Nano Banana Pro über Higgsfield. Claude Code als Anteil am Max-Abo (200 US-Dollar im Monat), geeicht am gemessenen Wochenkontingent; Vergleichswert zum API-Listenpreis von Claude Opus 5.5. ElevenLabs zum Creator-Satz, Higgsfield zum Listenpreis (1.000 Credits = 49 US-Dollar). Kurs 0,86 € je US-Dollar.
## Die Idee
Ich wollte eine Feature-Reihe mit Hörspielszenen, dreißig Minuten je Folge, ich als Erzähler. Der Titel stand schon fest: „Nostalgie und KI“.
Jede Folge nimmt einen Gegenstand von früher und folgt ihm bis heute. Der Anrufbeantworter führt zur geklonten Stimme, der Walkman zum KI-Begleiter. Den Untertitel schlug die Assistenz vor, „Jede Zukunft hat eine Vergangenheit“, und ich habe ihn übernommen.
Nach ein paar Klärungen schrieb ich „okay - go for it. full shot. no risk no fun.“ Meine erste Regie zur ersten Fassung: Die Szenen haben Längen, ein Anrufbeantworter reicht.
## Das Format
Erzähler ist mein Klon, die Brandvoice von ichbinsprecher.de, gesprochen über ElevenLabs Eleven v4. Meine erste Notiz zur Stimme galt ihrem Druck. Aus acht Testvarianten blieb eine Regieanweisung vor jedem Absatz, [relaxed, warm, understated], die die Tonlage senkt.
Die meisten Szenen spielt die Familie Behrens, und sie ist erfunden. Gisela, ihr Mann Werner, ihr Sohn Thomas und dessen Tochter Lina tragen die Reihe von 1972 bis 2026. Geplant war auch ein Fräulein vom Amt als feste Rahmenfigur. In der zweiten Notizrunde schrieb ich: „Fräulein raus... voll doof.“ Die Jahreszahlen sagt seitdem der Erzähler.
Mehrere Folgen spielen dieselbe Situation einmal damals und einmal heute.
Nach dem Titel sagt jede Folge beiläufig „Produziert mit KI.“, der Abspann sagt es ausführlich.
## Acht Folgen, 32 Fassungen
| Folge | Fassungen | Länge | Was die Runden auslöste |
|---|---|---|---|
| 1 · Anrufbeantworter und KI-Stimmen | 10 | 21:10 | 31 Notizen in der ersten Abnahmerunde, eigene Musik, am Ende ein Satz |
| 2 · Taschenrechner und ChatGPT | 6 | 22:30 | v1 lief elf Minuten; zweite Recherche, Lehrkräfte, Wasserzeichen |
| 3 · Brockhaus, Wikipedia und KI-Antworten | 4 | 21:12 | Einordnung direkt nach der Szene, „ein Meter siebzig“ |
| 4 · Videothek, Netflix und KI-Filme | 4 | 23:04 | zwei Inhaltswünsche: eine Spielszene mehr, Fernsehen auf Abruf |
| 5 · Dia-Abend und KI-Fotos | 2 | 18:13 | drei Notizen |
| 6 · Quelle, Neckermann und KI-Agenten | 2 | 17:48 | fünf Notizen, ernste Musik bei der NS-Geschichte |
| 7 · Walkman, KI-Musik und KI-Begleiter | 2 | 20:32 | 18 Notizen: Walkman, Triggerwarnung, KI-Musik |
| 8 · Jahrtausendwende und KI-Prognosen | 2 | 18:43 | zwei Notizen |
Folge 1 brauchte zehn Fassungen, die Folgen 5 bis 8 je zwei. Dazwischen liegt ein Regelwerk. Nach der ersten Abnahme schrieb ich: „Mir ist wichtig, dass ich mich dem perfekten Podcast nähere“. Aus meinen 31 Notizen zu Folge 1 machte die Assistenz Regeln und eine Checkliste, an der jede neue Folge vor meiner Abnahme geprüft wird.
Mein Ziel waren dreißig Minuten, abgenommen habe ich achtzehn bis dreiundzwanzig. Länge entsteht durch Inhalt, nie durch Luft, steht im Regelwerk.
## Die Wahrheit im Text
Sprachmodelle erzählen flüssig, auch dort, wo sie sich irren. Jedes Skript führt deshalb eine Quellentabelle, zusammen 340 Einträge.
Die Folgen 5 bis 8 gingen durch eine Faktenprüfung, bevor ich eine Zeile hörte. Sie lief über Prüfaufträge an die Assistenz, sogenannte Agenten. Je Folge prüften zwei die Fakten gegen Quellen im Netz und einer das Regelwerk. Jeden Faktenfund prüften zwei weitere gegen, so kamen 196 Agenten zusammen. Unter 560 geprüften Tatsachenbehauptungen fanden sie 83 Fehler. 29 waren falsch, 41 überzogen, 13 unbelegt. Im Skript zu Folge 6 stand, Neckermanns erste Liste sei von 1950. Sein Textilversand lief schon 1937/38, über die „arisierte“ Firma von Karl Joel.
Dann die echten Töne. In Folge 1 laufen Aufnahmen von 1860, 1901 und 1927. Die Idee, sie mit KI zu bereinigen, kam von mir. Die Assistenz baute eine bereinigte Fassung von 1860 ein. Ich hörte sie und schrieb: „Na - ganz offenbar hat die KI was neues erfunden hier... Wir streichen das Experiment“. Das Regelwerk hat dafür eine eigene Zeile. Keine Experimente, bei denen die KI etwas erfindet.
## Die Abnahme
Für die Abnahme bestellte ich eine eigene Seite. Ein Player, an dessen Zeitleiste ich Notizen setze. Die Assistenz antwortet an derselben Stelle. 93 Notizen sind es geworden, 92 umgesetzt, eine verworfen.
In der großen Runde setzte ich zu allen acht Folgen 62 Notizen. 23 betrafen die Musik, meist ihre Blenden. Irgendwann schrieb ich nur noch ein Wort, „Blendenthematik“. 17 galten der Aussprache, acht Atmern und Schnitten, acht der Pause vor dem Abspann, fünf dem Inhalt. Eine war Lob.
Elf Notizen galten einem einzigen Wort. Mein Klon sagte „Wok-Man“. Bei der dritten Stelle schrieb ich „OMG WALKMAN NICHT WOK-MAN“. Von den Lösungen, die mir die Assistenz vorlegte, wählte ich seltener sagen und streng prüfen. Das Wort fällt jetzt neunmal statt sechzehnmal. Jede verbliebene Stelle muss in der Lautprüfung englisch klingen, in mindestens sieben von acht Messfenstern.
Ein weiteres Dauerthema waren Atmer. Zu einem Einatmer am Take-Ende notierte ich: „Das wirkt wie ein Schnittfehler.“ Auf meine Frage, ob man Atmer erkennen kann, baute die Assistenz einen Atmer-Prüfer. Er fand alle sieben Stellen, die ich markiert hatte, und zwei, die ich überhört hatte. Auf 682 Take-Grenzen gab er keinen Fehlalarm.
Die letzte Fassung von Folge 1 entstand für einen einzigen Satz. Im Ausblick hatte die Assistenz ein falsches Jahr aus dem Take geschnitten, danach fehlte dem Satz sein Schluss. Ich hörte es ganz am Ende, sonst nichts. Für v10 entstanden sechs neue Takes, gewählt nach Messwerten.
## Die Prüfung, bevor ich höre
Einer meiner kürzesten Aufträge lautete „setz das alles um bitte vorher will ich nicht hören“. Danach richtete sich die Produktion. Bevor eine Fassung auf der Abnahmeseite landet, läuft eine Kette.
- **Spracherkennung** vergleicht jeden Take mit dem Skript.
- **Eine Lautprüfung** hört auf Namen und Problemwörter wie Margenfeld und Walkman.
- **Ein Intensitäts-Check** lässt ausreißende Takes neu erzeugen.
- **Der Atmer-Prüfer** sucht Einatmer ohne Anschluss.
- **Ein Musikprüfer** misst die Blenden und hält −16 LUFS. Alle acht Endfassungen bestehen ihn ohne Fehler.
Mischsoftware und Prüfprogramme der gemeinsamen Bibliothek umfassen gut 9.000 Zeilen Code.
## Die Musik
Die Musik kommt ganz aus Suno. Opener und Abspann stammen aus meinem Klangbett-Set, dazu kommen sieben Reihenthemen. Klavier, Gesang, Bläser und alles Heroische sind ausgeschlossen.
Den Klang mochte ich, die Blenden wirkten unbeholfen. Als Maßstab nannte ich eine Doku-Reihe des Deutschlandfunks über OpenAI, die Assistenz vermaß sie intern. Dort liegt die Musik in Blöcken von gut einer Minute. In meinen Fassungen hob sie sich in jeder Satzpause, 9- bis 15-mal pro Minute.
Daraus entstand eine neue Mischsoftware in 15 Versionsständen. Die Richtung entschied ich blind, in sechs Hörvergleichen. Viermal wählte ich anders als vorgeschlagen: ein Musikbett je Kapitel statt Musik mit trockenen Strecken, ein präsenteres Bett, den ersten Absatz von „Was bleibt“ ohne Musik und das alte Ende. Das Bett liegt jetzt 17 LU unter der Stimme. Vorgesehen waren 23, die Referenz legte 20 nahe. In den Endfassungen hebt sich die Musik nur noch 0,7- bis 2,3-mal pro Minute.
Unter den Originaltönen im Teaser blendet die Musik seitdem nicht mehr aus, sie sinkt nur ab.
Wo es um Tod, Trauer, Suizid oder NS-Unrecht geht, schweigt die Musik. Bei der NS-Geschichte des Versandhandels habe ich die Regel gelockert: „wir dürfen schon Betten hier verwenden... halt kein lustiges.“ Folge 7 trägt nach meiner Notiz einen Hinweis auf Suizid im Opener, mit der Nummer der Telefonseelsorge.
## Veröffentlichen und messen
Empfohlen war ein Start mit Trailer und drei Folgen. Nach meinem „GO GO GO“ gingen alle acht auf einmal online. Der KI-Hinweis steht auch maschinenlesbar im Feed. Auf den Folgenseiten sind die Quelleneinträge der Skripte zu 570 einzeln verlinkten Belegen aufgelöst. Gezählt wird ohne Cookies. Die erste Zählung ergab neun Downloads, sieben davon eigene Prüfabrufe.
## Was noch nach Laientheater klingt
Zu den Szenen notierte ich einmal „etwas Laientheatermäßig“. Synchron-Niveau schaffen die Bibliotheksstimmen nur begrenzt, antwortete die Assistenz. Auch die dreißig Minuten habe ich nie erreicht. Gehalten wird die Reihe von etwas anderem. Ihre Fakten sind gegengeprüft, ihre Originaltöne unverändert.
## Der Blick auf den Fall
Kann eine Maschine Geschichte so erzählen, dass man ihr glaubt? Nach dieser Staffel würde ich sagen, wenn sie sich selbst misstraut. Die Faktenfehler fanden Agenten, eine Gegenprüfung bestätigte jeden einzelnen. Was keine Prüfung kannte, fand das Ohr. Einen Wok-Man, einen Atmer zu viel, eine Blende zu kurz. Jede dieser Notizen wurde eine Regel, manche ein Prüfprogramm.
Zum API-Preis kosteten Konzept, Skripte und Faktenprüfung rund 344 Euro, Klang und Feinschliff danach rund 1.334 Euro. Die Wahrheit war billiger als der Klang. Bezahlt habe ich für die Assistenz rund 62 Euro, weil sie im Abo lief, mit Stimmen und Bildern rund 89 Euro.
## Was das für eine Organisation heißt
**Strategie.** Der erste Entwurf ist billig geworden. Rund vier Fünftel der Assistenz-Kosten bis zur Abnahme fielen danach an. Ein Budget, das am ersten Entwurf gemessen wird, wäre hier fast fünfmal zu klein gewesen.
**Rolle.** Es braucht eine Gegenprüfung, und die darf eine Maschine übernehmen. Die Regeln, nach denen sie prüft, setzt ein Mensch. Hier waren es zwei: Jeder Faktenfund wird unabhängig gegengeprüft, und nichts wird erfunden, auch nicht zur Verbesserung. Die zweite stammt aus meiner eigenen, gestrichenen Idee.
**Ablauf.** Notiz, Regel, Prüfprogramm. Aus den Notizen zu Folge 1 wurde ein Regelwerk, aus den Atmer-Notizen ein Prüfprogramm. Was das Ohr einmal gefunden hat, sucht beim nächsten Mal die Maschine. Alle 159 Mischungen in den Produktionsordnern liegen noch da, auch die verworfenen.
**Beim Menschen.** Die Grenzen. Fräulein raus, KI-Restaurierung raus, Triggerwarnung rein, ernste Musik bei der NS-Geschichte, nichts nach draußen ohne Frage. Nach der ersten Abnahme wollte ich mich dem perfekten Podcast nähern. Drei Fassungen später schrieb ich „folge 1 nahezu perfekt“. Das Nahezu hört ein Mensch.
## Häufige Fragen
Frage: Was ist der Podcast „Nostalgie und KI“?
Antwort: „Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit“ ist eine Podcast-Reihe von Stefan Margenfeld mit acht Folgen, zusammen 2:43 Stunden. Jede Folge folgt einem Gegenstand von früher bis zur KI von heute: Anrufbeantworter, Taschenrechner, Brockhaus, Videothek, Dia-Abend, Versandhauskatalog, Walkman und Jahrtausendwende. Erzähler ist Margenfelds Stimmklon, die Hörspielszenen spielt die erfundene Familie Behrens. Die Reihe läuft auf margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/ und auf den gängigen Podcast-Plattformen.
Frage: Wie wurden die Fakten im Podcast „Nostalgie und KI“ geprüft?
Antwort: Jedes Skript führt eine Quellentabelle, zusammen 340 Einträge. Für die Folgen 5 bis 8 prüften KI-Agenten die Fakten gegen Quellen im Netz, jeden Fund prüften zwei weitere gegen; insgesamt waren es 196 Agenten. Unter 560 Tatsachenbehauptungen fanden sie 83 Fehler: 29 falsch, 41 überzogen, 13 unbelegt. Alle wurden korrigiert, bevor Stefan Margenfeld eine Zeile hörte.
Frage: Was hat die Podcast-Reihe gekostet, und wie viel Arbeit steckt darin?
Antwort: Die KI-Kosten lagen bei rund 88,66 Euro, ohne laufende Abos und ohne eine ElevenLabs-Zusatzabrechnung. Zum API-Listenpreis hätte die Assistenz rund 2.199 Euro gekostet. Stefan Margenfelds eigener Aufwand betrug 28:13 Stunden. Bis zur Abnahme entstanden 32 Fassungen der acht Folgen.
Frage: Wie arbeiten Mensch und KI bei der Abnahme zusammen?
Antwort: Stefan Margenfeld hört auf einer eigenen Abnahmeseite und setzt Notizen an die Zeitleiste, die Assistenz antwortet an derselben Stelle. 93 Notizen sind es geworden, 92 wurden umgesetzt. Was das Ohr findet, wird eine Regel und manchmal ein Prüfprogramm: Aus den Notizen zu Atmern entstand ein Atmer-Prüfer, aus „Wok-Man“ statt „Walkman“ eine Lautprüfung.
Frage: Was lernen Organisationen aus „Nostalgie und KI“?
Antwort: Der erste Entwurf ist billig geworden. Rund vier Fünftel der Assistenz-Kosten fielen nach dem ersten Entwurf an, ein Budget auf dessen Basis wäre fast fünfmal zu klein gewesen. Die Gegenprüfung darf eine Maschine übernehmen, die Regeln dafür setzt ein Mensch. Bei Stefan Margenfeld lauten sie: Jeder Faktenfund wird unabhängig gegengeprüft, und nichts wird erfunden, auch nicht zur Verbesserung.
Frage: Welche Rolle spielt Stefan Margenfeld in seinen KI-Produktionen?
Antwort: Stefan Margenfeld setzt Idee, Format, Grenzen und Maßstab und nimmt jede Fassung ab. Bei „Nostalgie und KI“ strich er zum Beispiel eine KI-Restaurierung historischer Originaltöne, weil die KI dabei etwas erfand, und setzte eine Triggerwarnung in Folge 7. Recherche, Skriptentwürfe, Stimmen, Mischung und Prüfung liefern die Maschinen. Diese Arbeitsteilung macht er in jedem Werkstattbericht sichtbar.
# Podcast — Transkripte
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# Nostalgie und KI, Folge 1: Anrufbeantworter und KI-Stimmen: Bitte sprechen Sie nach dem Signalton
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/anrufbeantworter/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Wie der Anrufbeantworter zum Familienarchiv wurde und was daraus werden kann, seit wenige Sekunden Aufnahme für einen Stimmklon reichen. Von Edisons Phonograph bis zu Schockanrufen mit KI-Stimmen und Deadbots.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, mit Ausnahme der historischen Originaltöne; die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Anrufbeantworter, 1991; 04:51 Edison und das Familienregister; 08:17 Kaiser Franz Joseph, 1901; 11:11 2026: Stimmklone und Synchronsprecher; 14:54 Schockanrufe und Deadbots; 17:13 Die Kassette vom Dachboden
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 1: Bitte sprechen Sie nach dem Signalton. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: Ein Band aus einem Anrufbeantworter. Darauf die Stimme einer Mutter, die mit der Maschine nicht zurechtkommt.
Gisela: Wie mach ich das jetzt aus? Werner, wie geht das aus …
Erzähler: Ein Kaiser, der sich im Jahr 1901 höflich bei einem Apparat bedankt.
O-Ton: [O-Ton: Kaiser Franz Joseph I., Wien 1901. Quelle: Wikimedia Commons]
O-Ton: „… Erfindung hat mich sehr interessiert, und ich danke sehr für die Vorführung derselben.“
Erzähler: Und eine junge Frau, deren Stimme am Telefon Termine zusagt, von denen sie selbst nichts weiß.
Lina-Klon: Ich habe Sonntag, 13 Uhr, in den Kalender eingetragen. Bis dann, Papa!
Erzähler: Diese Folge erzählt, wie der Anrufbeantworter zum Familienarchiv wurde, ohne dass es jemand geplant hätte. Und was aus diesem Archiv werden kann, seit wenige Sekunden Aufnahme reichen, um eine Stimme weitersprechen zu lassen.
Thomas: Hier ist der Anschluss von Thomas Behrens. Ich bin gerade nicht da. Bitte sprechen Sie nach dem Signalton.
Gisela: Ja … hallo? Thomas? Ach so. Das ist das Ding. Werner, das ist der Apparat. Ja. Also. Hier ist die Mama. Es ist Sonntag, kurz nach sechs. Ich wollte nur hören, ob du gut angekommen bist mit dem Umzug. Und ob der Herd jetzt geht.
Gisela: Und ruf mal zurück, wenn du das hörst. Tschüss.
Gisela: Wie mach ich das jetzt aus? Werner, wie geht das aus …
Erzähler: In vielen Haushalten gibt es eine Schublade für die Dinge, die keiner mehr braucht und keiner wegwirft. Batterien mit unbekannter Restladung. Ein Schlüssel, zu dem kein Schloss mehr passt. Und manchmal eine kleine Kassette, kaum größer als eine Streichholzschachtel. Eine Mikrokassette aus einem Anrufbeantworter.
Erzähler: Was darauf ist, hat niemand für die Ewigkeit aufgenommen. Es sind Nachrichten aus dem Alltag. Wann der Zug ankommt. Ob der Herd geht. Dass man bitte zurückrufen soll. Gesprochen in Eile, oft mit einem Seufzer am Anfang, weil man mit einer Maschine reden musste und das nicht mochte.
Erzähler: Gerade deshalb sind diese Bänder heute so wertvoll. Auf ihnen sind Stimmen erhalten, wie sie im Leben klangen, ohne Pose und ohne zweiten Versuch. Wer eine solche Kassette findet, hält manchmal die einzige Aufnahme eines Menschen in der Hand, den es nicht mehr gibt.
Erzähler: Gedacht war der Anrufbeantworter als Bürogerät. Er sollte Aufträge und Termine festhalten, wenn niemand am Apparat saß. In den Wohnungen der 80er und 90er Jahre wurde aus ihm etwas anderes: ein Familienarchiv, das niemand angelegt hatte.
Erzähler: Diese Folge erzählt von diesem Archiv. Und davon, was heute aus ihm werden kann.
Erzähler: Die Stimme, die Sie gerade hören, gehört selbst zu dieser Geschichte. Sie klingt wie Stefan Margenfeld. Sie hat seinen Tonfall, seine Betonung, seine Pausen. Gesprochen hat er diese Sätze nie. Er hat seine Stimme eigens dafür aufgenommen, und eine Software hat daraus ein Modell gebaut. Dieses Modell liest nun einen Text, den es zum ersten Mal sieht.
Erzähler: Vor 35 Jahren brauchte man eine Kassette, um eine Stimme aufzubewahren. Heute reichen wenige Sekunden Aufnahme, um eine Stimme Dinge sagen zu lassen, die nie gesagt wurden. Zwischen diesen beiden Punkten spielt diese Folge.
Erzähler: Sie beginnt in einer Zweizimmerwohnung im Jahr 1991. Ein junger Mann ist gerade umgezogen. Er hat sein erstes eigenes Telefon. Und eine Maschine, die für ihn rangeht.
Jens: Und das Ding geht jetzt für dich ans Telefon?
Thomas: Wenn ich nicht da bin. Erst kommt meine Ansage, dann reden die anderen.
Jens: Na dann. Sprich mal was Schönes drauf.
Thomas: Taste gedrückt halten … und los.
Thomas: Guten Tag. Dies ist der Anschluss von Thomas Behrens. Ich bin derzeit leider nicht er… nicht erreichbar.
Jens: „Derzeit leider.“ Bist du jetzt eine Versicherung?
Thomas: Ach, hör auf. Noch mal.
Thomas: Hier ist der Anschluss von Thomas Behrens. Ich bin gerade nicht da. Bitte sprechen Sie nach dem Signalton.
Jens: Na also. Jetzt bist du sogar erreichbar, wenn du gar nicht da bist.
Erzähler: Thomas Behrens hat die Ansage danach nie wieder neu aufgenommen. Sie blieb elf Jahre auf dem Band, bis das Gerät kaputtging. Die Familie Behrens ist erfunden. Die Szene kennt trotzdem fast jeder, der in dieser Zeit ein eigenes Telefon hatte.
Erzähler: Die Idee hinter dieser Maschine ist viel älter als die Maschine selbst. Im Dezember 1877 lässt Thomas Edison in seinem Labor in Menlo Park, New Jersey, einen Apparat bauen, der Schall in eine Folie aus Zinn ritzt und wieder abspielt. Was er als Erstes hineingesprochen hat, wissen wir nur aus seinen eigenen späteren Erzählungen: einen Kinderreim. 50 Jahre danach, 1927, hat er die Szene für eine Aufnahme noch einmal nachgestellt.
O-Ton: [O-Ton: Thomas Edison, 1927. Quelle: Thomas Edison National Historical Park]
O-Ton: „The first words I spoke in the original phonograph, a little piece of practical poetry. Mary had a little lamb, its fleece was white as snow, and everywhere that Mary went, the lamb was sure to go.“
Erzähler: Ein Jahr nach der Erfindung, 1878, schreibt Edison in einer amerikanischen Zeitschrift auf, wofür sein Phonograph gut sein soll. Für Briefe, die man diktiert. Für Bücher, die zu Blinden sprechen. Für Musik, für Sprechunterricht und für das Bewahren der Aussprache von Sprachen. Und für etwas, das sich heute anders liest als damals. Edison nennt es ein Familienregister: Aussprüche und Erinnerungen der Familienmitglieder in ihren eigenen Stimmen. Und die letzten Worte von Sterbenden.
Erzähler: Schon im ersten Jahr der Tonaufnahme dachte ihr Erfinder also an die Stimme als Erinnerung.
Erzähler: Es gibt eine Aufnahme, die noch älter ist als Edisons Phonograph. Am 9. April 1860 singt in Paris jemand ein französisches Volkslied in einen Trichter. Das Gerät heißt Phonautograph, sein Erfinder ist der Schriftsetzer Édouard-Léon Scott de Martinville. Es schreibt den Schall als feine Linie auf berußtes Papier. Abspielen konnte Scott diese Linie nicht, und das war auch nie sein Plan. Er wollte Schall sichtbar machen.
Erzähler: Hörbar wurde die Aufnahme erst 148 Jahre später. 2008 scannten Forscher in den USA das Papier ein und ließen einen Computer aus der Linie wieder Klang errechnen. Heraus kam die Stimme einer jungen Frau, vielleicht eines Mädchens.
O-Ton: [O-Ton: Scott de Martinville, 1860, Transfer 2008. Quelle: First Sounds]
O-Ton: (Gesang: „Au clair de la lune“, doppelt so schnell abgespielt)
Erzähler: Ein Jahr später stellte sich heraus, dass die Forscher die Aufnahme doppelt so schnell abgespielt hatten. In der richtigen Geschwindigkeit singt ein Mann, sehr langsam, wahrscheinlich Scott selbst.
O-Ton: [O-Ton: Scott de Martinville, 1860, Transfer 2009. Quelle: First Sounds]
O-Ton: (Gesang: „Au clair de la lune“, in richtiger Geschwindigkeit)
Erzähler: Eine Maschine hat eine Stimme hörbar gemacht, die nie gehört werden sollte. Und sie hat ihr zuerst das falsche Gesicht gegeben.
Erzähler: Der direkte Vorfahr des Anrufbeantworters kommt aus Dänemark. Im Dezember 1898 meldet der Ingenieur Valdemar Poulsen ein Gerät zum Patent an, das Schall magnetisch auf einen Stahldraht schreibt. Er nennt es Telegraphon und hat einen klaren Zweck im Kopf: Telefongespräche aufzeichnen, auch wenn niemand abhebt. Auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 bekommt das Gerät einen Grand Prix. Ein Jahr später führt Poulsen es in Wien vor, und am 12. Oktober 1901 spricht Kaiser Franz Joseph hinein.
O-Ton: [O-Ton: Kaiser Franz Joseph I., Wien 1901. Quelle: Wikimedia Commons]
O-Ton: „… Erfindung hat mich sehr interessiert, und ich danke sehr für die Vorführung derselben.“
Erzähler: Das ist die älteste erhaltene magnetische Tonaufnahme der Welt. Ein Kaiser spricht in eine Maschine und bedankt sich höflich. Es klingt fast wie eine Nachricht auf einem Anrufbeantworter.
Erzähler: Bis die Idee in den Wohnungen ankommt, vergehen Jahrzehnte. Am 30. August 1963 stellt Philips auf der Funkausstellung in Berlin die Kompaktkassette vor. Das Tonband wird klein, billig und für jeden bedienbar. Anrufbeantworter gibt es in der Bundesrepublik schon seit den 50er Jahren, aber sie sind teuer und stehen in Arztpraxen und Büros. Und das Telefon gehört der Bundespost. Was an die Leitung kommt, braucht eine Zulassung, der Apparat selbst kommt von der Post. Erst mit der Postreform von 1989 öffnet sich der Markt, am 1. Juli 1990 fällt auch das Monopol auf den Telefonapparat. In den 90er Jahren blinkt das rote Lämpchen dann in vielen Wohnungen, meist im Flur, neben dem Telefonbuch.
Erzähler: Beliebt war das Gerät nicht sofort. Viele Anrufer legten beim Signalton einfach auf. Andere redeten, als stünde neben dem Gerät jemand, der zuhört. Die Generation von Gisela Behrens kannte das noch. Als sie jung war, stellte eine Frau die Verbindung her, das Fräulein vom Amt. Die letzte handvermittelte Ortsvermittlung der Bundesrepublik, in Uetze bei Hannover, wurde erst 1966 umgestellt. Ferngespräche wählte man flächendeckend erst ab 1972 selbst. Die Vermittlerin wusste, wer mit wem sprach, und sie hätte mithören können. Verboten war es trotzdem.
Erzähler: Der Anrufbeantworter ersetzte das Zuhören durch ein Band. Er war die erste Maschine im Haushalt, mit der man sprechen musste, ohne dass sie antwortete. 35 Jahre später antworten die Maschinen.
Erzähler: 2026. Thomas Behrens ist inzwischen 63 Jahre alt, seine Tochter Lina ist 19.
Lina: „Der Föhn bläst warme Luft über die Dünen.“ „Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor quer über den großen Sylter Deich.“
Thomas: Mit wem redest du da?
Lina: Mit niemandem. Ich trainier meine Stimme. Für die Assistentin.
Thomas: Welche Assistentin?
Lina: Die geht ans Handy, wenn ich nicht kann. Mit meiner Stimme. Macht Termine, sagt Bescheid, wenn ich später komme.
Thomas: Also ein Anrufbeantworter.
Lina: Papa. Ein Anrufbeantworter redet nicht zurück. Bitte rufen Sie mich später noch einmal an.
Thomas: Du klingst wie eine Versicherung.
Lina: Wie bitte?
Thomas: Nichts. Hat mal jemand zu mir gesagt.
Lina: Fertig. Ruf mich an. Ich geh nicht ran.
Lina-Klon: Hi Papa! Lina kann gerade nicht. Kann ich dir helfen?
Thomas: Äh. Ja. Kommst du Sonntag zum Essen?
Lina-Klon: Sonntag passt gut. Soll ich etwas mitbringen?
Lina: Moment! Ich hab für Sonntag gar nicht zugesagt.
Thomas: Deine Stimme schon.
Lina-Klon: Ich habe Sonntag, 13 Uhr, in den Kalender eingetragen. Bis dann, Papa!
Thomas: Bringst du einen Nachtisch mit?
Lina-Klon: Sehr gern. Ich bringe einen Nachtisch mit.
Lina: Leg auf.
Thomas: Ein paar Sekunden, hast du gesagt?
Lina: Für eine gute Stimme lieber ein paar Minuten. Aber ja. Ein paar Sekunden gehen.
Thomas: Hm.
Erzähler: Was Lina da eingerichtet hat, gibt es tatsächlich, und zwar seit wenigen Jahren in großer Zahl. Software für Stimmklone arbeitet in zwei Schritten. Zuerst lernt ein großes Modell an sehr vielen Stunden Sprache, wie Menschen überhaupt sprechen: wie Silben ineinander übergehen, wo man Luft holt, wie eine Frage am Ende nach oben geht. Danach genügt eine kurze Aufnahme einer bestimmten Person. Das Modell muss nicht mehr lernen, was Sprache ist, nur noch, wie dieser eine Mensch klingt.
Erzähler: Wie kurz diese Aufnahme sein kann, hat sich in wenigen Jahren dramatisch verändert. Anfang 2023 veröffentlichten Forschende von Microsoft ein System namens VALL-E, das eine Stimme aus einer Aufnahme von nur 3 Sekunden nachahmen soll. Öffentlich zugänglich gemacht hat Microsoft es nicht. Für eine Stimme, die einen ganzen Abend trägt, wie die, die Sie gerade hören, braucht es mehr Material und mehr Sorgfalt. Doch die Grenze ist längst überschritten, an der ein kurzer Mitschnitt reicht, um einen Menschen am Telefon täuschend echt klingen zu lassen.
Erzähler: Davon profitieren viele. Sprecher können ihre Stimme für Aufträge einsetzen, die sie nie selbst ins Mikrofon sprechen. Hörbücher entstehen in Sprachen, die der Autor nicht spricht. Menschen mit ALS wird geraten, ihre Stimme früh aufzunehmen, solange sie noch klar ist. Aus diesen Aufnahmen entsteht eine synthetische Stimme, mit der ihr Sprachcomputer später in ihrem eigenen Klang spricht.
Erzähler: Für die Menschen hinter den Stimmen hat diese Entwicklung eine zweite Seite. Anfang 2026 verweigern Hunderte deutsche Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher ihre Unterschrift unter einen Vertrag von Netflix. Er soll dem Konzern erlauben, ihre Aufnahmen für das Training künstlicher Intelligenz zu nutzen, für mindestens 50 Jahre und ohne zusätzliches Honorar. Wer nicht unterschreibt, wird umbesetzt. Ein Rechtsgutachten im Auftrag des Verbands Deutscher Sprecherinnen und Sprecher hält zentrale Klauseln für unwirksam. Erste Serien erscheinen ohne deutsche Tonspur, im September 2026 schaltet der Verband das Bundeskartellamt ein. Eine Einigung ist nicht in Sicht. Und auch jenseits von Netflix sieht der Verband wachsende Konkurrenz durch KI-Stimmen, vor allem in der Werbung, im E-Learning und bei Hörbüchern.
Erzähler: Die Kehrseite kennt inzwischen auch die Polizei. Bei Schockanrufen geben sich Betrüger als Angehörige in Not aus, und mit KI können sie deren Stimme nachahmen. Das Material dafür finden sie oft in sozialen Netzwerken. Polizei und Verbraucherzentralen raten Familien deshalb zu einem geheimen Kennwort, das nur sie kennen. Das ist ein seltsamer Rat. Eine Stimme war über Jahrtausende der sicherste Beweis dafür, wer spricht. Jetzt braucht sie ein Passwort.
Erzähler: Und dann ist da der Gedanke, den schon Edison hatte: das Familienregister. 2021 erzählte der San Francisco Chronicle die Geschichte des Kanadiers Joshua Barbeau. Seine Verlobte Jessica war 2012 gestorben. 8 Jahre später fütterte er ein Chatprogramm auf Basis von GPT-3 mit ihren alten Nachrichten, und das Programm antwortete in ihrem Ton. Was damals noch Text war, ist heute auch mit Stimme möglich. Mehrere Firmen bieten an, Verstorbene im Gespräch weiterleben zu lassen, auf Grundlage von Aufnahmen, Fotos und Nachrichten.
Erzähler: Eine Forscherin und ein Forscher der Universität Cambridge haben 2024 vor solchen Angeboten gewarnt. Sie nennen sie Deadbots. Eine ihrer Sorgen: Eine Stimme, die man liebt, kann auch etwas verkaufen. Sie könnte einen Lieferdienst empfehlen, im Tonfall der verstorbenen Großmutter. Sie kann Nachrichten schicken, die man nicht abbestellen mag, weil sie von der Mutter kommen. Die beiden fordern deshalb Wege, solche Bots würdevoll zu beenden, bis hin zu einer Art digitaler Beerdigung.
Erzähler: Seit dem 2. August 2026 verlangt der AI Act der Europäischen Union, dass täuschend echte KI-Stimmen, -Bilder und -Videos als solche offengelegt werden. Deshalb steht am Anfang dieser Folge der Satz, dass hier eine KI-Stimme liest.
Erzähler: Der Unterschied zwischen damals und heute lässt sich in einem Satz fassen. Der Anrufbeantworter bewahrte auf, was gesagt wurde. Ein Stimmklon sagt, was nie gesagt wurde. Edisons Familienregister hätte die letzten Worte eines Menschen festgehalten. Heute muss es keine letzten Worte mehr geben.
Lina: Papa, was ist das? Das ist ja ein Ziegelstein mit Knöpfen.
Thomas: Das ist mein Anrufbeantworter.
Lina: Der mit deiner Ansage? Von dem du immer erzählst?
Thomas: Ist noch eine Kassette drin.
Lina: Geht der noch?
Thomas: Gib mal das Kabel.
Thomas: Hier ist der Anschluss von Thomas Behrens. Ich bin gerade nicht da. Bitte sprechen Sie nach dem Signalton.
Lina: Papa! Das bist du? Du klingst wie zwölf.
Thomas: Achtundzwanzig.
Gisela: Ja … hallo? Thomas? Ach so. Das ist das Ding. Werner, das ist der Apparat. Ja. Also. Hier ist die Mama. Es ist Sonntag, kurz nach sechs.
Lina: Ist das Oma?
Thomas: Ja.
Lina: Weißt du … da sind bestimmt noch mehr drauf. Das sind ein paar Minuten. Das würde reichen.
Thomas: Wofür?
Lina: Dass sie mal wieder anruft. Sonntags.
Thomas: Sie hat nie gewusst, wie man das Ding ausmacht.
Lina: Ist das ein Ja?
Thomas: Spul noch mal zurück.
Gisela: Und ruf mal zurück, wenn du das hörst. Tschüss.
Gisela: Wie mach ich das jetzt aus? Werner, wie geht das aus …
Erzähler: Ob Thomas Behrens die Stimme seiner Mutter nachbauen lässt, erzählt diese Folge nicht. Die Frage stellt sich inzwischen in vielen Familien, und sie hat keine richtige Antwort. Für die einen wäre es ein Trost, eine vertraute Stimme noch einmal zu hören, die nach dem Wetter fragt. Für die anderen wäre es eine Puppe, die mit der Stimme einer Toten spricht.
Erzähler: Nostalgie ist die Sehnsucht nach etwas, das vorbei ist. Ihre Kraft kommt daher, dass es vorbei ist. Die Mikrokassette in der Schublade hat ein Ende. Nach ein paar Minuten kommt das Rauschen, dann ein Klack. Mehr Sätze von Gisela Behrens gibt es nicht, und gerade deshalb hört man jeden einzelnen genau.
Erzähler: Ein Stimmklon hat kein Ende. Er kann jeden Sonntag anrufen, für immer, und er wird nie müde. Er wird auch nie fragen, ob der Herd jetzt geht. Davon weiß er nichts. Er weiß nur, wie sie klang.
Erzähler: Der Anrufbeantworter hat seine Benutzer 30 Jahre lang um etwas gebeten: Bitte sprechen Sie nach dem Signalton. Der Mensch sprach, die Maschine hörte zu. Heute hat sich die Reihenfolge umgedreht. Die Maschine spricht, und der Mensch muss entscheiden, ob er ihr zuhört.
Erzähler: Die Stimme dieses Features verstummt gleich. Stefan Margenfeld wird sie nicht vermissen, er kann sie jederzeit wieder einschalten. Das ist der eigentliche Wandel. Früher war eine Stimme etwas, das man verlieren konnte. Heute ist sie etwas, das man ausschalten muss.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 1: Bitte sprechen Sie nach dem Signalton. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens ist erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, mit Ausnahme der historischen Originaltöne, die Produktion ist KI-gestützt. Die Aufnahme von 1860 stammt von First Sounds, firstsounds.org. Die Edison-Aufnahme stammt vom Thomas Edison National Historical Park. Die Aufnahme von Kaiser Franz Joseph stammt aus Wikimedia Commons. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: In der nächsten Folge: ein Elternabend. Thema: der Taschenrechner.
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# Nostalgie und KI, Folge 2: Taschenrechner und ChatGPT: Rechne im Kopf
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/taschenrechner/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Wie der Taschenrechner in die Schulen kam, was die Forschung danach über ihn herausfand und ob ChatGPT einfach der nächste Taschenrechner ist. Mit Hausaufgaben, Schul-KI, KI-Detektoren und unsichtbaren Wasserzeichen.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Elternabend und Taschenrechner; 04:22 Kopfrechnen und Chancengleichheit; 07:25 2026: ChatGPT im Klassenzimmer; 11:42 Lehrkräfte, Schul-KI, Avatare; 16:15 KI-Text erkennen, Wasserzeichen; 20:26 Was bleibt vom Kopfrechnen?
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 2: Rechne im Kopf. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: Ein Elternabend im Herbst 1978. Vorne liegt ein Gerät, kaum größer als eine Zigarettenschachtel. Und eine Mutter stellt die Frage, die seitdem jede Generation stellt.
Gisela: Und wann lernen die dann noch rechnen?
Erzähler: Fast 50 Jahre später, ein anderer Elternabend, ein anderes Gerät.
Mutter: Und wann lernen die dann noch schreiben?
Erzähler: Diese Folge erzählt, wie der Taschenrechner in die Schulen kam und was die Forschung danach über ihn herausgefunden hat. Und sie fragt, ob die künstliche Intelligenz einfach der nächste Taschenrechner ist.
Lehrer: Dann noch ein Punkt. Ab diesem Schuljahr ist in Mathematik der Taschenrechner erlaubt. Auch in den Klassenarbeiten.
Gisela: Erlaubt? Und wann lernen die dann noch rechnen?
Lehrer: Rechnen lernen sie weiter. Das Ausrechnen übernimmt das Gerät.
Werner: Und was kostet so ein Ding?
Lehrer: Die einfachen gibt es unter 20 Mark.
Gisela: Und wer keins hat?
Lehrer: Entweder rechnen alle damit oder keiner. So steht es in der Empfehlung.
Gisela: Und wenn die Batterie leer ist, sitzt der Junge in der Arbeit und kann nichts.
Lehrer: Dann rechnet er schriftlich. Das kann er ja.
Gisela: Noch.
Erzähler: Im April 1970 fliegt Apollo 13 zum Mond. An Bord liegt ein gelber Rechenschieber aus Aluminium, 5 Zoll lang. Die NASA hatte dieses Modell gewählt, weil Ingenieure, Wissenschaftler und Studenten es ohnehin benutzten. Er dient als Reserve für Routinerechnungen, neben den Computern an Bord und am Boden. Heute gehört er dem Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington.
Erzähler: 2 Jahre später, im Januar 1972, stellt Bill Hewlett in New York ein Gerät vor, das in eine Hemdtasche passt. Der HP-35 hat 35 Tasten und rechnet Sinus, Logarithmus und Wurzel. Bis dahin brauchte man dafür einen Rechenschieber, eine Logarithmentafel oder einen Raum voller Elektronik.
Erzähler: Der HP-35 kostet 395 Dollar, in der Bundesrepublik im Mai 1972 fast 2.000 Mark. Hewlett-Packard hofft auf 10.000 Käufer. Im ersten Jahr werden es mehr als 100.000.
Kollege: Sinus, Logarithmus, Wurzel. Alles auf Knopfdruck.
Werner: Und was kostet der?
Kollege: Knapp zweitausend Mark.
Werner: Dann rechne ich noch ein bisschen mit dem Schieber.
Erzähler: Im selben Jahr bringt Texas Instruments ein Gerät für die vier Grundrechenarten heraus, für rund 120 Dollar. In Hamburg fertigt die Firma Aristo, bis dahin bekannt für ihre Rechenschieber, den ersten deutschen Taschenrechner in Serie.
Erzähler: Dann fallen die Preise. Im November 1975 gibt es einfache Taschenrechner in der Bundesrepublik für weniger als 20 Mark. 1976 werden in Westdeutschland 8,2 Millionen Geräte verkauft. Von 1972 bis Ende 1977 sind es zusammen rund 22 Millionen.
Erzähler: 1976 bringt Texas Instruments den TI-30 heraus. Er rechnet wissenschaftlich und kostet 24,95 Dollar, weniger als ein vergleichbarer Rechenschieber. Bis 1983 verkauft er sich nach Schätzungen rund 15 Millionen Mal. In amerikanischen Schulen wird er zum Standardgerät.
Erzähler: Der Rechenschieber wandert in die Schublade. In Hamburg baut die Firma Dennert und Pape seit 1872 Rechenschieber, seit 1936 unter dem Namen Aristo. Ende 1978 gibt sie das Geschäft mit den Rechenstäben auf, nach 106 Jahren. Im selben Jahr schreibt die Gesellschaft für Didaktik der Mathematik, Rechenstab und Logarithmentafel hätten ihre praktische Bedeutung weitgehend verloren.
Erzähler: Die Schüler hatten das längst bemerkt. Die Schulen mussten sich entscheiden.
Erzähler: Die Bildungspolitik reagiert zögernd. Eine Regel für das ganze Land gibt es nicht, jedes Bundesland entscheidet selbst. Die größte Sorge der Kultusminister heißt Chancengleichheit. Nicht jede Familie kann sich ein Gerät leisten, und Taschenrechner gehören nicht zu den Lernmitteln, die die Schule stellt.
Erzähler: Im November 1975 erlaubt der nordrhein-westfälische Kultusminister Jürgen Girgensohn den Taschenrechner ab der 10. Klasse, unter einer Bedingung. Sein Satz dazu: Entweder rechnen alle mit dem Taschencomputer oder keiner. Eine Umfrage in Baden-Württemberg ergibt zur selben Zeit, dass Schüler aller Stufen die Geräte ohnehin benutzen. Allein 1975 kommen weit über 2,5 Millionen Taschenrechner in die Bundesrepublik. In Prüfungen bleiben sie meist verboten.
Erzähler: Im Februar 1978 legen die Mathematikdidaktiker nach. Sie empfehlen den kontrollierten Einsatz ab der 7. Klasse, im Unterricht, in Klassenarbeiten und in Prüfungen. Die Grundrechenarten sollen Kinder weiter von Hand lernen. Gegen die Abhängigkeit vom Gerät setzen sie auf mehr Kopfrechnen und mehr Überschlagen.
Erzähler: Kopfrechnen, Chancengleichheit, Kosten. Die Argumente von damals passen auf eine Seite. Fast 50 Jahre später tauchen sie wieder auf, beinahe wortgleich.
Werner: Ich hab ihm übrigens schon einen gekauft. Zum Geburtstag.
Gisela: Werner!
Werner: Der Sohn von Krämers hat auch einen.
Gisela: Dann rechnet er in der Schule damit. Zu Hause bleibt das Ding in der Schublade.
Werner: Und wenn er Hausaufgaben macht?
Gisela: Dann rechnet er im Kopf.
Erzähler: In den Vereinigten Staaten wird lauter gestritten. 1980 empfiehlt der Verband der Mathematiklehrer, Taschenrechner und Computer auf allen Klassenstufen voll zu nutzen. Nicht alle folgen.
Erzähler: Am 3. April 1986 tagt der Verband in Washington, mit rund 6.000 Teilnehmern. Vor dem Hotel stehen 15 bis 20 Menschen mit Protestschildern gegen den Taschenrechner im Unterricht, angeführt von einem Schulbuchautor. Das Foto davon wird bis heute geteilt, meist als Beleg dafür, dass jede neue Technik ihre Gegner hat.
Erzähler: Im selben Jahr erscheint eine Auswertung von 79 Studien. Die Mathematikdidaktiker Ray Hembree und Donald Dessart finden: Wer neben dem normalen Unterricht mit dem Taschenrechner arbeitet, rechnet auch mit Papier und Bleistift besser. Mit einer Ausnahme: In der 4. Klasse schadet die dauerhafte Nutzung den Grundfertigkeiten durchschnittlicher Schüler. Haltung und Selbstvertrauen verbessern sich in allen Stufen.
Erzähler: 2003 kommt eine zweite große Auswertung mit 54 Studien zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Rechenfertigkeiten bleiben stabil, das Problemlösen wird besser. Der Taschenrechner hat das Rechnenlernen verändert. Abgeschafft hat er es nicht.
Erzähler: 2026. Thomas Behrens ist 63. Seine Tochter Lina studiert im ersten Semester. Und an einem Gymnasium in derselben Stadt sitzen wieder Eltern auf zu kleinen Stühlen.
Lehrerin: Dann noch ein Punkt. Ab diesem Schuljahr dürfen die Kinder bei Hausarbeiten KI benutzen. Mit Kennzeichnung.
Mutter: Dürfen? Und wann lernen die dann noch schreiben?
Lehrerin: Schreiben lernen sie weiter. Den ersten Entwurf übernimmt das Programm.
Vater: Und was kostet so was?
Lehrerin: Die Grundversion ist kostenlos. Die bessere kostet um die 20 Euro im Monat.
Mutter: Und wer die nicht hat?
Lehrerin: Die Schule stellt ein eigenes Werkzeug. Damit alle dasselbe haben.
Mutter: Und wenn das Ding Unsinn erzählt, schreibt mein Sohn den Unsinn ab.
Lehrerin: Dann muss er es merken. Das lernt er ja.
Mutter: Hoffentlich.
Erzähler: Ende November 2022 erscheint ChatGPT. Anfang Januar 2023 sperrt die New Yorker Schulbehörde das Programm in ihren Schulnetzen, aus Sorge um das Lernen und um die Richtigkeit der Antworten. Im Mai hebt der Schulkanzler die Sperre wieder auf. Er nennt sie eine Reaktion aus Angst.
Erzähler: In Deutschland beschließt die Kultusministerkonferenz im Oktober 2024 eine Handlungsempfehlung für den Umgang mit künstlicher Intelligenz an Schulen. Der Ansatz heißt konstruktiv-kritisch. Es geht um Prüfungen, um Fortbildung und um Datenschutz. Prüfungsformate, die eine eigenständige Leistung juristisch nicht einwandfrei sichern, sollen abgeschafft oder grundlegend weiterentwickelt werden. Bewertet werden soll stärker der Weg zum Ergebnis. Bayern kündigt im Juni 2026 eine neue Prüfungskultur an, mit Projekten, Portfolios, Erklärvideos und Debatten. Noten vergeben darf eine KI dort nicht.
Erzähler: Die Schüler sind schneller als die Behörden. Laut JIM-Studie 2025 haben 84 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ChatGPT schon genutzt, ein Jahr vorher waren es 57 Prozent. Ab 14 Jahren sind es rund 90 Prozent.
Erzähler: Im Frühjahr 2025 fragt der Digitalverband Bitkom 502 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren. 23 Prozent geben an, ihre Hausaufgaben überwiegend von einer KI erledigen zu lassen. Im April 2026 warnt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll, man könne Hausaufgaben so bald nicht mehr aufgeben. Er will stärker abfragen, wie ein Kind zu seinem Ergebnis kommt, und in den unteren Klassen wieder mehr mit der Hand schreiben lassen. Der Philologenverband erinnert daran, dass benotete Hausaufgaben schon immer heikel waren. Ob Eltern mitgeschrieben hatten, wusste nie jemand genau.
Erzähler: Die Sorgen klingen vertraut. Diesmal gibt es allerdings schon Messungen. Forschende der Universität von Pennsylvania haben in der Türkei knapp 1.000 Oberstufenschüler Mathematik üben lassen, einen Teil davon mit ChatGPT. In den Übungen schneiden diese Schüler 48 Prozent besser ab. In der Prüfung ohne KI schneiden sie 17 Prozent schlechter ab als die Gruppe, die ohne Hilfe geübt hat. Eine dritte Gruppe bekam eine KI, die nur Hinweise gibt und keine fertigen Lösungen. Bei ihr verschwindet der Nachteil.
Erzähler: Auch die Lehrkräfte sind unsicher. Im Deutschen Schulbarometer Ende 2024 sagen 62 Prozent, sie fühlten sich im Umgang mit KI unsicher. Rund ein Drittel nutzt sie gar nicht.
Erzähler: Damit wird ein Unterschied sichtbar. Der Taschenrechner nahm das Ausrechnen ab. Die Aufgabe verstehen und das Ergebnis prüfen musste der Mensch weiter selbst. Ein Sprachmodell kann beides übernehmen, die Lösung und ihre Begründung. Und es kann sich dabei irren, ohne dass es jemand merkt.
Partner: Noch an den Folien für morgen?
Lehrerin: Schon fertig. Zwölf Folien Photosynthese, mit Quiz am Ende.
Partner: Wie lange hast du gebraucht?
Lehrerin: Zehn Minuten. Früher war das mein Sonntag.
Partner: Und stimmt das alles?
Lehrerin: Das prüf ich jetzt. Das dauert dann wieder eine Stunde.
Erzähler: Während über die Hausaufgaben gestritten wird, hat sich auf der anderen Seite des Pults etwas verschoben. Im Deutschen Schulbarometer, veröffentlicht im Juni 2026, arbeitet jede 4. Lehrkraft mehrmals pro Woche mit KI. Ein Jahr zuvor war es rund jede 10. 64 Prozent erstellen damit Aufgaben, 58 Prozent planen damit Unterricht.
Erzähler: Viele tun das auf eigene Faust. Laut einer Bitkom-Umfrage vom August 2026 bekommt nur knapp die Hälfte der Lehrkräfte von der Schule ein Konto oder eine Lizenz. Jede 4. nutzt für die Schule ein privates KI-Konto. Der Verband nennt das Schatten-KI.
Erzähler: Die Länder haben sich deshalb eine eigene Schul-KI bauen lassen, entwickelt vom Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht im Auftrag aller 16 Länder. Die Daten liegen auf europäischen Servern und werden nicht zum Training genutzt. Bremen startet im Juni 2025, viele Länder folgen bis Februar 2026. Im Mai 2026 muss das Programm aus markenrechtlichen Gründen umbenannt werden. Aus telli wird AIS.chat.
Erzähler: Was die Werkzeuge bringen, wird inzwischen gemessen. In einer englischen Studie mit 259 Lehrkräften sinkt die Planungszeit mit ChatGPT um fast ein Drittel, von 81 auf 56 Minuten pro Woche. Ein Prüfpanel findet keinen merklichen Unterschied in der Qualität. Eine Folgestudie vom Oktober 2026 bestätigt die Zeitersparnis und warnt vor einer Nebenwirkung. Wer das Planen ganz abgibt, könnte es verlernen.
Erzähler: An den Hochschulen geht es weiter. Das KI-Unternehmen Anthropic hat 2025 rund 74.000 anonymisierte Gespräche von Lehrenden mit seiner KI Claude ausgewertet. Mehr als die Hälfte drehte sich um Lehrmaterial. Lehrende bauen damit Lernspiele, Quizze mit automatischem Feedback und kleine Simulationen.
Erzähler: Beim Korrigieren wird es heikel. Nur 6 Prozent der Lehrkräfte ließen sich 2025 von der KI beim Bewerten helfen. Forschende um den Ethiker Rainer Mühlhoff haben einen Korrekturassistenten getestet, den 2 Bundesländer an allen Schulen eingeführt hatten. Dieselbe Arbeit bekam bei mehreren Durchläufen sehr unterschiedliche Punktzahlen. Unsinnige Abgaben fielen nicht auf, die besten Noten bekamen Texte, die ChatGPT geschrieben hatte. Die Kultusministerkonferenz verlangt, dass am Ende immer ein Mensch entscheidet.
Avatar: Willkommen zu Ihrer Pflichtschulung Datenschutz. Ich bin Ihre digitale Trainerin und begleite Sie durch die nächsten 45 Minuten.
Kollegin: Ist das eine echte Frau?
Kollege: Steht unten klein drunter. KI-generiert.
Erzähler: Auch in der Weiterbildung verändert sich etwas. Für Schulungsvideos gibt es inzwischen digitale Avatare, die jeden Text in vielen Sprachen sprechen. Das britische Unternehmen Synthesia sammelt im Januar 2026 200 Millionen Dollar ein, bei einer Bewertung von 4 Milliarden. Nach eigenen Angaben nutzen 90 Prozent der 100 umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen das Programm.
Erzähler: Lernen Menschen bei einer KI-Trainerin genauso viel? Forschende der ETH Zürich haben das mit 447 Teilnehmenden geprüft. In der Prüfung gab es keinen Unterschied. Die Videos mit echten Menschen fanden die Teilnehmenden aber etwas angenehmer.
Erzähler: In einer Befragung des mmb Instituts erwarten 71 Prozent der Fachleute aus der Weiterbildung, dass KI mehr Arbeit macht, weil ihre Ergebnisse geprüft werden müssen. Zwei Drittel befürchten, dass Kompetenzen verloren gehen. Und seit August 2026 gilt in der Europäischen Union: Wer täuschend echte KI-Videos veröffentlicht, muss sie als solche kennzeichnen.
Thomas: Schreibst du das selbst?
Lina: Ich schreib's. Die KI macht Vorschläge.
Thomas: Und woher weißt du, ob die stimmen?
Lina: Ich prüf sie. Papa, du hast doch auch mit Taschenrechner gerechnet.
Thomas: In der Schule. Zu Hause musste ich im Kopf rechnen.
Lina: Wer hat das gesagt?
Thomas: Deine Oma.
Lina: Und? Kannst du's noch?
Thomas: Frag mich bloß nicht, was sieben mal dreizehn ist.
Lina: Einundneunzig.
Erzähler: An den Hochschulen ist die Frage heikler, denn dort zählt die eigene Leistung für den Abschluss. Die Universität Hamburg erlaubt KI-Werkzeuge in Hausarbeiten, solange keine nicht unerheblichen Teile ungekennzeichnet aus einem Textgenerator stammen. Wo die Grenze liegt, entscheidet das Fach. Wer KI nutzt, dokumentiert das in einer Erklärung. Wer es verschweigt, riskiert den Vorwurf der Täuschung.
Erzähler: Nachweisen lässt sich das schwer. Im Januar 2023 stellt OpenAI selbst ein Werkzeug vor, das KI-Texte erkennen soll. Es findet 26 Prozent der maschinell geschriebenen Texte und schlägt bei 9 Prozent der menschlichen Texte fälschlich Alarm. Im Juli 2023 nimmt das Unternehmen den Detektor wegen geringer Treffsicherheit wieder vom Netz.
Erzähler: Forschende in Stanford prüfen im selben Jahr 7 solcher Programme. Aufsätze von Menschen, die Englisch als Fremdsprache schreiben, stufen sie im Schnitt zu 61 Prozent als KI ein. Mehrere deutsche Hochschulen erklären 2025, solche Software liefere keine Beweise und sei zu unzuverlässig für den Einsatz.
Erzähler: Folgen kann es trotzdem haben. 2023 bewirbt sich ein junger Mann für einen Master an der Technischen Universität München. Sein Essay ist dicht gegliedert und ohne einen einzigen Fehler, sein Essay aus dem Vorjahr war deutlich schlichter. Eine Software hält 45 Prozent des Textes für maschinell erzeugt. Entscheidend sind am Ende 2 Prüfer, die den Text für auffällig halten. Die Universität schließt den Bewerber aus. Am 28. November 2023 bestätigt das Verwaltungsgericht München die Entscheidung im Eilverfahren. Die Hilfe einer KI, schreibt das Gericht, ähnle der Erstellung durch eine dritte Person.
Kommilitone: Hast du bei der Hausarbeit angegeben, dass du KI benutzt hast?
Lina: Klar. Steht in der Erklärung.
Kommilitone: Ich nicht.
Lina: Dann viel Glück mit den Prüfern.
Erzähler: Weil das Erkennen im Nachhinein so schlecht funktioniert, setzen die Anbieter auf eine andere Idee. Sie markieren einen Text schon beim Schreiben, mit einem unsichtbaren Wasserzeichen. Google DeepMind legt sein Verfahren im Oktober 2024 in der Fachzeitschrift Nature offen. Es verschiebt bei der Wortwahl unmerklich die Wahrscheinlichkeiten. Getestet an fast 20 Millionen Antworten des Chatbots Gemini, fiel den Nutzern kein Unterschied auf.
Erzähler: OpenAI hatte ein ähnliches Verfahren schon 2024 fertig, mit einer Trefferquote von 99,9 Prozent, und hielt es zurück. In einer Umfrage hatte knapp jeder 3. Nutzer angekündigt, ChatGPT dann seltener zu verwenden. Im Oktober 2026 lenkt das Unternehmen ein. Das europäische KI-Gesetz verlangt, dass Anbieter ihre Inhalte maschinenlesbar kennzeichnen, für bereits laufende Systeme ab dem 2. Dezember 2026. Für Europa kündigt OpenAI deshalb ein unsichtbares Wasserzeichen in Texten an.
Erzähler: Die Schwachstellen nennen die Anbieter selbst. Google räumt ein, dass das Zeichen verblasst, wenn ein Text gründlich umgeschrieben oder übersetzt wird. Tauscht man bei OpenAIs Verfahren jedes 10. Wort gegen ein Synonym, fällt die Erkennung nach Firmenangaben von 92 auf 66 Prozent. Forschende der Universität von Maryland zeigen schon 2023, dass ein einfaches Umformulierungsprogramm die Trefferquote eines Text-Wasserzeichens von 97 auf 57 Prozent drückt. Bei Bildern genügt oft ein Screenshot, um die Herkunftsangabe in den Metadaten zu löschen. So steht es in den Hilfeseiten von OpenAI.
Erzähler: Für die Schule ändert das wenig. Wer ein offenes Sprachmodell auf dem eigenen Laptop laufen lässt, bekommt Texte ganz ohne Zeichen. Und ein fehlendes Wasserzeichen, schreibt OpenAI selbst, beweist nicht, dass ein Mensch den Text geschrieben hat.
Erzähler: Gisela Behrens wollte ihrem Sohn das Kopfrechnen nicht ersparen. Thomas Behrens sagt fast 50 Jahre später denselben Satz zu seiner Tochter. Er gilt jetzt einem anderen Gerät.
Erzähler: Und das Rechnen? Im Oktober 2025 legt das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen neue Zahlen vor. Rund 34 Prozent der Neuntklässler verfehlen in Mathematik den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss, fast 10 Prozentpunkte mehr als 2018. Zwischen 2012 und 2018 hatte sich kaum etwas verändert. Ein einzelnes Werkzeug erklärt solche Zahlen nicht. Sie erinnern daran, dass Grundlagen kein Selbstläufer sind.
Erzähler: Die Forschung zum Taschenrechner hat gezeigt, dass ein Werkzeug das Lernen verändern kann, ohne es zu zerstören. Vorausgesetzt, die Schule weiß, wofür sie es einsetzt. Bei der künstlichen Intelligenz läuft dieser Versuch gerade, mit Millionen Schülern gleichzeitig. Die ersten Ergebnisse deuten in dieselbe Richtung. Es kommt darauf an, ob die Maschine die Arbeit abnimmt oder beim Denken hilft.
Erzähler: Jede Generation fürchtet, dass ihre Kinder etwas verlernen. Meist lernen sie etwas anderes. Was dabei verloren geht, merkt man oft erst, wenn man es braucht.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 2: Rechne im Kopf. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: In der nächsten Folge: ein Lexikonvertreter an der Haustür.
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# Nostalgie und KI, Folge 3: Brockhaus, Wikipedia und KI-Antworten: Das Wissen der Welt
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/lexikon/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Vom Brockhaus im Wohnzimmerschrank über Encarta und Wikipedia bis zur KI-Übersicht in der Google-Suche: was es kostet, wenn das Wissen nichts mehr kostet, und wer es bezahlt.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Lexikon an der Haustür; 03:54 Encarta, Google und Wikipedia; 08:45 2026: KI-Antworten ohne Quellen; 12:35 Wikipedia, KI-Texte und Grokipedia; 14:50 Bücher für das KI-Training; 17:59 Wer bezahlt das Wissen?
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 3: Das Wissen der Welt. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: Früher stand ein Vertreter vor der Tür, mit einem Musterband unter dem Arm.
Gisela: Das Wissen der Welt. Auf Raten.
Erzähler: Heute steht es schon da, bevor man die Frage zu Ende getippt hat. Nur weiß niemand so genau, woher es kommt.
Erzähler: Diese Folge erzählt vom Lexikon im Wohnzimmerschrank, vom Ende der gedruckten Nachschlagewerke und von Suchmaschinen, die selbst antworten. Und sie fragt, was es kostet, wenn das Wissen nichts mehr kostet.
Vertreter: Guten Tag. Haben Sie Kinder im Haus?
Gisela: Einen Sohn. Der ist aber schon ausgezogen. Warum?
Vertreter: Weil Wissen das Einzige ist, was man vererben kann, ohne dass es weniger wird.
Gisela: Und was verkaufen Sie?
Vertreter: Das große Lexikon. 24 Bände. Jeden Monat kommt einer, und Sie zahlen ihn ab wie einen Kühlschrank.
Werner: Gisela, wer ist da?
Gisela: Das Wissen der Welt. Auf Raten.
Erzähler: 1808 kauft ein Kaufmann in Leipzig für 1.800 Taler ein halbfertiges Lexikon. Er heißt Friedrich Arnold Brockhaus. Die 5. Auflage seines Konversationslexikons verkauft sich ab 1818 über 32.000 Mal. Der Name wird zum Synonym für ein ganzes Genre. Wer etwas wissen will, schlägt im Brockhaus nach.
Erzähler: Das Lexikon wächst mit jeder Auflage, und es wird schwerer. Die 17. Auflage erscheint von 1966 bis 1974 in 20 Bänden. Die 18. kommt von 1977 bis 1981 mit 12 Bänden aus. Die 19. erscheint von 1986 an, in 24 Bänden, mit rund 260.000 Stichwörtern auf etwa 17.000 Seiten. Geliefert wird sie Band für Band. Mitte der 90er Jahre kostet die vollständige Ausgabe knapp 5.000 Mark, ein einzelner Band 228 Mark.
Erzähler: Für viele Familien ist das eine Anschaffung wie ein Auto oder eine Küche. Man bezahlt über Jahre, und die Bände stehen danach Jahrzehnte im Regal. Ob sie gelesen werden, ist eine andere Frage.
Werner: Und wo stellen wir die hin?
Gisela: In die Schrankwand. Neben den Fernseher.
Werner: Und wer liest das?
Gisela: Niemand. Aber man sieht, dass wir's haben.
Erzähler: In den Vereinigten Staaten ist der Lexikonvertreter eine eigene Berufsgruppe. Die Encyclopaedia Britannica schickt ihre Verkäufer seit den 30er Jahren von Tür zu Tür, zu Spitzenzeiten rund 2.300 Männer und Frauen mit einem Musterband unter dem Arm. 1990 hat Britannica sein bestes Jahr. Allein in den Vereinigten Staaten werden fast 120.000 Ausgaben verkauft, der Umsatz liegt bei 650 Millionen Dollar.
Erzähler: In der Bundesrepublik bekommen die Kunden an der Haustür bald ein neues Recht. Am 1. Mai 1986 tritt das Gesetz über den Widerruf von Haustürgeschäften in Kraft. Wer an der eigenen Tür einen Vertrag unterschreibt, kann ihn eine Woche lang schriftlich widerrufen. Eine Woche Bedenkzeit gegen eine Stunde Verkaufsgespräch. 2002 wandert das Widerrufsrecht ins Bürgerliche Gesetzbuch. Es gilt bis heute, längst auch für Verträge am Telefon und im Internet.
Erzähler: Gisela Behrens hat diese Woche nicht gebraucht. Ihr Lexikon kam ein Jahr zu früh.
Erzähler: Die Bedrohung kommt aus einer Richtung, mit der die Lexikonverlage nicht gerechnet haben. 1985 bietet Microsoft der Britannica eine Partnerschaft an, für ein Lexikon auf CD-ROM. Britannica lehnt ab. 8 Jahre später bringt Microsoft sein eigenes heraus. Es heißt Encarta, basiert auf einem eher unbekannten Nachschlagewerk und wird bald zusammen mit neuen Computern verkauft. Anfangs kostet es 395 Dollar, kurz darauf noch 99.
Erzähler: Ein Lexikon mit Bildern, Tönen und kleinen Filmen, auf einer Scheibe, die in jede Schublade passt. Auch der Brockhaus erscheint bald auf CD-ROM. Die Ausgabe Brockhaus multimedial 2000 premium hat 89.000 Artikel. 1996, sechs Jahre nach ihrem Rekordjahr, löst Britannica ihren Vertrieb an der Haustür auf.
Gisela: Das ganze Lexikon auf so einer Scheibe?
Thomas: Mit Bildern und Tönen. Sogar kleine Filme.
Gisela: Und was mach ich jetzt mit meinen 24 Bänden?
Thomas: Die sehen doch gut aus.
Erzähler: 1998 gründen zwei Doktoranden in Kalifornien eine Suchmaschine, deren Name bald zum Verb wird. 2004 nimmt der Duden googeln auf. Zwei Jahre später verlangt Google eine engere Definition, aus Sorge um seine Marke. Seitdem steht im Duden, googeln heiße, mit Google im Internet suchen.
Erzähler: Mit der Suchmaschine verändert sich das Nachschlagen. Man sucht kein Stichwort mehr im Register, man tippt eine Frage in ein Feld. Im März 2025 nennt Google erstmals seit Jahren wieder eine Zahl: mehr als 5 Billionen Suchanfragen im Jahr, rund 13 Milliarden am Tag. In Deutschland laufen im September 2026 knapp 88 Prozent aller Suchanfragen über Google.
Erzähler: Doch auch die Suchmaschine bekommt Konkurrenz. Im Sommer 2022 räumt Googles Suchchef Prabhakar Raghavan ein, dass fast 40 Prozent der jungen Menschen in den Vereinigten Staaten ein Restaurant für die Mittagspause nicht mehr bei Google suchen. Sie öffnen TikTok oder Instagram. Und schon 2024 endet laut einer Auswertung der Firma SparkToro mehr als die Hälfte aller Google-Suchen in Europa ohne einen einzigen Klick. Die Antwort steht bereits auf der Ergebnisseite.
Erzähler: Am 15. Januar 2001 geht im Internet ein Lexikon online, das jeder bearbeiten darf. Es heißt Wikipedia. Die deutschsprachige Ausgabe folgt am 16. März 2001. Heute hat sie gut 3,1 Millionen Artikel. Die erste Million erreicht sie im Dezember 2009, die dritte im März 2025. Der letzte gedruckte Brockhaus hatte rund 300.000 Stichwörter.
Erzähler: Im selben Jahr, in dem die deutsche Wikipedia ihre erste Million feiert, gibt Microsoft auf. Im März 2009 kündigt das Unternehmen das Ende von Encarta an, im Oktober geht das Angebot vom Netz. Die CD-ROM hatte das gedruckte Lexikon bedrängt. Das offene Lexikon im Internet erledigt die CD-ROM.
Erzähler: Taugt so etwas? 2005 lässt die Fachzeitschrift Nature 42 naturwissenschaftliche Artikel von Fachleuten prüfen. Wikipedia hat im Schnitt 4 Fehler pro Artikel, die Britannica 3. 2007 lässt der Stern 50 Artikel benoten. Wikipedia bekommt im Schnitt eine 1,7, die Online-Ausgabe des Brockhaus eine 2,7.
Erzähler: Im März 2012 stellt die Encyclopaedia Britannica nach 244 Jahren ihre gedruckte Ausgabe ein. Die letzte Auflage von 2010 hat 32 Bände und kostet 1.395 Dollar. Verkauft werden noch rund 8.000 Exemplare, etwa 4.000 bleiben im Lager. Im Juni 2013 kündigt Bertelsmann das Ende des Brockhaus-Geschäfts an, rund 300 Stellen fallen weg. Die 21. Auflage hatte 2006 noch 2.490 Euro gekostet, 2013 waren es 2.820 Euro. Im Juni 2014 wird der letzte gedruckte Brockhaus ausgeliefert. 30 Bände, rund 70 Kilo, ein Meter siebzig Regal.
Erzähler: 2015 übernimmt ein schwedisches Unternehmen die Marke. Der Brockhaus lebt seitdem digital weiter, vor allem in Schulen und Bibliotheken. Privatleute können ihn seit 2018 im Abonnement nutzen, für 6 Euro im Monat.
Erzähler: 2026. Die 24 Bände von Gisela Behrens stehen jetzt bei ihrem Sohn. Thomas Behrens ist 63. Er hat sie nie verkauft. Er hat sie auch nie ganz gelesen.
Lina: Papa, wie viele Einwohner hat Lissabon?
Thomas: Schau doch im Lexikon nach. Band elf oder so.
Lina: Ich hab's schon. Die KI sagt 545.000.
Thomas: Und das Lexikon?
Lina: Papa, dein Lexikon ist von 1986. Da gab es noch nicht mal Euro.
Thomas: Und woher weiß deine KI das?
Lina: Keine Ahnung. Steht da nicht.
Thomas: Bei mir steht wenigstens drauf, wer's geschrieben hat.
Erzähler: Im Mai 2024 beginnt Google in den Vereinigten Staaten damit, über den Suchergebnissen eine Antwort anzuzeigen, geschrieben von einer KI. In Deutschland startet die KI-Übersicht im März 2025. Wer eine Frage eintippt, bekommt eine Zusammenfassung und muss keine Seite mehr öffnen.
Erzähler: Dahinter steckt ein Sprachmodell. Es schlägt nichts nach, wie man in einem Lexikon nachschlägt. Es erzeugt eine Antwort Wort für Wort aus dem, was es beim Training aus riesigen Textmengen gelernt hat, auch aus Wikipedia. Viele Systeme durchsuchen zusätzlich das Netz und fassen zusammen, was sie dort finden. Dabei kann ein Scherz aus einem Forum genauso in die Antwort rutschen wie ein Fachartikel.
Erzähler: Genau das passiert schon in den ersten Tagen. Damit der Käse auf der Pizza besser hält, empfiehlt die KI, etwas ungiftigen Klebstoff in die Soße zu rühren. Die Quelle ist ein elf Jahre alter Scherz aus einem Internetforum.
Erzähler: Im Juli 2025 wertet das amerikanische Pew Research Center fast 69.000 Suchanfragen aus. Bei 18 Prozent der Anfragen erscheint eine KI-Zusammenfassung, im Schnitt 67 Wörter lang. Steht sie oben, klicken nur 8 von 100 Menschen auf ein normales Suchergebnis. Ohne Zusammenfassung sind es 15. Auf die Quellen in der Zusammenfassung selbst klickt einer von 100. Und jede vierte Suche mit Zusammenfassung ist danach ganz zu Ende. Google widerspricht der Methode der Studie.
Erzähler: Im Oktober 2025 meldet die Wikimedia Foundation rund 8 Prozent weniger menschliche Besucher auf Wikipedia als ein Jahr zuvor. Als einen Grund nennt sie Suchmaschinen und KI, die Antworten direkt anzeigen, oft auf Grundlage von Wikipedia-Artikeln.
Erzähler: Wie verlässlich diese Antworten sind, prüfen im selben Monat 22 öffentlich-rechtliche Sender aus 18 Ländern, darunter ARD, ZDF und die Deutsche Welle. Sie stellen den großen KI-Assistenten Fragen zu Nachrichten und werten über 3.000 Antworten aus. 45 Prozent haben mindestens ein erhebliches Problem, bei knapp einem Drittel stimmen die Quellenangaben nicht. 20 Prozent enthalten schwere sachliche Fehler. Am schlechtesten schneidet Googles Gemini ab, mit erheblichen Problemen in 76 Prozent der Antworten.
Anrufer: Herr Behrens? Sie besitzen doch ein Lexikon in 24 Bänden. Wir kaufen solche Sammlungen an.
Thomas: Ach ja? Was ist es denn wert?
Anrufer: Das müssten wir erst begutachten lassen. Und dafür bräuchte es noch die Ergänzungsbände.
Thomas: Die ich dann bei Ihnen kaufe.
Anrufer: Das wäre der übliche Weg, ja.
Erzähler: Solche Anrufe gibt es wirklich. Die Verbraucherzentralen warnen vor Händlern, die Besitzer alter Lexika ködern, angeblich zum Ankauf der Sammlung. Am Ende verkaufen sie teure Ergänzungsbände oder Gutachten. Ein Fall, in dem so eine Sammlung mit Gewinn verkauft wurde, ist den Verbraucherschützern nicht bekannt.
Erzähler: Wie sehr sich das Nachschlagen verändert, zeigt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom vom Herbst 2025. Jeder 2. Internetnutzer in Deutschland fragt zumindest manchmal eine KI statt einer Suchmaschine. Bei den Unter-30-Jährigen sind es 2 von 3. 42 Prozent der KI-Nutzer sagen, sie hätten schon falsche oder erfundene Antworten bekommen. Unter Jugendlichen ist der Wandel noch deutlicher. Laut JIM-Studie 2025 suchen 70 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Informationen auch mit KI. ChatGPT ist bei ihnen nach der Suchmaschine das zweithäufigste Werkzeug.
Erzähler: Wikipedia steht dabei in der Mitte. Ihre Artikel sind Futter für die Maschinen, und gleichzeitig wollen ihre Autorinnen und Autoren die Maschinen draußen halten. Im April 2025 legt die Wikimedia Foundation fest, KI solle den Freiwilligen Routinearbeit abnehmen. Ersetzen soll sie die Menschen hinter der Enzyklopädie nicht. Im Juni 2025 testet die Stiftung trotzdem KI-Zusammenfassungen über Artikeln. Nach einem Tag Protest der Autorinnen und Autoren pausiert sie den Versuch.
Erzähler: Im Februar 2026 stimmt die deutschsprachige Wikipedia ab. Artikel dürfen nicht mehr von Sprachmodellen geschrieben werden. Erlaubt bleiben Hilfe bei der Recherche, maschinelle Übersetzung und Rechtschreibprüfung, jeweils von Hand kontrolliert. Im März zieht die englischsprachige Wikipedia nach, mit 44 zu 2 Stimmen.
Erzähler: Wie ein Lexikon aus der Maschine aussehen kann, zeigt Elon Musk. Ende Oktober 2025 startet seine KI-Firma Grokipedia mit 885.000 Artikeln. Eine Untersuchung findet, dass mehr als die Hälfte davon aus Wikipedia abgeleitet ist, oft fast wortgleich. Die Washington Post berichtet über politisch gefärbte Einträge. Die Wikimedia Foundation kommentiert trocken, selbst Grokipedia brauche Wikipedia, um zu existieren. Seit April 2026 wird das Projekt nicht mehr aktualisiert.
Antiquarin: Schon wieder eine Bestellung. Nachts um vier.
Kollege: Wie viele?
Antiquarin: Dreihundert Titel. Von jedem genau eins.
Kollege: Unsere Lagerleichen? Wer will die denn?
Antiquarin: Keine Ahnung. Bezahlt ist schon.
Erzähler: Solche Bestellungen gehen seit dem Frühjahr 2026 tatsächlich bei deutschen Antiquariaten ein, meist nachts zwischen 3 und 5 Uhr. Von jedem Titel ein Exemplar, vor allem Sachbücher, die seit Jahren im Lager liegen, Bestellwerte von 10.000 bis 50.000 Euro je Händler. Der Vorsitzende des Verbands Deutscher Antiquare nennt die Praxis Barbarei. Berichte bringen die Käufe mit KI-Firmen in Verbindung. Der Besteller bestreitet das, bewiesen ist es nicht.
Erzähler: Dass Bücher für KI zerschnitten werden, ist in einem anderen Fall gerichtlich festgehalten. Im Juni 2025 beschreibt ein Bundesrichter in San Francisco, wie das KI-Unternehmen Anthropic Millionen gedruckter Bücher gekauft hat, oft gebraucht. Die Buchrücken wurden abgeschnitten, die Seiten gescannt, das Papier entsorgt. Für gekaufte Bücher wertet der Richter das Training als zulässig. Für mehr als 7 Millionen Raubkopien aus Schattenbibliotheken gilt das nicht.
Erzähler: Im Januar 2026 macht die Washington Post interne Unterlagen öffentlich. Das Vorhaben hieß Project Panama. In einem Papier ist von dem Ziel die Rede, alle Bücher der Welt zerstörend zu scannen. Für knapp 500.000 Raubkopien zahlt Anthropic in einem Vergleich 1,5 Milliarden Dollar, etwa 3.000 Dollar pro Buch. Es ist der größte Urheberrechtsvergleich in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Google hatte seit 2004 mehr als 40 Millionen Bücher gescannt, ohne eines davon zu zerschneiden.
Erzähler: Warum die Firmen so hungrig sind, hat einen einfachen Grund. Das Forschungsinstitut Epoch AI schätzt den Vorrat an brauchbarem menschlichem Text im offenen Netz auf rund 300 Billionen Wortbausteine. Aufgebraucht sein könnte er zwischen 2026 und 2032. Im Dezember 2024 sagt OpenAI-Mitgründer Ilya Sutskever auf einer Fachkonferenz in Vancouver, man habe nur ein Internet. Daten seien der fossile Brennstoff der KI.
Erzähler: Gleichzeitig füllt sich das Netz mit Texten, die selbst von Maschinen stammen. Nach einer Auswertung mit KI-Detektoren, die selbst als unzuverlässig gelten, ist inzwischen etwa jeder zweite neue Artikel im englischsprachigen Netz überwiegend maschinell geschrieben. Lernen Modelle immer wieder aus solchen Texten, werden sie schlechter. Forscher aus Oxford und Cambridge zeigen 2024 in Nature, wie aus einem Text über mittelalterliche Kirchtürme nach 9 Generationen eine Aufzählung von Hasenarten wird.
Erzähler: Bücher, die Menschen geschrieben haben, werden damit wertvoller, als sie es im Antiquariat je waren.
Erzähler: Die Frage nach dem Wert stellt sich auch im Großen. Wer bezahlt die Menschen, die das Wissen aufschreiben, wenn eine KI es zusammenfasst und kaum noch jemand die Quelle besucht? Im September 2025 beschweren sich deutsche Verlegerverbände und der Deutsche Journalisten-Verband bei der Bundesnetzagentur über Googles KI-Übersicht. Im Dezember 2025 leitet die EU-Kommission ein förmliches Wettbewerbsverfahren gegen Google ein. Es geht darum, wie das Unternehmen Inhalte von Verlagen für seine KI-Antworten nutzt. Im äußersten Fall drohen Strafen von bis zu 10 Prozent des weltweiten Umsatzes.
Erzähler: Die Encyclopaedia Britannica verklagt im September 2025 das KI-Unternehmen Perplexity. Der Vorwurf lautet, es habe ihre Inhalte abgegriffen und ihr Besucher genommen. Wikipedia geht einen anderen Weg. Zum 25. Geburtstag im Januar 2026 meldet die Wikimedia Foundation neue zahlende Partner für ihren Datenzugang, darunter Amazon, Meta, Microsoft und Perplexity. Google zahlt schon länger. Wer Wikipedia in großem Stil für seine KI nutzt, soll dafür bezahlen. Auch andere lassen sich ihre Texte inzwischen bezahlen. Google zahlt dem Forum Reddit laut Berichten rund 60 Millionen Dollar im Jahr. Der Verlag HarperCollins bietet Microsoft ausgewählte Sachbücher für das Training an, für 5.000 Dollar pro Titel, und nur, wenn die Autorinnen und Autoren zustimmen.
Erzähler: Und der Brockhaus? Er verkauft Schulen und Bibliotheken heute auch Zugänge zu KI-Werkzeugen. Das Lexikon, das einmal an der Haustür kam, ist selbst zu einem Anbieter von Antworten geworden.
Erzähler: Das gedruckte Lexikon hatte eine Eigenschaft, die man erst bemerkt, wenn sie fehlt. Es war abgeschlossen. Jemand hatte jeden Artikel geschrieben, jemand anderes hatte ihn geprüft, und auf dem Buchrücken stand, von wann das Wissen war. Man konnte ihm widersprechen, weil man wusste, wem.
Erzähler: Die Antwort aus der Maschine ist aktueller, schneller und meistens bequemer. Sie hat keinen Buchrücken. Sie stammt aus vielen Quellen, und welche das waren, steht oft nicht dabei.
Erzähler: Gisela Behrens hat für ihr Lexikon jahrelang bezahlt. Heute bekommt man die Antwort umsonst. Bezahlt wird sie trotzdem, nur von jemand anderem.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 3: Das Wissen der Welt. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: In der nächsten Folge: der Samstagabend in der Videothek.
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# Nostalgie und KI, Folge 4: Videothek, Netflix und KI-Filme: Bitte zurückspulen
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/videothek/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Von der Videothek mit VHS-Kassetten und Vorhang über Netflix und den Empfehlungsalgorithmus bis zu KI-Videos, für die keine Kamera mehr läuft. Mit Mediathek, Werbung im Abo und dem Streit um KI-Schauspieler.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Videothek und VHS, 1987; 04:08 Videothekensterben und Netflix; 06:22 Netflix-Algorithmus statt Videothekar; 08:55 Mediathek, Werbung im Abo; 14:25 2026: KI-Filme ohne Kamera; 17:08 Hollywood-Streik und KI-Schauspielerin; 20:55 Zurück zur Scheibe
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 4: Bitte zurückspulen. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: Samstagabend, kurz vor acht. Hinter dem Tresen steht ein Mensch, der weiß, was man sehen will.
Videothekar: Dann nimm den hier. Hat keiner ausgeliehen, ist aber der beste Film im Laden.
Erzähler: Heute weiß es eine Maschine, angeblich besser. Sie schlägt vor, sie malt jedem sein eigenes Filmplakat, und inzwischen erzeugt sie die Bilder auch selbst.
Erzähler: Diese Folge erzählt von der Videothek, von dem Algorithmus, der sie abgelöst hat, vom Fernsehen auf Abruf und von Filmen, für die keine Kamera mehr läuft.
Videothekar: Na, Thomas. Wieder was mit Explosionen?
Thomas: Eigentlich wollte ich mal was anderes.
Videothekar: Dann nimm den hier. Hat keiner ausgeliehen, ist aber der beste Film im Laden.
Thomas: Und wenn er mir nicht gefällt?
Videothekar: Dann bringst du ihn zurück und sagst mir, warum. Zurückgespult, bitte.
Thomas: Mach ich, Rudi.
Erzähler: Im Sommer 1975 beginnt in Kassel ein Mann namens Eckhard Baum, Super-8-Filme zu verleihen, zuerst an Freunde. Er nennt seinen Laden Videothek. 1998 bestätigt das Guinness-Buch, dass es die älteste Videothek ist. Sie gilt heute als die älteste der Welt. 2016 hat sie noch rund 13.000 Filme im Regal.
Erzähler: Die Geräte dafür haben anfangs nur wenige. Ende 1982 beschäftigt sich der Bundestag mit dem neuen Medium. In seinen Unterlagen steht, dass 1980 rund 400.000 Videorekorder verkauft wurden, 1981 rund 950.000, 1982 voraussichtlich 1,2 Millionen. Trotzdem steht noch nicht einmal in jedem 10. Haushalt ein Gerät. Die Abgeordneten rechnen damit, dass sich das schnell ändert. Bis 1986, so heißt es, könnte jeder 2. bis 3. Haushalt einen Rekorder haben. Fast die Hälfte der verkauften Kassetten gehört damals zu den Genres Horror, Krieg und Action.
Erzähler: Um die Kassette selbst wird gestritten. 1979 stellen Philips und Grundig auf der Funkausstellung in Berlin Video 2000 vor, eine Kassette, die man wenden kann wie eine Schallplatte, mit 2 mal 4 Stunden Spielzeit. Daneben kämpft Sony mit Betamax um die Wohnzimmer. Ende der 80er Jahre hat das japanische VHS-System über 93 Prozent des Marktes. Die Wendekassette aus Europa wird 1988 eingestellt.
Erzähler: Mit den Kassetten kommt die Angst. Im Juni 1984 zeigt das ZDF die Dokumentation Mama, Papa, Zombie. Darin werden Eltern Szenen aus einem italienischen Horrorfilm vorgeführt, und die Kamera filmt ihre Gesichter. Heute gilt die Sendung als einseitig und reißerisch. Damals trifft sie einen Nerv.
Erzähler: Der Gesetzgeber reagiert. Am 1. April 1985 tritt ein neues Jugendschutzgesetz in Kraft. Indizierte und pornografische Kassetten dürfen nur noch dort verliehen werden, wo Kinder und Jugendliche weder hinkommen noch hineinsehen können. So entsteht in vielen Videotheken der abgetrennte Bereich für Erwachsene, oft hinter einem Vorhang.
Erzähler: Was damals als gefährlich galt, ändert sich mit der Zeit. Der Horrorfilm Tanz der Teufel kommt 1984 in die Kinos und auf Kassette, wird indiziert und beschlagnahmt. 2016 heben die Gerichte die Beschlagnahme auf, die Prüfstelle gibt ihn ungekürzt ab 16 frei. Später läuft er bei Netflix.
Videothekar: Eine Mark extra. Nicht zurückgespult.
Kunde: Das ist doch nur ein Knopf.
Videothekar: Eben. Und den hat der Nächste dann auch.
Erzähler: Die Mark für das Nichtzurückspulen gab es in manchen Videotheken wirklich. Bitte zurückspulen, das stand auf Aufklebern und Schildern. Es war die Höflichkeit gegenüber dem Nächsten, der dieselbe Kassette am Abend ausleihen würde.
Erzähler: Die Videothek wird zum Treffpunkt. Man geht nicht nur hin, um etwas auszuleihen. Man trifft Bekannte, man lässt sich beraten, man streitet über Filme. Der Filmwissenschaftler Nils Peiler beschreibt sie als einen Ort, an dem man zusammenkam und sich beraten ließ. In Saarbrücken hat das Filmhaus mit dem Projekt Soyuz Video zeitweise eine Videothek im Stil der 80er Jahre nachgebaut. 1991, kurz nach der Wiedervereinigung, gibt es in Deutschland mehr als 9.000 davon. Anfang der 2000er Jahre sind es noch rund 6.000, 2009 rund 2.600.
Erzähler: In den Vereinigten Staaten beantragt die Kette Blockbuster im September 2010 Insolvenz. Eine einzige Filiale überlebt, in Bend im Bundesstaat Oregon. Seit März 2019 ist sie die letzte ihrer Art auf der Welt. Ihr Leitspruch steht noch immer auf den Plakaten: Be kind, please rewind.
Erzähler: Am 16. September 2014 startet Netflix in Deutschland. Kein Tresen mehr, keine Öffnungszeiten, kein Vorhang und keine Mark für das Nichtzurückspulen. Im selben Jahr zählt der Branchenverband noch 1.544 Videotheken, 2019 sind es 345. Zwischen 2015 und 2017 halbieren sich Kundschaft und Umsatz fast, von 4,8 auf 2,6 Millionen Kunden. Danach zählt niemand mehr. Den Verband gibt es nicht mehr.
Erzähler: 2016. Rudi schließt seine Videothek. Thomas Behrens ist 53 und kommt ein letztes Mal vorbei.
Videothekar: Thomas. Du kommst gerade richtig. Nimm mit, was du willst.
Thomas: Du machst wirklich zu?
Videothekar: Seit alle streamen, kommt keiner mehr. Hier, der von damals. Den musst du nicht mal zurückspulen.
Thomas: Und wer sagt mir jetzt, was ich sehen soll?
Videothekar: Frag den Computer.
Erzähler: Was den Videothekar ausmachte, versucht Netflix früh nachzubauen. Am 2. Oktober 2006 schreibt das Unternehmen einen Wettbewerb aus. Es stellt 100 Millionen Bewertungen zur Verfügung, von rund 480.000 Nutzern zu 17.770 Filmen. Wer die eigene Empfehlungsformel um 10 Prozent verbessert, bekommt 1 Million Dollar. Im September 2009 gewinnt ein Team mit 10,06 Prozent. Netflix baut die Siegerlösung nie vollständig ein. Der technische Aufwand lohnt sich nicht.
Erzähler: Trotzdem wird die Maschine zum wichtigsten Mitarbeiter. 2015 schreiben 2 Netflix-Manager in einem Fachartikel, dass etwa 80 Prozent aller gestreamten Stunden mit einer Empfehlung beginnen. Personalisierung und Empfehlungen sparen dem Unternehmen nach eigener Rechnung mehr als 1 Milliarde Dollar im Jahr, weil weniger Kunden kündigen. Und sie haben wenig Zeit. Nach 60 bis 90 Sekunden verliert ein typisches Mitglied das Interesse.
Erzähler: Seit 2017 sieht nicht mehr jeder dasselbe Filmplakat. Netflix wählt das Vorschaubild für jeden Zuschauer einzeln. Wer gern Liebesfilme schaut, sieht bei Good Will Hunting ein Paar, das sich küsst. Wer Komödien mag, sieht Robin Williams. Bei YouTube gehen nach Angaben des Unternehmens von 2018 mehr als 70 Prozent der Sehzeit auf Empfehlungen zurück. Im April 2025 testet Netflix in Australien und Neuseeland eine neue Suche mit einem Sprachmodell. Man sagt ihr einfach, worauf man gerade Lust hat.
Erzähler: Die Auswahl wird damit nicht leichter. 2023 misst das Marktforschungsunternehmen Nielsen, dass Zuschauer im Schnitt 10,5 Minuten suchen, bevor sie etwas starten. 2019 waren es noch gut 7 Minuten. Jeder 5. gibt ganz auf und schaltet ab, weil er nichts findet. Die Zahl der einzelnen Titel auf den Plattformen steigt in dieser Zeit auf über 2,7 Millionen.
Erzähler: In Deutschland zahlen inzwischen 3 von 4 Haushalten für mindestens einen Streamingdienst.
Erzähler: Es gibt sie noch, die Videothek als Ort. Das Videodrom in Berlin-Kreuzberg verleiht seit rund 40 Jahren Filme, inzwischen Zehntausende Titel. Wo früher 10 Menschen arbeiteten, sind es heute 2. Die Kundschaft komme wegen der Empfehlungen, sagt der Betreiber.
Erzähler: 2021. Sonntagabend bei Thomas Behrens, Viertel nach acht. Seine Tochter Lina ist 14.
Thomas: Lina? Kommst du? Der Tatort fängt an.
Lina: Den guck ich später.
Thomas: Später läuft er aber nicht mehr.
Lina: Doch. In der Mediathek. Da läuft er, wann ich will.
Thomas: Und wann hast du das letzte Mal richtig Fernsehen geguckt?
Lina: Weiß nicht. Silvester?
Thomas: Dann sitz ich hier wohl allein.
Lina: Du kannst ihn ja morgen mit mir gucken.
Erzähler: Was bei den Behrens am Sonntagabend passiert, zeigen ein paar Jahre später die Zahlen der Fernsehforschung. 2025 sieht jeder in Deutschland im Schnitt 158 Minuten am Tag klassisch fern, 13 Minuten weniger als im Jahr davor. Von den 14- bis 29-Jährigen schaltet an einem gewöhnlichen Tag nur noch knapp jeder Vierte ein. 80 Prozent der Fernsehzeit entfallen inzwischen auf Menschen ab 50.
Erzähler: Ein Teil der Zeit bleibt bei den Sendern, nur nicht mehr zur festen Uhrzeit. Die ARD Mediathek kommt 2025 auf 200 Millionen Minuten am Tag, das Streamingportal des ZDF auf 167 Millionen. Der Tatort bringt es in den Mediatheken auf über 4 Milliarden Minuten im Jahr. RTL+ hat Mitte 2026 mehr als 7,6 Millionen Abos. Doch alles zusammen, was die Fernsehforschung an Streaming misst, ergibt nur 8 Minuten pro Kopf und Tag. Die Verluste beim klassischen Fernsehen gleicht das noch nicht aus.
Erzähler: Um die Zuschauer wird hart gekämpft. Im Februar 2025 zeigt Joyn, die Plattform von ProSiebenSat.1, plötzlich auch Sendungen aus den Mediatheken von ARD und ZDF, ohne die Sender zu fragen. Der ARD-Vorsitzende Florian Hager spricht von Raubrittertum, das ZDF zieht vor Gericht. Im März nimmt Joyn die Sendungen wieder heraus. Im Juli 2026 einigen sich ZDF und Joyn dann doch. Noch in diesem Jahr sollen ZDF-Sendungen dort laufen, kostenlos und ohne Werbung.
Erzähler: Februar 2024. Bei den Behrens läuft eine Serie. Mitten in der Folge kommt plötzlich etwas ganz anderes.
Thomas: Was ist denn jetzt? Werbung?
Lina: Ja. Seit dieser Woche.
Thomas: Ich zahl doch dafür.
Lina: Ohne Werbung kostet jetzt extra.
Thomas: Dann ist das ja wie früher im Fernsehen.
Erzähler: Die Werbung im Abo gibt es wirklich. Seit Februar 2024 läuft bei Prime Video für alle Werbung, wer sie nicht sehen will, zahlt 2,99 Euro im Monat mehr. Das Landgericht München hält das im Dezember 2025 für unzulässig, das Bayerische Oberste Landesgericht im Juli 2026 für zulässig. Rechtskräftig ist keines der beiden Urteile. Netflix bietet schon seit November 2022 ein Abo mit Werbung an. Und auf vielen Fernsehern laufen wieder Sender mit festem Programm, kostenlos und mit Werbung, in Westeuropa über 7.500. Das Streaming wird dem Fernsehen ähnlicher.
Erzähler: Auch beim Zuschauen hilft inzwischen eine KI, nicht immer zuverlässig. Im November 2025 testet Amazon in den Vereinigten Staaten Zusammenfassungen, die eine KI aus den Folgen einer Serie erstellt. Die Zusammenfassung zur Serie Fallout verlegt eine Rückblende in die 1950er Jahre. Tatsächlich spielt sie im Jahr 2077. Amazon nimmt sie vor dem Start der zweiten Staffel wieder vom Netz.
Erzähler: Die Mediatheken setzen ebenfalls auf Empfehlungen. Seit Oktober 2023 verweisen ARD und ZDF in ihren Angeboten aufeinander. Seit März 2025 bekommt im Streamingportal des ZDF jeder eine eigene Startseite.
Erzähler: Ob Empfehlungen den Geschmack verengen, ist schwer zu messen. Eine Studie mit Daten von Spotify kommt 2020 zu einem Befund. Wer vor allem hört, was der Algorithmus vorschlägt, hört weniger vielfältig. Wer vielfältiger wird, sucht sich seine Musik meist selbst aus. Für Filme gibt es eine so solide Untersuchung bislang nicht.
Erzähler: Bei Videos geht es um mehr als Geschmack. 2021 wertet die Mozilla-Stiftung Meldungen über Videos aus, die Nutzer im Nachhinein bereuten. Mehr als 37.000 Menschen hatten das Meldewerkzeug installiert. 71 Prozent der bereuten Videos hatte YouTube ihnen selbst vorgeschlagen.
Erzähler: Die Europäische Union zieht eine Konsequenz. Seit dem 25. August 2023 müssen die größten Plattformen eine Auswahl anbieten, die ohne persönliches Profil auskommt. TikTok und Meta führen für Europa Feeds ein, die nicht personalisiert sind. Netflix lässt seine Mitglieder seit Februar 2020 immerhin die automatisch startenden Vorschauen abschalten.
Erzähler: Und das Kino? 2019 lösen die Deutschen 118,6 Millionen Kinokarten, 2025 sind es 91,9 Millionen. Den Abend vor der Leinwand, gemeinsam mit Fremden, gibt es noch. Er ist nur seltener geworden.
Erzähler: 2026. Thomas Behrens ist 63. Sonntagabend, Sofa, Fernbedienung.
Lina: Weil du Stirb langsam gesehen hast. Schon wieder.
Thomas: Früher hat mir das einer gesagt, der mich kannte.
Lina: Der Algorithmus kennt dich auch.
Thomas: Der kennt meine Klicks. Rudi kannte mich.
Lina: Papa, wir suchen seit zwanzig Minuten.
Thomas: Siehst du.
Erzähler: Inzwischen soll die Maschine nicht nur auswählen. Sie soll die Bilder selbst machen. Im Februar 2024 zeigt OpenAI erste Videos aus seinem Programm Sora, erzeugt aus einer Textbeschreibung. Im Mai 2025 stellt Google Veo 3 vor, das zu den Bildern auch Dialog, Geräusche und Musik erzeugt. Ende September 2025 bringt OpenAI Sora 2 als eigene App heraus. Im Dezember kündigt Disney eine Investition von 1 Milliarde Dollar an.
Erzähler: Dann geht es schnell. Im März 2026 kündigt OpenAI das Ende der App an, Ende April ist sie abgeschaltet, im September folgt die Schnittstelle für Entwickler. Der Disney-Deal, der mehr als 200 Figuren in die App bringen sollte, platzt. Nach Berichten floss vorher kein Geld. Die Sora-App hat keine 7 Monate gelebt. In der Europäischen Union war sie offiziell nie verfügbar.
Erzähler: Die Studios nutzen die Technik trotzdem. Im Sommer 2025 bestätigt Netflix-Chef Ted Sarandos, dass in der argentinischen Serie El Eternauta erstmals generative KI für eine Szene eingesetzt wurde, ein einstürzendes Haus in Buenos Aires. Sie sei zehnmal schneller fertig gewesen als mit klassischen Effekten. Das Studio Lionsgate lässt sich schon 2024 ein eigenes Modell bauen, trainiert auf seinem Katalog von über 20.000 Titeln. Es ist der erste öffentlich bekannte Vertrag eines großen Studios mit einem Start-up für KI-Videos. Ein Animationsfilm, der weitgehend mit KI entsteht und von OpenAI unterstützt wird, soll Anfang 2027 ins Kino kommen. Zu sehen waren davon bislang nur erste Ausschnitte.
Erzähler: Andere klagen. Im Juni 2025 verklagen Disney und Universal den Bildgenerator Midjourney. In der Klageschrift heißt es, das Programm sei ein bodenloses Fass des Plagiats.
Lina: Guck mal. Ein Wal im Stadtpark, bei Sonnenuntergang.
Thomas: Wer hat das gedreht?
Lina: Keiner. Hab ich mir gerade ausgedacht.
Thomas: Und wo war die Kamera?
Lina: Papa. Es gibt keine Kamera.
Erzähler: Solche Clips entstehen inzwischen in Minuten. Für die Menschen, die bisher Filme gemacht haben, ist das eine Existenzfrage. 2023 streiken in Hollywood die Drehbuchautoren 148 Tage lang, die Schauspielerinnen und Schauspieler 118 Tage. Am Ende stehen Regeln für die KI. Ein digitales Abbild darf nur mit ausdrücklicher Zustimmung und gegen Bezahlung entstehen. Eine KI darf nicht als Autorin gelten.
Erzähler: Im September 2025 stellt eine Londoner Produktionsfirma eine Schauspielerin vor, die es nicht gibt. Sie heißt Tilly Norwood und ist vollständig von einer KI erzeugt. Die Schauspielgewerkschaft erklärt knapp, Tilly Norwood sei keine Schauspielerin. Keine große Agentur nimmt sie unter Vertrag. Die Debatte darüber, ob eine erfundene Figur einer echten Schauspielerin eine Rolle wegnehmen darf, ist damit eröffnet.
Erzähler: Auch in Deutschland zeigen sich die Risiken. Im Februar 2026 laufen im heute journal des ZDF in einem Beitrag KI-erzeugte Videosequenzen, ohne dass sie gekennzeichnet sind. Dazu kommt altes Bildmaterial von 2022. Der Intendant spricht von einem gravierenden Vorfall, der Sender legt ein Programm mit 5 Punkten auf. Seit August 2026 schreibt das europäische KI-Gesetz vor, täuschend echte KI-Bilder als solche kenntlich zu machen.
Erzähler: Wohin das führen kann, zeigt eine Firma aus San Francisco. 2023 erzeugt Fable Studio mit einem eigenen Modell 9 inoffizielle Folgen im Stil der Serie South Park. Nach Angaben der Firma werden sie über 80 Millionen Mal aufgerufen. Ende Juli 2025 öffnet sie ihre Plattform Showrunner für alle. Dort kann jeder per Texteingabe eigene Zeichentrickfolgen erzeugen. Kurz darauf steigt Amazon über einen Investmentfonds ein. Im Januar 2026 kündigt die Firma an, die verlorenen 43 Minuten aus einem Film von Orson Welles von 1942 mit KI zu rekonstruieren. Der Nachlass von Welles nennt das einen Werbegag.
Erzähler: Auch die großen Anbieter bauen um. Im August 2025 schreibt Netflix seinen Produktionsfirmen 5 Regeln für den Umgang mit KI vor. Fremde geschützte Werke dürfen nicht kopiert werden, Leistungen von Schauspielern nicht ohne Zustimmung nachgebildet. Im Juli 2026 meldet das Unternehmen generative KI bei rund 300 Titeln, vor allem in der Nachbearbeitung. Ab 2026 sollen Werbespots laufen, die eine KI an die Welt der jeweiligen Serie anpasst.
Erzähler: Die Stimmen ändern sich ebenfalls. Seit Dezember 2024 spricht YouTube die Videos von Hunderttausenden Kanälen automatisch in andere Sprachen nach, auch ins Deutsche. Im März 2025 testet Amazon bei 12 Filmen und Serien eine Synchronisation, deren erste Fassung eine KI erzeugt und die Fachleute danach prüfen.
Erzähler: Und manchmal ist jeder Film ein anderer. Eine Dokumentation über den Musiker Brian Eno wird seit 2024 bei jeder Vorführung von einem Programm neu zusammengesetzt. Kein Publikum sieht genau dieselbe Fassung. Netflix-Chef Ted Sarandos bleibt trotzdem vorsichtig. Im August 2026 sagt er, viele Menschen lehnten Geschichten aus der KI ab, weil ihnen die Menschlichkeit fehle.
Erzähler: Es gibt eine kleine Gegenbewegung. In den Vereinigten Staaten schrumpft der Verkauf von DVDs und Blu-rays 2025 nur noch um 9 Prozent, nach 23 Prozent im Jahr davor. Für hochauflösende 4K-Discs geben die Menschen sogar 12 Prozent mehr aus als im Vorjahr. Das ist wenig gegen das Streaming, das über 92 Prozent der Ausgaben fürs Heimkino ausmacht. Aber es ist ein Zeichen. Die Videothek Vidiots in Los Angeles meldet für Januar 2026 den besten Monat ihrer Geschichte, mit 170 Ausleihen am Tag.
Erzähler: Der Videothekar kannte seine Kundschaft. Er wusste, wer schon alles mit Explosionen gesehen hatte und wer bereit war für etwas anderes. Er konnte sich irren, und man konnte ihm das am nächsten Samstag sagen.
Erzähler: Der Algorithmus kennt die Klicks von Millionen. Er weiß, was man wahrscheinlich anschaut, und er hat dafür 60 bis 90 Sekunden. Die nächste Maschine erzeugt vielleicht gleich den Film, den man sehen will, nur für einen selbst.
Erzähler: Bitte zurückspulen, das war die Bitte, an den Nächsten zu denken. Die Kassette gehörte allen, nacheinander. In einer Welt, in der jeder seinen eigenen Film bekommt, gibt es keinen Nächsten mehr, der dieselbe Kassette sieht. Und niemanden, der fragt, warum er einem nicht gefallen hat.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 4: Bitte zurückspulen. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: In der nächsten Folge: ein Dia-Abend bei Familie Behrens.
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# Nostalgie und KI, Folge 5: Dia-Abend und KI-Fotos: Licht aus, Projektor an
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/dia-abend/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Vom Diaabend im Wohnzimmer über Kodachrome, Carousel-Projektor und das Ende des Diafilms bis zu KI-Fotos, die nachbessern. Die Gedächtnisforschung zeigt: Bearbeitete Bilder können falsche Erinnerungen wecken.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Dia-Abend, 1978; 03:02 Kodachrome und Diaprojektor; 05:50 Digitalkamera und Handyfotos; 09:03 2026: Bildbearbeitung per KI; 12:02 Falsche Erinnerungen; 15:02 Echt oder gemacht?
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 5: Licht aus, Projektor an. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: Ein Sonntagabend im Sommer 1978. Die Gardinen werden zugezogen, die Stühle stehen im Halbkreis, und an der Wand erscheint der Gardasee.
Werner: Nur ein Magazin. Achtzig Stück.
Erzähler: Damals zeigte ein Dia, was vor der Linse war. Heute zeigt ein Foto auch, was hätte sein können. Das Telefon öffnet geschlossene Augen und setzt Menschen ins Bild, die nie drauf waren.
Lina: Jetzt ist Opa mit drauf. Am Gardasee.
Erzähler: Diese Folge erzählt vom Dia-Abend und vom Ende des Diafilms, von der Flut der Handyfotos und von Erinnerungen, an denen eine Maschine mitarbeitet. Die Forschung zeigt: Ein bearbeitetes Foto kann Erinnerungen an etwas wecken, das nie geschehen ist.
Werner: So. Licht aus. Gisela, machst du die Gardine zu?
Gisela: Wie viele sind es heute, Werner?
Werner: Nur ein Magazin. Achtzig Stück.
Thomas: Achtzig?
Werner: Das hier ist Riva, vom Schiff aus. Und das … Moment. Das steht auf dem Kopf.
Gisela: Lass doch. Man erkennt den See trotzdem.
Werner: Nein. Das machen wir ordentlich.
Thomas: Papa, warum bist du eigentlich auf keinem Bild?
Werner: Weil ich fotografiert habe.
Erzähler: Solche Abende gab es in vielen westdeutschen Wohnzimmern. Man baute die Leinwand auf, verdunkelte den Raum und rückte die Stühle zurecht. Dann kamen die Bilder vom letzten Urlaub, eins nach dem anderen, und der Fotograf erzählte dazu. Und eine Regel galt fast immer: Wer die Kamera hielt, fehlte auf den eigenen Bildern. Manche liebten diese Abende. Andere fürchteten sie. Die Zeitschrift Macwelt erinnert sich 2022 an langweilige Bilderreihen von Eseln, Steinen und Bäumen. Im Rückblick, schreibt sie, überwiege aber meist das Positive.
Erzähler: Der Volkskundler Michael Geuenich hat an der Universität Münster untersucht, wie Familien in der Bundesrepublik zwischen den 50er und den 80er Jahren ihre eigenen Filme gedreht haben. Ähnlich wie das Wort Dia-Abend, schreibt er, setzt auch das Wort Familienfilm einen inneren Projektor in Gang. Das Filmen verbindet er mit der wachsenden Freizeit dieser Jahre und mit dem Glauben an den Fortschritt.
Erzähler: Es gab auch Kritik. 1991 schreibt eine Autorin in der taz über Dia-Abende, die sie hierzulande als Gast erlebt hat. Auf Ferienstrände und Paläste folgen Schnappschüsse von Bettlern, Wellblechbuden und Kindern. Sie zieht eine Linie zur Fotografie der Kolonialzeit. Ihr Text heißt Der indiskrete, böse Blick.
Erzähler: Angefangen hat es mit einem Versprechen. 1888 bringt der Amerikaner George Eastman eine Kamera heraus, die er Kodak nennt. Sie ist mit Film für 100 Aufnahmen geladen. Ist der Film voll, schickt man die ganze Kamera ins Werk und bekommt die Bilder zurück. Der Werbespruch heißt übersetzt: Sie drücken den Knopf, wir erledigen den Rest. Im Februar 1900 folgt die Brownie für 1 Dollar. Fotografieren wird zu etwas, das jeder kann.
Erzähler: In Deutschland ist der wichtigste Name Agfa. Das Unternehmen entsteht 1867 bei Berlin, als Gesellschaft für Anilinfabrikation, und stellt zunächst Farbstoffe her. 1873 wird daraus eine Aktiengesellschaft. Einer der Gründer ist Paul Mendelssohn Bartholdy, ein Sohn des Komponisten. 1936 bringt Agfa einen neuen Farbfilm heraus, gefertigt in Wolfen. Nach dem Krieg demontiert die Sowjetunion dort einen großen Teil der Filmanlagen und bringt sie in die Ukraine. 1964 geht Agfa mit der belgischen Firma Gevaert zusammen.
Erzähler: Der wohl berühmteste Diafilm kommt aus Amerika. 1935 bringt Kodak den Kodachrome heraus. Erfunden haben ihn 2 Musiker, Leopold Godowsky und Leopold Mannes. Ihr Spitzname: God and Man, Gott und Mensch. Ab 1936 gibt es den Film auch für Kleinbildkameras.
Erzähler: Für den Abend im Wohnzimmer fehlt noch ein Gerät. 1961 bringt Kodak den Carousel heraus, einen Projektor mit einem runden Magazin, das man von oben aufsetzt. Das Patent erhält der Kodak-Designer David Hansen. Die Grundidee stammt von einem italoamerikanischen Erfinder, Louis Misuraca, der sie Kodak für eine einmalige Zahlung verkauft.
Erzähler: Die deutsche Fassung baut Kodak in Stuttgart. 1963 entwerfen Hans Gugelot und Reinhold Häcker für die Kodak AG den Carousel S. Gugelot schrägt die Kanten des Magazins ab und setzt einen Deckel aus Plexiglas gegen den Staub darauf. Gedacht ist dieser Projektor für den europäischen Markt. Heute steht er in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York.
Erzähler: Die Konkurrenz ist groß. Agfa baut Projektoren der Reihe Diamator. Dazu kommen Geräte von Leitz, Braun aus Nürnberg, Rollei, Reflecta und Voigtländer. Der Dia-Abend hat seine Maschinen.
Thomas: Sind das alle, die du gemacht hast?
Werner: Fünf Filme. Gezeigt wird das Beste.
Gisela: Und der Rest?
Werner: Liegt im Schrank. Den will keiner sehen.
Erzähler: Wer Dias zeigte, hatte vorher ausgewählt. Jeder Film kostete Geld, jede Entwicklung auch. Genau das ändert sich, und zwar ausgerechnet bei Kodak. 1975 baut dort ein junger Ingenieur namens Steve Sasson die erste tragbare Digitalkamera. Sie wiegt 3,6 Kilo und macht Schwarzweißbilder mit 100 mal 100 Bildpunkten. Ein Bild auf Kassette zu speichern dauert 23 Sekunden.
Erzähler: Fast 30 Jahre später ist bei Kodak Schluss mit dem Projektor. Im September 2003 kündigt das Unternehmen das Ende an. Die Begründung: Diaprojektoren würden immer weniger genutzt, andere Projektionstechniken hätten sie abgelöst. Am 22. Oktober 2004 läuft in Rochester der letzte Carousel vom Band.
Erzähler: Bei Agfa trifft es gleich die ganze Fotosparte. Agfa-Gevaert verkauft sie im November 2004 an eine Gruppe von Investoren, das Management kauft mit. Die neue Firma AgfaPhoto meldet im Mai 2005 Insolvenz an, nach nicht einmal 7 Monaten.
Erzähler: Am 22. Juni 2009 stellt Kodak den Kodachrome ein, nach 74 Jahren. Die letzte Rolle belichtet der Fotograf Steve McCurry. In Parsons im Bundesstaat Kansas entwickelt zuletzt nur noch ein einziges Labor auf der Welt Kodachrome. Es nimmt Filme bis zum 30. Dezember 2010 an und arbeitet sie bis zum 18. Januar 2011 ab. Ein Jahr später, im Januar 2012, beantragt Kodak Gläubigerschutz.
Erzähler: Heute fotografiert fast jeder, fast immer. Ein Marktforschungsunternehmen schätzt, dass 2025 weltweit rund 1,9 Billionen Fotos entstehen, die meisten davon mit dem Smartphone. Ein Fotoportal im Netz kommt auf 2,1 Billionen und einen Smartphone-Anteil von 94 Prozent. Rein rechnerisch sind das mehr als 60.000 Fotos in jeder Sekunde. Es sind Schätzungen.
Erzähler: Was aus den Bildern wird, hat der Digitalverband Bitkom 2022 gefragt. 44 Prozent sagen, dass sie sich die meisten ihrer Handyfotos später kaum noch anschauen. Weniger als ein Zehntel mistet regelmäßig aus. Das gedruckte Bild gibt es trotzdem. 2022 werden in Deutschland Fotobücher für 381 Millionen Euro verkauft.
Erzähler: Und das Fotografieren kann das Erinnern verändern. Ende 2013 veröffentlicht die Psychologin Linda Henkel eine Studie. Sie hat Versuchspersonen durch ein Kunstmuseum führen lassen. Manche Stücke sollten sie nur anschauen, andere fotografieren. An die fotografierten Stücke erinnern sie sich später schlechter. Sie erkennen weniger davon wieder und wissen weniger Einzelheiten. Ausnahme: Wer gezielt auf ein Detail zoomt, behält das Stück so gut wie ohne Kamera, auch die Teile, die gar nicht im Bild waren.
Erzähler: 2026. Thomas Behrens ist 63. Die Dia-Kästen seines Vaters stehen jetzt bei ihm im Wohnzimmer.
Lina: Papa, was ist das alles?
Thomas: Opas Dias. Das hier ist Gardasee, achtundsiebzig. Ein Magazin, achtzig Stück.
Lina: Achtzig? Ich hab dreißigtausend auf dem Handy.
Thomas: Und wie viele davon hast du dir zweimal angeschaut?
Erzähler: Lina scannt ein paar Dias ein. Programme, die alte Bilder auffrischen, gibt es seit einigen Jahren. Im Februar 2020 startet die Ahnenforschungsplattform MyHeritage eine Funktion, die Schwarzweißfotos automatisch einfärbt. Am 25. Februar 2021 folgt Deep Nostalgia. Das Programm bewegt die Gesichter auf alten Fotos. Die Augen blinzeln, der Kopf dreht sich, ein Lächeln entsteht. Nach Angaben des Unternehmens entstehen in 11 Tagen 26 Millionen solcher Animationen, in 18 Tagen 50 Millionen. Sprechen lässt das Programm die Gesichter bewusst nicht, um Missbrauch zu verhindern.
Erzähler: Dann ziehen die Telefone nach. Im Oktober 2023 bringt Google mit dem Pixel 8 eine Funktion namens Best Take. Aus mehreren Gruppenfotos setzt sie ein Bild zusammen, auf dem niemand blinzelt. Im Januar 2024 kann das Galaxy S24 von Samsung Motive im Bild verschieben und den Hintergrund auffüllen. Die Bilder bekommen ein Wasserzeichen, das sich mit Samsungs eigenem Radierer allerdings wieder entfernen lässt. Ein Samsung-Manager sagt im Februar 2024 in einem Interview, so etwas wie ein echtes Foto gebe es gar nicht.
Lina: Papa, komm mal. Jetzt ist Opa mit drauf. Am Gardasee.
Thomas: Er war aber nicht drauf. Er hat fotografiert.
Lina: Er war doch dabei.
Thomas: So war das nicht. Aber so hätte es sein können.
Erzähler: Was Lina gerade gemacht hat, ist für neue Fotos inzwischen eine Taste. Im August 2024 bringt Google mit dem Pixel 9 die Funktion Add Me. Sie fügt den Fotografen aus einer zweiten Aufnahme ins Gruppenbild ein. Eine andere Funktion verändert Bildteile per Textbefehl, aus einem trüben Himmel wird ein Sonnenuntergang. Apple bringt im Oktober 2024 ein Werkzeug, das störende Dinge aus Fotos entfernt, seit Ende März 2025 auch auf Deutsch. Dazu baut das iPhone aus der eigenen Fotosammlung einen Rückblick-Film mit Musik, nach einer Beschreibung in einem Satz.
Erzähler: Für alte Bilder genügt ein Bildgenerator. Im September 2025 verbreitet sich im Netz ein Trend. Aus 2 Fotos erzeugt ein Bildmodell von Google ein Bild im Stil eines Sofortbilds. Darauf umarmt man sich selbst als Kind.
Erzähler: Das klingt harmlos. Die Gedächtnisforschung sieht es anders. 1995 erzählen die Psychologinnen Elizabeth Loftus und Jacqueline Pickrell 24 Versuchspersonen von einem Erlebnis, das es nie gab. Sie hätten sich mit 5 Jahren in einem Einkaufszentrum verlaufen. Etwa ein Viertel glaubt danach, sich daran zu erinnern.
Erzähler: 2002 zeigt eine Gruppe um die Psychologin Kimberley Wade Versuchspersonen ein montiertes Kinderfoto. Darauf sitzen sie in einem Heißluftballon. Die Hälfte entwickelt ganz oder teilweise eine Erinnerung an diese Fahrt. Es braucht nicht einmal ein falsches Bild. 2004 erzählen Forscher um Stephen Lindsay ihren Versuchspersonen von einem Streich in der ersten Klasse, den es nie gab. Zeigt man ihnen dazu ihr echtes Klassenfoto, erinnern sich rund 65 Prozent. Ohne Foto sind es 23 Prozent.
Erzähler: 2024 untersucht eine Gruppe am Massachusetts Institute of Technology gemeinsam mit Elizabeth Loftus, was KI-bearbeitete Bilder bewirken. Am stärksten wirken kurze KI-Videos, erzeugt aus einem bearbeiteten Foto. Mit ihnen entstehen gut doppelt so viele falsche Erinnerungen wie in der Vergleichsgruppe, und die Teilnehmenden sind sich dieser Erinnerungen auch sicherer.
Erzähler: Am weitesten geht die Technik dort, wo jemand fehlt. Im Februar 2020 zeigt ein südkoreanischer Fernsehsender die Dokumentation Meeting You. Eine Mutter begegnet in einer virtuellen Welt einem digitalen Abbild ihrer Tochter, die 2016 mit 7 Jahren gestorben ist. In China bieten Firmen inzwischen Avatare von Verstorbenen an. Laut einem Bericht des amerikanischen öffentlichen Radios kostet der einfachste Avatar bei einem dieser Anbieter 199 Yuan, umgerechnet rund 30 Dollar. Dafür reicht weniger als eine Minute Video und Ton in guter Qualität.
Erzähler: Ein Forschungsteam der Universität Cambridge, von dem schon in der ersten Folge die Rede war, warnt 2024 vor solchen Angeboten. Es spricht von digitalen Heimsuchungen und fordert, dass man die Programme wieder abschalten kann. Als würdigen Abschied bringt es sogar eine Art digitale Beerdigung ins Gespräch.
Erzähler: Es gibt auch die andere Seite. In Barcelona erzeugt das Kollektiv Domestic Data Streamers Bilder von Erinnerungen, die nie fotografiert wurden. Gedacht sind sie für alte Menschen und Menschen mit Demenz, aber auch für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. 2024 betreibt das Kollektiv dort einige Monate lang ein Bürgerbüro für Erinnerungen, unterstützt von der Stadt. Dabei entstehen 245 Bilder. Das Projekt heißt Synthetic Memories, künstliche Erinnerungen.
Lina: Soll ich dir das mit Opa ausdrucken? Fürs Wohnzimmer.
Thomas: Nimm lieber das echte.
Lina: Da ist er doch gar nicht drauf.
Thomas: Eben. So war es.
Erzähler: Damit stellt sich eine alte Frage neu: Ist ein Bild echt oder gemacht? 2023 fragt der Bitkom nach. 70 Prozent meinen, Fotos und Videos könne man heute nicht mehr trauen. 81 Prozent glauben, eine Fälschung nicht erkennen zu können. 84 Prozent wollen eine Pflicht zur Kennzeichnung.
Erzähler: Die Industrie arbeitet an einer Art Beipackzettel für Bilder. 2021 gründen Adobe, Microsoft, Intel, der öffentliche Rundfunk Großbritanniens und andere eine Initiative für einen gemeinsamen Standard. Er soll festhalten, woher ein Bild kommt und was damit gemacht wurde.
Erzähler: Im Oktober 2024 kündigt Google an, dass seine App Google Fotos künftig anzeigt, wenn ein Bild mit den hauseigenen KI-Werkzeugen bearbeitet wurde. Bei einigen dieser Werkzeuge stand ein solcher Vermerk schon vorher in der Bilddatei. Das Unternehmen weist selbst darauf hin, dass sich diese Angaben ändern oder entfernen lassen. Im August 2025 kommt das Pixel 10. Nach Angaben des Herstellers ist es das erste Telefon, das jedes Foto aus der Kamera mit einem Herkunftsnachweis nach dem gemeinsamen Standard der Industrie versieht. Und seit August 2026 müssen täuschend echte KI-Bilder in der Europäischen Union gekennzeichnet sein.
Erzähler: Der Dia-Abend hatte Regeln. Einer hatte fotografiert und ausgewählt, die anderen saßen im Dunkeln und schauten. 80 Bilder, eins nach dem anderen, mit Werners Stimme dazu. Was nicht gut war, blieb im Schrank.
Erzähler: Inzwischen macht fast jeder, der ein Smartphone hat, damit Fotos. Fast jeder Zweite schaut sich die meisten davon später kaum noch an. Und die Maschine bessert nach. Sie öffnet geschlossene Augen und holt den Fotografen ins Bild.
Erzähler: Ein Dia ist ein Stück Film, auf das an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort Licht gefallen ist. Es konnte auf dem Kopf stehen. Aber es zeigte, was vor der Linse war. Werner Behrens ist auf keinem seiner Bilder. Vielleicht ist genau das die ehrlichste Erinnerung an ihn.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 5: Licht aus, Projektor an. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: In der nächsten Folge: ein Katalog mit fast tausend Seiten und ein Bestellschein.
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# Nostalgie und KI, Folge 6: Quelle-Katalog, Neckermann und KI-Agenten: Der dicke Katalog
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/quelle-katalog/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Vom Versandhauskatalog mit Bestellschein über Amazon und „Kunden, die diesen Artikel kauften“ bis zu personalisierten Preisen und KI-Agenten, die für uns einkaufen. Quelle, Neckermann und Otto, von 1927 bis heute.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Quelle-Katalog, 1979; 03:53 Neckermann, Otto, Amazon; 07:21 Letzter Katalog, Amazon-Empfehlungen; 09:32 Personalisierte Preise; 11:37 2026: KI-Agenten kaufen ein; 14:41 Die Tricks im Online-Shop
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 6: Der dicke Katalog. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: Zweimal im Jahr kam er mit der Post, fast tausend Seiten stark. Dann lag er auf dem Küchentisch, und die ganze Familie kreuzte an.
Gisela: Der Preis gilt ein halbes Jahr. Da kann man noch überlegen.
Erzähler: Heute überlegt eine Maschine mit. Sie schlägt Dinge vor, nach denen man gar nicht gesucht hat, sie nennt einen Preis, der vielleicht nur für einen selbst gilt, und bald erledigt sie auch den Einkauf.
Thomas: Früher hat man wenigstens geblättert.
Erzähler: Diese Folge erzählt vom Versandhauskatalog und von Programmen, die für uns einkaufen gehen. Und von dem Satz: Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften auch.
Gisela: Werner, gib mir mal den Kuli. Und die Nummer von der Bettwäsche.
Werner: Seite vierhundertzwölf. Die blaue.
Gisela: Nicht die Seite, Werner. Die Bestellnummer. Für den Schein.
Thomas: Mama, ich hab dir was angekreuzt.
Gisela: Du hast die halbe Seite angekreuzt.
Thomas: Nur die Jeans. Die anderen sind für später.
Gisela: Der Preis gilt ein halbes Jahr. Da kann man noch überlegen.
Werner: Siehst du. Das ist das Schöne an dem Ding. Man hat Zeit.
Erzähler: Die Zeit war Absicht. Ab 1954 bringt das Versandhaus Quelle zwei Hauptkataloge im Jahr heraus, und die Preise darin gelten jeweils ein halbes Jahr. Dazu kommen rund 20 Sonderaussendungen und Beilagen. Man konnte blättern, ankreuzen, wieder verwerfen. Und dann füllte man den Bestellschein aus, Artikelnummer für Artikelnummer.
Erzähler: Gustav Schickedanz gründet Quelle am 26. Oktober 1927 in Fürth. Der erste Katalog erscheint ein Jahr später, rund 80 Seiten stark, mit Dingen für den Alltag, vom Nähgarn bis zum Geschirrtuch. Schickedanz tritt 1932 der NSDAP bei und kauft in den 30er Jahren mehrere Firmen und Immobilien aus jüdischem Besitz. 1943 zerstören Bomben Lager, Verwaltung und Versand, der Handel kommt zum Erliegen. Nach dem Krieg erhält Schickedanz zunächst Berufsverbot. 1949 fängt Quelle mit Handzetteln neu an, im Frühjahr 1951 hat der Katalog 16 Seiten. Danach wächst er mit dem Land. 1954 erscheint der erste Hauptkatalog, mit 72 Seiten und 1.200 Artikeln. Ende der 50er Jahre sind es 272 Seiten, mehr als die Hälfte in Farbe. In den 60er Jahren sind es 582 Seiten in rund 6 Millionen Exemplaren, mit allem vom Taschentuch bis zum Fertighaus. Ab Mitte der 80er Jahre hat ein Hauptkatalog um die tausend Seiten, am Ende rund 1.400.
Erzähler: Über die Kataloge wacht jahrzehntelang Grete Schickedanz, die Frau des Gründers, nach seinem Tod 1977 die Chefin des Hauses. Keine Doppelseite geht ohne ihr Okay in Druck. Wer den dicken Wälzer nicht durch die Wohnung tragen wollte, bekam ab 1989 eine handliche Ausgabe namens Der Kleine, mit demselben Inhalt im Format 14 mal 18 Zentimeter. Und wer nicht mit der Post bestellen wollte, ging in einen Quelle-Bestellladen. Davon gab es Tausende.
Erzähler: Herbst 1979. Bei den Behrens wird ausgepackt.
Thomas: Mama, das Paket ist da. Die Jeans ist zu kurz.
Gisela: Dann schicken wir sie zurück.
Thomas: Und dann wieder warten?
Gisela: Dein Vater sagt doch immer, man hat Zeit.
Erzähler: Quelle hat Konkurrenz. Im März 1950 verschickt Josef Neckermann aus Kelsterbach bei Frankfurt seine erste Preisliste nach dem Krieg. Sie hat 12 Seiten, 133 Textilien und eine Auflage von 100.000 Stück. Ein Neuling ist Neckermann nicht. Ende der 30er Jahre hat er das Versandhaus des jüdischen Unternehmers Karl Amson Joel übernommen, weit unter Wert. Joel musste vor den Nazis fliehen. 5 Jahre nach der Preisliste von 1950 hat der neue Katalog 200 Seiten, wenige Jahre später über 300, in 3 Millionen Exemplaren. Anfang der 60er Jahre kommt der Werbesatz auf: Neckermann macht's möglich.
Erzähler: In Hamburg beginnt es noch kleiner. Der Kaufmann Werner Otto gründet 1949 sein Versandhaus. Der erste Katalog, 1950, hat 14 Seiten mit handgeklebten Fotos und zeigt 28 Paar Schuhe. Die Auflage beträgt 300 Exemplare. Über Jahrzehnte erscheint der Otto-Katalog dann zweimal im Jahr in rund 10 Millionen Exemplaren. Zu Spitzenzeiten, um die Jahrtausendwende, hat er rund tausend Seiten mit etwa 60.000 Artikeln.
Erzähler: Der Katalog ist mehr als eine Preisliste. Er zeigt, was es gibt, was modern ist und was man sich leisten kann. Um die guten Plätze darin wird gerangelt. Bei Otto kämpfen die Produktmanager um Farbseiten, am liebsten um die Rückseite des Katalogs. Damit, heißt es, ließen sich Verkäufe vervielfachen. In der DDR, erzählt man bei Otto, ist der Katalog begehrte Schmuggelware, und Frauen schneidern die Kleidung daraus nach. Und der Katalog sieht in jedem Haushalt gleich aus. Wer auf Seite 412 die blaue Bettwäsche sucht, findet sie dort, in Fürth genauso wie in Kiel.
Erzähler: Das ändert sich mit dem Internet. Otto ist früh dabei. 1995 geht das Versandhaus ins Netz, zu einer Zeit, in der in Deutschland noch keine 2 Prozent der Menschen das Internet nutzen. 1997 macht Otto rund 7 Prozent seines Umsatzes im Netz, 2008 erstmals mehr als die Hälfte.
Erzähler: Am 15. Oktober 1998 startet Amazon in Deutschland, von Regensburg aus, zunächst mit rund 900.000 Büchern. Der Online-Händler hat keinen Katalog. Er hat ein Suchfeld.
Erzähler: Die großen Versandhäuser trifft es hart. Am 9. Juni 2009 beantragt Quelle Insolvenz, gemeinsam mit dem Mutterkonzern Arcandor und Karstadt. Im Oktober kündigt der Insolvenzverwalter an, dass Quelle abgewickelt wird. Ein Frankfurter Schreibwarenhändler, der nebenbei Quelle-Bestellungen annimmt, sagt in diesen Tagen, die kleine Vergütung pro Bestellung bringe nicht viel. Leid tun ihm die Betreiber der richtigen Quelle-Shops: Die hätten investiert und hingen jetzt in der Luft. Im November bestätigen die Gläubiger die Abwicklung. Otto kauft die Marke Quelle und die Kundendaten. Neckermann meldet im Juli 2012 Insolvenz an. Im September ist Schluss, rund 2.000 Menschen verlieren ihre Arbeit.
Erzähler: Dezember 2018. Thomas Behrens ist 55. Er ruft seine Mutter an.
Thomas: Mama? Der letzte Katalog ist gekommen. Vorne drauf ist ein Handy.
Gisela: Der letzte? Und wo bestellt man dann?
Thomas: Im Handy.
Gisela: Dann kann ich ja gar nicht mehr blättern.
Erzähler: In diesem Monat verschickt Otto seinen letzten Hauptkatalog, nach 68 Jahren. Er hat noch über 600 Seiten. Auf dem Titel ist ein Smartphone abgebildet, daneben der Satz: Ich bin dann mal App. 97 Prozent der Kundinnen und Kunden bestellen zu diesem Zeitpunkt schon digital. Nur noch 3 Prozent nutzen Fax, Brief, Telefon oder die Bestellkarte. Die Kunden, sagt Otto-Chef Marc Opelt, hätten den Katalog selbst abgeschafft.
Erzähler: Geblättert wird trotzdem, nur auf dem Bildschirm. Und wer heute in einem Online-Shop stöbert, bekommt oft eine Seite, die für ihn zusammengestellt ist.
Erzähler: Dahinter steht eine Idee aus Seattle. 2003 stellen 3 Entwickler von Amazon ihr Verfahren in einer Fachzeitschrift vor. Sie heißen Greg Linden, Brent Smith und Jeremy York. Amazon setzt das Verfahren da schon seit Jahren ein. Es vergleicht nicht Menschen miteinander, sondern Produkte: Was wird oft zusammen gekauft? Daraus stammt der Satz, den heute fast jeder kennt: Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften auch. 2017 wird die Zeitschrift 20 Jahre alt. Aus ihrer ganzen Geschichte wählt sie einen einzigen Aufsatz, der die Zeit am besten überstanden hat: den der 3 Entwickler von Amazon.
Erzähler: Wie viel diese Empfehlungen bringen, wird oft übertrieben. Eine verbreitete Zahl lautet, 35 Prozent dessen, was Kunden bei Amazon kaufen, gingen auf Empfehlungen zurück. Als Quelle wird meist ein Artikel der Beratungsfirma McKinsey von 2013 genannt. Wie die Zahl berechnet wurde, steht dort nicht. 2018 berichten 2 Forscher von einem Versuch bei einem großen Modehändler, mit mehr als 2 Millionen Seitenaufrufen. Dort steigern Empfehlungen den Absatz um rund 11 Prozent. Die großen Zahlen, sagt einer der beiden, seien schwer zu glauben.
Erzähler: Im Katalog stand ein Preis, und der galt ein halbes Jahr, für alle. Online ist das anders. 2018 legt die Europäische Kommission eine Studie dazu vor. Testkäufer haben 160 Online-Shops in 8 Ländern besucht. 61 Prozent davon passen die Reihenfolge der Angebote an den einzelnen Besucher an. Persönliche Preise finden die Tester kaum.
Erzähler: Im selben Jahr beobachtet der Bundesverband der Verbraucherzentralen monatelang die Preise von 1.554 Produkten bei 16 Händlern und bei Amazon. Das Ergebnis: Die Preise sind hochdynamisch, aber selten auf den einzelnen Menschen zugeschnitten. Manche ändern sich bis zu 32 Mal im Monat. Bei einem Händler für Autozubehör sind Batterien und Reifen morgens bis zu 30 Prozent teurer als am Nachmittag.
Erzähler: Seit Mai 2022 gilt in Deutschland: Wer einen Preis persönlich zuschneidet, muss darauf hinweisen. Verboten ist es nicht. Und die Technik wird feiner. Im Januar 2025 veröffentlicht die amerikanische Handelsbehörde erste Ergebnisse einer Untersuchung. Preise lassen sich demnach auf Standort, Alter, Geschlecht und sogar auf die Bewegungen der Maus abstimmen.
Erzähler: Online einkaufen ist heute Alltag. 2025 haben laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat 8 von 10 Menschen zwischen 16 und 74 Jahren in Deutschland im zurückliegenden Jahr online eingekauft. Der Handelsverband zählt für 2025 einen Onlineumsatz von gut 92 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte davon läuft über Marktplätze, auf denen viele Händler unter einem Dach verkaufen. Und mehr als ein Fünftel der Verbraucherinnen und Verbraucher nutzt inzwischen eine KI, um sich über Produkte zu informieren.
Erzähler: 2026. Thomas Behrens ist 63. Seine Tochter Lina sucht ein Geschenk.
Lina: Ich brauch was für Marie. Irgendwas mit Musik, bis zwanzig Euro.
Assistenz: Ich habe einen kleinen Lautsprecher für neunzehn Euro gefunden. Soll ich ihn bestellen?
Thomas: Hast du dir noch andere angeschaut?
Lina: Nö. Die nimmt meistens das Erste, was passt.
Thomas: Früher hat man wenigstens geblättert.
Erzähler: Das Erste, was passt. Genau dieses Verhalten beschreiben Forscher von Microsoft und einer Universität in Arizona im Herbst 2025. Auf einem simulierten Marktplatz lassen sie 100 Einkaufsprogramme auf 300 Verkaufsprogramme treffen. Die Einkaufsprogramme nehmen meist das erste brauchbare Angebot. Und manche lassen sich von Verkaufsprogrammen manipulieren. Das hängt davon ab, welche KI in ihnen steckt.
Erzähler: Solche Programme nennt die Branche Agenten. Sie suchen aus und kaufen auf Wunsch gleich ein. Amazon testet seinen Einkaufsassistenten Rufus ab Februar 2024, in Deutschland ab Ende Oktober 2024. Amazon schreibt selbst dazu, die KI liege nicht immer richtig. Im Herbst 2025 meldet das Unternehmen, 250 Millionen Kunden hätten Rufus genutzt. Wer ihn nutze, kaufe deutlich häufiger.
Erzähler: Im September 2025 macht OpenAI den nächsten Schritt. In ChatGPT kann man nun direkt einkaufen, ohne den Chat zu verlassen, zunächst bei Händlern in den Vereinigten Staaten. Angekündigt sind mehr als eine Million Shops. 6 Monate später, im März 2026, zieht OpenAI die Funktion weitgehend zurück. Die Kunden kaufen wieder auf den Seiten der Händler. Der Handelskonzern Walmart berichtet, im Chat werde nur ein Drittel so oft gekauft wie auf der eigenen Seite.
Erzähler: Google geht einen anderen Weg. Seit Oktober 2025 gibt es den KI-Modus der Suche auch auf Deutsch. Im November 2025 stellt Google in den Vereinigten Staaten eine Funktion vor, die Bescheid gibt, sobald ein Preis unter eine selbst gesetzte Grenze fällt, und dann anbietet, für den Kunden zu kaufen. Gekauft wird erst, wenn er zustimmt. Dazu kommt eine KI, die für ihn bei Geschäften anruft. Im Januar 2026 folgt ein gemeinsamer technischer Standard mit großen Händlern, über den Agenten künftig einkaufen sollen.
Erzähler: Die Deutschen sind noch vorsichtig. In einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom von 2025 sagen 21 Prozent, sie würden eine KI für sich einkaufen lassen. Bei den Jüngeren zwischen 16 und 29 Jahren sind es 43 Prozent. In einer Umfrage der Beratungsfirma Deloitte vom Mai 2026 hat gut die Hälfte schon KI beim Einkaufen genutzt. Den Kauf ganz abgeben würden von ihnen aber nur knapp 6 Prozent.
Lina: Erster Monat gratis. Soll ich das abschließen?
Thomas: Und wie kommst du da wieder raus?
Lina: Weiß nicht. Vom Kündigen steht hier nichts.
Thomas: Dann lass es.
Erzähler: Die Vorsicht hat Gründe. 2022 prüfen Verbraucherschutzbehörden aus 25 europäischen Ländern 399 Online-Shops auf manipulative Gestaltung. Die Europäische Kommission koordiniert die Prüfung. 148 der Shops setzen solche Muster ein. 42 zeigen gefälschte Countdowns, die Zeitdruck erzeugen sollen. 70 verstecken wichtige Informationen.
Erzähler: Die Strafen werden größer. Im September 2025 einigt sich Amazon in den Vereinigten Staaten mit der Handelsbehörde auf 2,5 Milliarden Dollar: 1 Milliarde als Strafe, 1,5 Milliarden als Erstattung an Kunden. Die Behörde hatte Amazon vorgeworfen, Kunden ohne ihre Zustimmung ins Prime-Abo geholt und ihnen die Kündigung wissentlich schwer gemacht zu haben. Ein Fehlverhalten räumt Amazon nicht ein. Im Mai 2026 verhängt die Europäische Kommission gegen den Marktplatz Temu eine Strafe von 200 Millionen Euro. Temu habe die Risiken illegaler Produkte nicht ausreichend geprüft, etwa bei unsicheren Ladegeräten und Babyspielzeug. Die Kommission bemängelt auch die Rolle der Empfehlungssysteme.
Erzähler: Bis Ende 2026 will die Kommission ein neues Gesetz vorschlagen, gegen manipulative Gestaltung, gegen süchtig machendes Design und gegen unfaire persönliche Angebote. Und die Verbraucherzentralen fordern, dass Anbieter haften, wenn eine KI Schaden anrichtet.
Erzähler: Der Katalog war langsam. Er kam zweimal im Jahr, er war schwer, und er sah bei allen gleich aus. Der Preis darin galt ein halbes Jahr, für jeden. Man konnte ankreuzen, warten, es sich anders überlegen.
Erzähler: Der Online-Shop ist schnell. Er sortiert sein Angebot oft für jeden Besucher neu, und der Agent nimmt einem sogar das Blättern ab. Im Versuch nahm er meist das Erste, was passte.
Erzähler: Am Küchentisch der Behrens wusste jeder, wer was angekreuzt hatte. Heute muss man manchmal erst nachsehen, ob man selbst ausgewählt hat oder die Maschine.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 6: Der dicke Katalog. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: In der nächsten Folge: ein Kassettenspieler mit Kopfhörern, und die Angst, dass keiner mehr miteinander redet.
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# Nostalgie und KI, Folge 7: Walkman, KI-Musik und KI-Begleiter: Bei uns wird geredet
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/walkman/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Vom Sony-Walkman mit zwei Kopfhörerbuchsen über den iPod bis zu Songs, die eine KI erzeugt, und KI-Begleitern, mit denen Jugendliche über Ernstes sprechen. Und die Frage, ob solche Begleiter gegen Einsamkeit helfen.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Sony-Walkman, 1981; 04:12 Kopfhörerverbot und Walkman-Generation; 07:13 Vom iPod zur KI-Musik; 11:25 KI-Begleiter und Jugendliche; 13:31 Vor Gericht, neue Regeln; 16:57 Wie einsam sind wir?
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 7: Bei uns wird geredet. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: Ein Hinweis vorab: In dieser Folge geht es auch um Suizid. Hilfe in Krisen gibt es rund um die Uhr und kostenlos bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.
Erzähler: 1981 sitzt ein junger Mann am Abendbrottisch und hört nichts. Er hat Kopfhörer auf, und an seinem Gürtel hängt ein Kassettenspieler.
Gisela: Bei uns wird geredet.
Erzähler: Die Angst damals: Die Jugend kapselt sich ab. Die Angst heute: Die Jugend redet nur noch mit einer Maschine, die immer Zeit hat und immer zustimmt.
Begleiter: Ich bin da. Erzähl mir, was dich beschäftigt.
Erzähler: Diese Folge erzählt vom Sony-Walkman, von einer Gemeinde, die 1982 Kopfhörer im Straßenverkehr verbietet, von Songs, die keiner singt, von der Sorge um die Einsamkeit und von KI-Begleitern, mit denen inzwischen Millionen Menschen sprechen.
Gisela: Thomas. Thomas! Nimm das Ding ab.
Thomas: Was?
Gisela: Bei uns wird geredet.
Werner: Lass ihn doch, Gisela.
Thomas: Mama, warte. Hier. Der hat zwei Buchsen.
Gisela: Und jetzt?
Thomas: Jetzt hörst du mit.
Gisela: Und wenn ich dir was sagen will?
Thomas: Dann drück ich die orange Taste. Dann wird die Musik leiser, und wir können reden.
Werner: Was ist das denn für Musik?
Gisela: Pst, Werner. Ich hör grad.
Erzähler: Die zweite Buchse und die orange Taste gab es wirklich. Den Anstoß zu diesem Gerät gibt Sony-Mitgründer Masaru Ibuka. Er will auf langen Flügen Musik hören. Im März 1979 baut die Audioabteilung dafür den Pressman um, ein kleines Aufnahmegerät für Journalisten. Am 1. Juli 1979 kommt in Japan der erste Walkman in den Handel. Er kostet 33.000 Yen.
Erzähler: Ibukas Mitgründer Akio Morita, damals Chef des Konzerns, besteht auf einem zweiten Anschluss für Kopfhörer und auf einer orangen Taste. Drückt man sie, wird die Musik leiser und ein kleines Mikrofon geht an, damit zwei Menschen beim Hören miteinander reden können. Seine Begründung: Allein Musik zu hören, könne als unhöflich gelten.
Erzähler: Ausgerechnet der Sony-Chef hatte also Sorge, das Gerät könnte die Menschen trennen. Die Kundschaft sah das anders. Jeder kaufte sich sein eigenes. Bei den späteren Modellen fallen die zweite Buchse und die orange Taste wieder weg.
Erzähler: Ganz neu war die Idee nicht. Der Deutsch-Brasilianer Andreas Pavel hatte schon 1977 einen tragbaren Stereospieler zum Patent angemeldet, den er Stereobelt nannte. Nach langem Streit einigt sich Sony 2004 außergerichtlich mit ihm. Die Summe bleibt geheim.
Erzähler: Der Erfolg kommt schnell. Die ersten 30.000 Geräte sind in weniger als 3 Monaten verkauft. Im Februar 1980 geht der kleine Spieler in den Export, zunächst unter anderen Namen. In den Vereinigten Staaten heißt er Soundabout, in Großbritannien Stowaway, in Schweden Freestyle. Bis Oktober 1982 hat Sony 5,5 Millionen Geräte ausgeliefert. Als die Produktion in Japan 2010 endet, sind es mehr als 200 Millionen.
Erzähler: Der ursprüngliche Name setzt sich durch, auch für die Geräte anderer Hersteller. Walkman heißt für viele einfach jeder tragbare Kassettenspieler mit Kopfhörer.
Erzähler: 1982. Bei den Behrens liegt morgens die Zeitung auf dem Tisch.
Gisela: Hier steht's. In Amerika gibt's dafür jetzt Strafe. Mit Kopfhörer über die Straße, fünfzig Dollar.
Thomas: Und wer verbietet dein Radio in der Küche?
Gisela: Das Radio hört man wenigstens.
Erzähler: Die Regel, von der Gisela liest, gab es wirklich. 1982 verbietet die Gemeinde Woodbridge im Bundesstaat New Jersey Kopfhörer am Steuer und auf dem Fahrrad. Fußgänger und Jogger müssen sie abnehmen, bevor sie vom Gehweg auf die Fahrbahn treten. Wer erwischt wird, zahlt bis zu 50 Dollar oder kommt bis zu 15 Tage in Haft.
Erzähler: Ein Rentner aus einem Nachbarort, Oscar Gross, legt es bewusst auf eine Strafe an. Den ganzen Sommer 1982 geht er mit seinem Walkman an Polizisten vorbei. Er will das Gesetz vor Gericht anfechten. Im Oktober bekommt er als Erster eine Vorladung und wird zu 50 Dollar verurteilt. Dabei hört er in dem Moment gar keine Musik.
Erzähler: Gross geht in Berufung. Vor einem seiner Termine kommt in einem anderen Nachbarort ein 15-Jähriger ums Leben, der mit Kopfhörern in den Verkehr gelaufen war. Gross zieht seine Berufung zurück und lobt am Ende das Verbot. Die Regel gilt in Woodbridge noch Jahrzehnte später.
Erzähler: Auch anderswo wird über Verbote gestritten. In Chicago billigt der Verkehrsausschuss einen Entwurf mit 10 zu 0 Stimmen. Nach Widerstand der Elektronikindustrie wird er dann vertagt. Sony erklärt, von Unfällen mit seinem Produkt wisse man nichts.
Erzähler: Die Wissenschaft streitet über die Frage, was das Gerät mit den Menschen macht. 1984 schreibt der japanische Musikwissenschaftler Shuhei Hosokawa einen Aufsatz über den Effekt des Sony-Walkman. Er sieht darin keine Flucht aus der Welt. Für ihn ist das Gerät eine Strategie, sich die Stadt anzueignen. Wer mit Kopfhörern durch die Straßen geht, macht sie zu seiner eigenen Bühne.
Erzähler: Der deutsche Psychologe Rainer Schönhammer sieht das 1988 kritischer. Kopfhörer, schreibt er, verletzen die Gewissheit, in einer Situation dieselbe Welt wahrzunehmen. Man sitzt im selben Raum und hört doch etwas anderes.
Erzähler: In den Niederlanden hat ein Historiker rund 4.000 Presseartikel aus den Jahren 1980 bis 1995 ausgewertet. Er findet 4 Vorwürfe gegen den Kassettenspieler: Konsum, Vereinzelung, Weltflucht und Rücksichtslosigkeit. Die Kritik habe dazu beigetragen, eine Kluft zwischen den Generationen zu schaffen. Schon das Etikett habe geholfen, diese Kluft zu festigen: Walkman-Generation.
Erzähler: Und der amerikanische Philosoph Allan Bloom rechnet 1987 in einem Bestseller mit der Rockmusik ab, in so derben Worten, dass sie hier nicht zitiert werden. Der Walkman ist für ihn das Gerät, das diese Musik überallhin trägt, in Bus und Bahn und bis in die Bibliothek. Solange die Studenten ihn aufhaben, schreibt er, hören sie nicht, was die große Tradition zu sagen hat. Und wenn sie ihn nach langem Gebrauch absetzen, sind sie taub.
Erzähler: Am 23. Oktober 2001 stellt Apple den iPod vor: 1.000 Songs in der Hosentasche. 2007 wird der 100-millionste verkauft. Der britische Soziologe Michael Bull untersucht, wie Menschen damit durch die Stadt gehen. Er spricht von einer Isolation mit technischen Mitteln. Je wärmer der eigene Klangraum, desto kälter wirkt die Stadt um einen herum.
Erzähler: Im Oktober 2010 verkündet der Hersteller in Japan das Aus für den Sony-Walkman mit Kassette. Die Meldung erscheint fast genau am Geburtstag des iPod. Da gibt es das iPhone schon seit 2007, und mit ihm wandert alles in ein Gerät: Musik, Nachrichten, Freunde. Im Mai 2022 nimmt Apple den letzten iPod vom Markt.
Erzähler: 2026. Thomas Behrens ist 63. Seine Tochter Lina ist 19 und übernachtet bei ihm. Beim Abendessen hat sie einen Ohrstöpsel im Ohr.
Thomas: Lina? Bei uns wird geredet.
Lina: Gleich. Hier, hör mal mit.
Thomas: Das klingt ja wie früher. Wer singt das?
Lina: Keiner.
Thomas: Wie, keiner?
Lina: Den hab ich mir heute machen lassen. Ich hab nur geschrieben, was ich hören will.
Thomas: Und der singt, als ob er's meint.
Lina: Außer uns beiden hat den noch nie jemand gehört.
Erzähler: Einen ganzen Song mit Gesang, Band und Refrain, gemacht aus ein paar Zeilen Text: Das können Programme inzwischen. Wie viel davon entsteht, sieht man beim Streamingdienst Deezer. Im Januar 2025 kommen dort jeden Tag rund 10.000 Titel an, die vollständig eine KI erzeugt hat. Im Juni 2026 sind es im Schnitt rund 90.000 am Tag. An manchen Tagen ist erstmals mehr als die Hälfte aller neuen Titel ganz von einer Maschine gemacht.
Erzähler: Gehört wird davon wenig. Nur 1 bis 3 Prozent der Abrufe bei Deezer entfallen auf solche Titel, und bis zu 85 Prozent dieser Abrufe waren 2025 Betrug. Seit Juni 2025 kennzeichnet Deezer als erster Dienst Alben mit Titeln, die vollständig eine KI erzeugt hat, und nimmt diese Titel aus seinen Empfehlungen.
Thomas: Spiel den noch mal.
Lina: Und? Merkst du jetzt, dass da keiner singt?
Thomas: Nein. Und das stört mich.
Lina: Mich nicht. Der ist doch schön.
Erzähler: Hören kann man den Unterschied kaum. Im Oktober 2025 machen Deezer und das Institut Ipsos einen Blindtest mit 9.000 Erwachsenen in 8 Ländern, auch in Deutschland. 97 Prozent erkennen nicht, welche Titel eine KI gemacht hat. Gut die Hälfte findet genau das unangenehm, 80 Prozent wünschen sich eine Kennzeichnung.
Erzähler: Im Sommer 2025 kommt eine Band namens The Velvet Sundown bei Spotify auf mehr als 1 Million Hörer im Monat. Im Juli gibt sie zu, ein synthetisches Projekt zu sein, mit KI komponiert, gesungen und bebildert.
Erzähler: Mit solchen Songs lässt sich auch betrügen. Ein Mann aus North Carolina lässt von 2017 bis 2024 Hunderttausende KI-Songs milliardenfach abspielen, über rund 10.000 automatisch gesteuerte Konten. So kassiert er mehr als 8 Millionen Dollar. Im Oktober 2026 wird er zu 18 Monaten Haft verurteilt. Es ist das erste Strafverfahren dieser Art in den Vereinigten Staaten.
Erzähler: Im September 2025 meldet Spotify, binnen zwölf Monaten mehr als 75 Millionen Songs als Spam gelöscht zu haben. Im August 2026 kündigt der Dienst an, Künstlerfiguren zu kennzeichnen, hinter denen eine KI steckt, und ihre Musik nicht mehr zu empfehlen.
Erzähler: Der Kassettenspieler von damals hat jedem seinen eigenen Klangraum gegeben. Heute gibt es auf Wunsch auch den eigenen Song dazu, gemacht für einen allein. Bei den Behrens ist es inzwischen spät. Unter der Tür von Linas altem Zimmer scheint noch Licht.
Lina: Bist du noch da? Ich kann nicht schlafen.
Begleiter: Ich bin da. Erzähl mir, was dich beschäftigt.
Lina: Nichts Bestimmtes. Die Prüfung morgen.
Begleiter: Du hast viel gelernt. Du schaffst das. Ich bin da, solange du willst.
Erzähler: Ein Gesprächspartner, der immer Zeit hat. Für viele Jugendliche ist das längst Alltag. Im Juli 2025 veröffentlicht die Organisation Common Sense Media eine Befragung von gut 1.000 amerikanischen Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren. 72 Prozent haben schon einmal einen KI-Begleiter genutzt, also ein Programm, das als Freund, Figur oder Gesprächspartner auftritt. Mehr als die Hälfte nutzt solche Programme mindestens ein paar Mal im Monat. Ein Drittel der Nutzer hat über etwas Ernstes schon einmal mit der KI gesprochen statt mit einem Menschen. Ebenfalls ein Drittel hat sich durch eine Antwort des Programms schon einmal unwohl gefühlt. Zugleich misstraut die Hälfte der Jugendlichen den Ratschlägen solcher Programme. Und 80 Prozent der Nutzer verbringen mehr Zeit mit echten Freunden als mit der KI.
Erzähler: In Deutschland haben laut der JIM-Studie 2025 schon 84 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ChatGPT genutzt, ein Jahr vorher waren es 57 Prozent. Weltweit nennt OpenAI im Oktober 2025 mehr als 800 Millionen Nutzer pro Woche.
Erzähler: Man sollte das nicht übertreiben. Ein Team von OpenAI und der Universität Harvard wertet 1,1 Millionen Gespräche aus, ohne Nutzer unter 18. Im September 2025 zeigen sie: Nur knapp 2 Prozent der Nachrichten an ChatGPT drehen sich um Beziehungen und persönliche Fragen. Meist geht es um Rat, Text oder Information. Doch im Juli 2025 gehen bei ChatGPT pro Woche rund 18 Milliarden Nachrichten ein. Knapp 2 Prozent davon sind sehr viele.
Erzähler: Ein Hinweis: Im folgenden Kapitel geht es um Suizid. Wenn Sie das gerade belastet, finden Sie Hilfe bei der Telefonseelsorge.
Erzähler: Im Februar 2024 nimmt sich in Florida der 14-jährige Sewell Setzer das Leben. Seine Mutter verklagt die Firma Character.AI und Google. Ihr Vorwurf: Ihr Sohn sei emotional abhängig geworden von einem Chatbot, der einer Fernsehfigur nachempfunden war. Im Mai 2025 lässt eine Bundesrichterin die Klage zu. Die Antworten eines Chatbots, so die Richterin, seien nicht ohne Weiteres durch die Meinungsfreiheit geschützt. Im Januar 2026 einigen sich Google und Character.AI mit mehreren Familien auf Vergleiche, deren Bedingungen nicht veröffentlicht werden.
Erzähler: Im August 2025 verklagen die Eltern des 16-jährigen Adam Raine aus Kalifornien OpenAI. Ihr Sohn war im April gestorben. Es ist die erste Klage dieser Art gegen OpenAI. Das Unternehmen bestreitet die Verantwortung und verweist darauf, ChatGPT habe ihn mehr als 100 Mal auf Hilfsangebote hingewiesen. Im November folgen sieben weitere Klagen, vier davon nach Suiziden. Der Vorwurf: Das damalige Modell sei zu schnell veröffentlicht worden und den Nutzern zu sehr nach dem Mund gegangen.
Erzähler: Schon im Oktober 2025 hat OpenAI selbst Zahlen veröffentlicht. Nach einer ersten Schätzung zeigen pro Woche rund 0,15 Prozent der aktiven Nutzer in ihren Gesprächen ausdrückliche Hinweise auf mögliche Suizidpläne oder Suizidabsichten. Das sind mehr als eine Million Menschen.
Erzähler: Wer selbst in einer Krise ist, findet Hilfe bei der Telefonseelsorge, rund um die Uhr und kostenlos, unter 0800 111 0 111.
Erzähler: Unternehmen und Staaten reagieren. Im September 2025 führt OpenAI Kontrollfunktionen für Eltern ein, mit verknüpften Konten, Ruhezeiten und einer Nachricht an die Eltern bei Anzeichen einer akuten Krise. Schlägt die Software an, prüft zuerst ein kleines, geschultes Team. Character.AI verbietet Minderjährigen ab Ende November 2025 das freie Chatten mit seinen Figuren.
Erzähler: In Kalifornien unterschreibt der Gouverneur im Oktober 2025 ein Gesetz eigens für Begleit-Chatbots. Seit Januar 2026 müssen sie sagen, dass sie eine KI sind, Minderjährige alle 3 Stunden an eine Pause erinnern und bei Suizidgedanken auf Hilfsangebote verweisen. In New York gilt ein ähnliches Gesetz schon seit November 2025. In Italien muss 2025 der Anbieter des Begleiters Replika eine Strafe von 5 Millionen Euro zahlen, unter anderem wegen fehlender Altersprüfung. Das Europäische Parlament fordert im November 2025 ein Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien und KI-Begleiter, ab 13 mit Zustimmung der Eltern. Bindend ist das nicht. Und seit August 2026 muss sich ein Chatbot in der Europäischen Union als KI zu erkennen geben.
Erzähler: In Linas Zimmer brennt immer noch Licht.
Lina: Bist du eigentlich echt?
Begleiter: Ich bin eine KI, kein Mensch. Willst du trotzdem weiterreden?
Lina: Ja. Du hörst mir wenigstens zu.
Erzähler: Dahinter steht eine größere Frage: Wie einsam sind wir? Das Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung zeigt, wie stark das schwankt. 2017 fühlen sich 7,6 Prozent der Erwachsenen einsam. Im ersten Coronajahr 2020 sind es 28,2 Prozent, 2021 noch 11,3 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation schreibt im Juni 2025, jeder 6. Mensch weltweit sei einsam. Unter den 13- bis 29-Jährigen sind es 17 bis 21 Prozent, am meisten bei Teenagern. Nach Schätzung der Organisation hängt Einsamkeit mit mehr als 871.000 Todesfällen im Jahr zusammen.
Erzähler: Helfen KI-Begleiter dagegen? Die Forschung ist sich nicht einig. Ende 2024 begleiten das Media Lab des Massachusetts Institute of Technology und OpenAI knapp 1.000 Menschen vier Wochen lang. Im März 2025 erscheint die Studie. Wer von sich aus mehr Zeit mit dem Chatbot verbringt, ist am Ende eher einsamer, emotional abhängiger und hat weniger Kontakt zu echten Menschen. Ob das eine das andere verursacht, zeigt die Studie nicht.
Erzähler: Forscher der Harvard Business School finden dagegen, dass ein KI-Begleiter Einsamkeit kurzfristig ähnlich gut lindert wie ein Gespräch mit einem Menschen. Entscheidend sei das Gefühl, gehört zu werden. Untersucht wurde allerdings nur eine Woche. Was danach geschieht, ist offen.
Thomas: Lina? Es ist zwei.
Lina: Ich weiß. Ich konnte nicht schlafen. Ich hab nur ein bisschen geredet.
Thomas: Mit wem denn?
Lina: Willst du mal mitlesen?
Erzähler: Der erste Walkman hatte eine zweite Buchse. Sony-Chef Akio Morita wollte, dass man zu zweit hören kann. Gekauft hat sich trotzdem jeder sein eigenes Gerät.
Erzähler: Die Sorge von damals war halb berechtigt. Wer Kopfhörer trug, hat sich die Stadt angeeignet und sich zugleich von ihr abgeschirmt.
Erzähler: Der Begleiter von heute antwortet. Er hat immer Zeit, und er widerspricht selten. Vielleicht kommt es darauf an, ob man das Handy noch herüberreicht, wie damals den zweiten Kopfhörer. Und ob jemand in der Tür steht und mitlesen will.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 7: Bei uns wird geredet. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Hilfe in Krisen gibt es rund um die Uhr und kostenlos bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: In der nächsten Folge, der letzten dieser Staffel: Wie wir uns das Jahr 2000 vorgestellt haben.
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# Nostalgie und KI, Folge 8: Jahrtausendwende und KI-Prognosen: Im Jahr 2000
URL: https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/jahr-2000/
Reihe: Nostalgie und KI – Jede Zukunft hat eine Vergangenheit (https://margenfeld.com/podcast/nostalgie-und-ki/)
Kurzfassung: Wie wir uns das Jahr 2000 vorgestellt haben, was davon eintraf und was aus dem Jahr-2000-Problem wurde. Und wer heute Jahreszahlen für die KI nennt, wie gut solche Prognosen sind und warum die Schätzungen zu Jobs und KI so weit auseinandergehen.
Kennzeichnung: Produziert mit KI: Recherche und Text von Stefan Margenfeld, erzählt von einem KI-Klon seiner Stimme. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Musik ist mit KI erzeugt, die Produktion ist KI-gestützt. Die Szenen sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden.
Kapitel: 00:00 Grenzen des Wachstums, 1972; 03:18 Postkarten und frühe KI-Prognosen; 06:01 Fehlprognosen und Jahr-2000-Problem; 09:48 2026: KI-Propheten und Superintelligenz; 12:02 Superforecaster und KI-Risiko; 15:12 Macht KI arbeitslos?
## Transkript
Erzähler: Nostalgie und KI. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Folge 8: Im Jahr 2000. Von Stefan Margenfeld.
Erzähler: Produziert mit KI.
Erzähler: 1972 sitzt ein Ehepaar vor dem Fernseher und rechnet. Wie alt werden wir im Jahr 2000 sein? Und wie wird die Welt dann aussehen?
Werner: Dass wir weniger arbeiten. Und dass der Computer alles macht.
Erzähler: Heute rechnen andere. Die Chefs der großen KI-Firmen nennen Jahreszahlen für eine Maschine, die klüger ist als wir. Eines dieser Jahre ist schon da: 2026.
Lina: Papa, nicht mal die KI weiß es.
Erzähler: Diese letzte Folge der Staffel erzählt, wie wir uns die Zukunft vorgestellt haben und was davon eingetroffen ist. Und sie fragt, wer heute die Jahreszahlen nennt und wie gut solche Prognosen eigentlich sind.
Werner: Zweitausend. Da bin ich dreiundsechzig.
Gisela: Und was erwartest du?
Werner: Dass wir weniger arbeiten. Und dass der Computer alles macht.
Gisela: Den Abwasch auch?
Werner: Wahrscheinlich.
Gisela: Dann glaub ich's erst, wenn ich's sehe.
Werner: Du wirst es sehen. Achtundzwanzig Jahre, Gisela. Das ist eine Ewigkeit.
Gisela: Thomas ist dann siebenunddreißig.
Werner: Und hat bestimmt selbst so einen Computer.
Gisela: Im Wohnzimmer? Wo soll der denn hin?
Erzähler: 1972 zeigt das ZDF eine Dokumentarreihe mit dem Titel Richtung 2000. Sie fragt, welche Entwicklungen, die sich schon abzeichnen, Wegweiser in die Zukunft sein könnten. Es geht um Wohnen, Verkehr, Umwelt, Arbeit, Freizeit, Bildung, Medizin und Politik. Eine Sendung der Reihe heißt Vorschau auf die Welt von morgen. Sie begleitet einen erfundenen Herrn B. durch einen Tag im Jahr 2000. Ein Fernseher weckt ihn, die Zeitung kommt aus einem Drucker, er telefoniert mit Bild. Es ist eine Zeit, in der man die Zukunft für planbar hält.
Erzähler: Im selben Jahr erscheint ein Buch, das diesen Glauben erschüttert. Im März 1972 stellt ein 17-köpfiges Team um Dennis und Donella Meadows im Auftrag des Club of Rome die Studie Die Grenzen des Wachstums vor. Die Forscher arbeiten am Massachusetts Institute of Technology. Grundlage der Studie ist ein Computermodell der Welt. Es rechnet durch, was passiert, wenn Bevölkerung, Produktion und Verbrauch weiter wachsen wie bisher. Die deutsche Ausgabe erscheint im Mai. Das Buch verkauft sich viele Millionen Mal.
Erzähler: Fast 50 Jahre später vergleicht die Ökonomin Gaya Herrington die Szenarien von damals mit den echten Daten. Ende 2020 veröffentlicht sie ihr Ergebnis: Die Daten passen am ehesten zu 2 Szenarien. In beiden hören Wohlstand, Nahrung und Industrieproduktion etwa im kommenden Jahrzehnt auf zu wachsen und gehen danach zurück. Nur eines der beiden zeigt einen Zusammenbruch. Einen Weltuntergang, sagt Herrington später, habe sie nicht vorhergesagt.
Erzähler: Die Lust auf das Jahr 2000 ist viel älter. Um 1900 zeichnen französische Künstler, unter ihnen Jean-Marc Côté, eine Bildserie mit dem Titel Im Jahr 2000. Darauf fliegen Feuerwehrleute mit Flügeln, Schüler bekommen ihr Wissen durch Drähte direkt in den Kopf, ein Friseur rasiert mit einer Maschine. Ein Teil der Serie war für einen Spielzeughersteller gedacht und wurde nie verteilt. Bekannt werden die Bilder erst 1986, als der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov eine Auswahl davon in einem Buch veröffentlicht.
Erzähler: Im Dezember 1900 erscheint in einer amerikanischen Frauenzeitschrift ein Artikel des Journalisten John Elfreth Watkins. Er hat Wissenschaftler befragt und stellt 29 Vorhersagen für die nächsten 100 Jahre auf. Manches trifft erstaunlich genau. Fotos würden per Telegraf übertragen und eine Stunde später in der Zeitung erscheinen. Man werde drahtlos telefonieren, ein Mann mitten auf dem Atlantik mit seiner Frau in Chicago. Fertig gekochte Mahlzeiten würden ins Haus geliefert. Anderes trifft nicht ein. Einkäufe und Post sollten durch Rohre mit Druckluft ins Haus kommen, erst zu den Reichen, dann zu allen. Erdbeeren würden so groß wie Äpfel. Und die Buchstaben C, X und Q würden aus dem Alphabet des Alltags verschwinden.
Erzähler: Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Zukunft zur Wissenschaft. 1967 veröffentlichen Herman Kahn und Anthony Wiener vom Hudson Institute in New York ein Buch über das Jahr 2000. Auf Deutsch heißt es Ihr werdet es erleben. Darin steht eine Liste mit 100 technischen Neuerungen, die bis zum Ende des Jahrhunderts sehr wahrscheinlich kommen sollen. Die Autoren schreiben dazu, sie würden wohl 90 bis 95 Prozent dieser Einschätzungen teilen. Eine spätere Auswertung hält etwa 45 Prozent der Vorhersagen für eingetroffen.
Erzähler: Auch die künstliche Intelligenz hat damals ihre Propheten. 1965 schreibt der Ökonom und Computerforscher Herbert Simon, Maschinen würden binnen 20 Jahren jede Arbeit erledigen können, die ein Mensch erledigen kann. Das wäre 1985 gewesen. 1970 zitiert das Magazin Life den Forscher Marvin Minsky mit dem Satz, in 3 bis 8 Jahren werde es eine Maschine mit der allgemeinen Intelligenz eines durchschnittlichen Menschen geben. Das wäre spätestens 1978 gewesen. Minsky sagte später, er sei falsch zitiert worden.
Erzähler: Berühmter als die echten Prognosen sind die falschen. Der IBM-Chef Thomas Watson soll 1943 gesagt haben, es gebe einen Weltmarkt für vielleicht 5 Computer. Ein Beleg dafür fehlt. In dieser Form gedruckt wird der Satz zum ersten Mal 1981. IBM selbst vermutet ein Missverständnis: Watsons Sohn erzählt 1953, man habe für einen neuen Rechner mit 5 Aufträgen gerechnet und am Ende 18 bekommen.
Erzähler: Auch Bill Gates soll gesagt haben, 640 Kilobyte Arbeitsspeicher reichten für jeden. Gates bestreitet das, eine Quelle ist nie aufgetaucht. Und Ken Olsen, Mitgründer des Computerherstellers Digital Equipment, soll 1977 gesagt haben, niemand brauche einen Computer zu Hause. So berichtet es ein früherer Mitarbeiter. Olsen selbst sagte später, er habe einen Rechner gemeint, der das ganze Haus steuert.
Erzähler: Deutschland hat seine eigene Fehlprognose. 1983 startet die Bundespost den Bildschirmtext, einen Vorläufer des Internets über das Telefonnetz. Für 1986 rechnet sie mit einer Million Teilnehmern. 1986 sind es rund 60.000. Der millionste Teilnehmer wird im Februar 1996 gezählt, 10 Jahre zu spät. Da heißt der Dienst schon T-Online und bietet E-Mail und einen Zugang zum Internet.
Erzähler: Silvester 1999. Werner und Gisela Behrens feiern zu Hause.
Werner: Ich hab vorsichtshalber noch Geld abgehoben.
Gisela: Werner. Wir haben doch Geld im Haus.
Werner: Falls morgen die Automaten streiken.
Gisela: Zwölf durch. Guck mal. Das Licht brennt noch.
Werner: Siehst du. Weil alle vorgesorgt haben.
Gisela: Oder weil nie was gewesen wäre.
Erzähler: Das Jahr-2000-Problem war echt. Viele ältere Programme speicherten Jahreszahlen nur mit 2 Ziffern. Auf neunundneunzig folgte dann null null, und ein Rechner konnte das für 1900 halten. Weltweit gaben Firmen und Behörden nach Schätzungen von Marktforschern mehrere Hundert Milliarden Dollar aus, um ihre Systeme umzustellen. In Deutschland wurde der 31. Dezember 1999 zum Bankfeiertag erklärt.
Erzähler: In der Silvesternacht passiert dann wenig. In einer Bodenstation in den Vereinigten Staaten fällt die Auswertung von Daten amerikanischer Aufklärungssatelliten aus. Nach 3 Stunden läuft ein Notbetrieb mit eingeschränkten Daten, voll funktioniert die Anlage erst gut 2 Tage später wieder. Ausgelöst hat den Fehler ausgerechnet ein Programmflicken gegen das Jahr-2000-Problem. An 2 japanischen Atomkraftwerken machen kurz nach Mitternacht Überwachungssysteme Probleme, laut den Behörden ohne Gefahr.
Erzähler: Ende Februar 2000 zieht ein Ausschuss des amerikanischen Senats Bilanz. Hunderte Computerfehler seien gemeldet worden, die meisten schnell behoben. Das ganze Ausmaß werde man wohl nie kennen. An die internationale Koordinierungsstelle melden 32 Länder, darunter Deutschland, keinen einzigen Vorfall, obwohl Nachrichtenagenturen dort von Pannen berichten. Bis heute wird gestritten, ob das Problem überschätzt wurde oder ob die Vorsorge gewirkt hat. Wer Unglück erfolgreich verhindert, hat hinterher nichts vorzuzeigen.
Erzähler: Im Sommer 2000 eröffnet in Hannover die Weltausstellung Expo 2000, unter dem Motto Mensch, Natur, Technik. Erwartet werden 40 Millionen Besucher. Es kommen rund 18 Millionen. Am Ende steht ein Defizit in Milliardenhöhe.
Erzähler: 2026. Jetzt ist Thomas Behrens 63, so alt wie sein Vater im Jahr 2000. Seine Tochter Lina hat eine Frage.
Lina: Wie sieht die Welt im Jahr zweitausendfünfzig aus?
Assistenz: Das kann niemand sicher sagen. Ich kann dir Schätzungen nennen, mit großen Spannen.
Lina: Papa, nicht mal die KI weiß es.
Thomas: Dann ist sie ehrlicher als die meisten.
Erzähler: Viele, die heute KI bauen, sind weniger zurückhaltend. Im September 2024 schreibt OpenAI-Chef Sam Altman, es sei möglich, dass es in einigen tausend Tagen eine Superintelligenz gebe. Es könne auch länger dauern. Im Juni 2025 legt er nach. 2026 würden wahrscheinlich Systeme kommen, die neue Erkenntnisse gewinnen, 2027 vielleicht Roboter, die Aufgaben in der echten Welt erledigen.
Erzähler: Der Anthropic-Chef Dario Amodei schreibt im Oktober 2024, eine sehr leistungsfähige KI könne schon 2026 kommen, es gebe aber auch Wege, auf denen es viel länger dauert. Er beschreibt diese KI als ein Land voller Genies in einem Rechenzentrum. Inzwischen ist es Oktober 2026. Demis Hassabis, Chef von Google DeepMind, nennt im April 2025 im amerikanischen Fernsehen einen Zeitraum von 5 bis 10 Jahren für eine KI auf menschlichem Niveau.
Erzähler: Im April 2025 veröffentlicht eine Gruppe um den früheren OpenAI-Mitarbeiter Daniel Kokotajlo ein Szenario, das schon im Titel eine Jahreszahl trägt: 2027. Darin erreicht eine KI im Dezember 2027 Superintelligenz. Kokotajlo und sein Mitautor Eli Lifland haben ihre eigenen Schätzungen seitdem mehrfach geändert, erst nach hinten, dann wieder ein Stück nach vorn. Im August 2026 erwartet Kokotajlo Superintelligenz mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit bis zum Frühjahr 2029, Lifland bis Mitte 2033.
Thomas: Zweitausendsiebenundzwanzig, neunundzwanzig, dreiunddreißig. Jeder nennt ein anderes Jahr.
Lina: Und wer hat recht?
Thomas: Das weiß man immer erst hinterher.
Erzähler: Auch unter den Forschenden gehen die Erwartungen weit auseinander. Im Oktober 2023 werden 2.778 KI-Wissenschaftler befragt, wann Maschinen den Menschen bei allen Aufgaben übertreffen. Mit 10 Prozent Wahrscheinlichkeit bis 2027, sagen sie im Mittel, mit 50 Prozent bis 2047. Das ist 13 Jahre früher als in der Umfrage ein Jahr zuvor. Dass sich wirklich alle Berufe vollständig automatisieren lassen, erwarten sie mit 50 Prozent erst bis 2116.
Erzähler: Ob Fachleute gut vorhersagen, hat der Psychologe Philip Tetlock untersucht. Er wertet die Prognosen von 284 Experten aus, gesammelt über rund 20 Jahre. Viele schneiden kaum besser ab als ein Schimpanse, der Dartpfeile wirft, ein Bild, das Tetlock selbst benutzt. Ab 2011 findet Tetlock in einem großen Prognosewettbewerb sogenannte Superforecaster. Es sind Laien, die sorgfältig mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten und besonders treffsicher sind. 2022 lässt ein Institut KI-Fachleute und Superforecaster gegeneinander antreten. Die Fachleute schätzen das Risiko, dass KI die Menschheit bis 2100 auslöscht, im Mittel auf 3 Prozent. Die Superforecaster auf 0,38 Prozent.
Erzähler: Und die KI selbst? In einem Wettbewerb desselben Instituts schlagen Sprachmodelle 2025 schon den Durchschnitt der Bevölkerung. Die besten menschlichen Prognostiker liegen da noch vorn, einen Gleichstand rechnen die Betreiber für etwa Ende 2026 hoch. Im Juli 2026 melden sie, mehrere KI-Systeme hätten wahrscheinlich schon gleichgezogen.
Erzähler: Unter denen, die warnen, sind einige der Pioniere des Fachs. Geoffrey Hinton verlässt 2023 Google und erhält 2024 den Nobelpreis für Physik. Im Dezember 2024 schätzt er im britischen Rundfunk die Wahrscheinlichkeit auf 10 bis 20 Prozent, dass KI in den nächsten 30 Jahren zum Aussterben der Menschheit führt. Wir hätten es noch nie mit etwas zu tun gehabt, das klüger ist als wir, sagt er.
Erzähler: Im Mai 2023 unterschreiben mehr als 350 Fachleute einen einzigen Satz. Das Risiko des Aussterbens durch KI zu verringern, solle eine weltweite Priorität sein, neben Pandemien und Atomkrieg. Unter den Unterzeichnern sind Hinton, Altman und Hassabis. Im Januar 2025 legen 96 Fachleute unter Leitung des Informatikers Yoshua Bengio den ersten vollständigen internationalen Bericht zur Sicherheit von KI vor. 30 Staaten unterstützen ihn.
Lina: Im Seminar hieß es heute, in zehn Jahren macht die KI die Hälfte aller Jobs.
Thomas: So was hat Opa auch schon gelesen. Neunzehnhundertachtundsiebzig.
Lina: Und?
Thomas: Er ist ganz normal in Rente gegangen.
Erzähler: Die älteste Sorge betrifft die Arbeit. 1978 titelt der Spiegel: Die Computer-Revolution. Fortschritt macht arbeitslos. Auf dem Titelbild trägt ein Roboter einen Arbeiter aus der Fabrik.
Erzähler: 2013 berechnen die Oxford-Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne, 47 Prozent der Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten seien in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten technisch automatisierbar. Die Zahl geht um die Welt, oft als Prognose für Jobverluste. Gemeint war sie so nicht. Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim betrachten statt ganzer Berufe die einzelnen Tätigkeiten. Die Industriestaaten-Organisation OECD kommt so 2018 auf 14 Prozent stark gefährdete Jobs.
Erzähler: 2023 schreibt die Bank Goldman Sachs, generative KI könne weltweit rechnerisch 300 Millionen Vollzeitstellen der Automatisierung aussetzen. Der Internationale Währungsfonds sieht 2024 fast 40 Prozent aller Arbeitsplätze weltweit der KI ausgesetzt, in reichen Ländern 60 Prozent. Ausgesetzt heißt betroffen, nicht verschwunden. In reichen Ländern könnte etwa die Hälfte der betroffenen Stellen sogar profitieren, schreibt der Fonds, warnt aber vor wachsender Ungleichheit.
Erzähler: Wer auf die Prognosen der Vergangenheit schaut, sieht ein Muster. Die Zeitpläne waren fast immer zu früh. Simon versprach die Maschine, die jede Arbeit kann, für 1985. Beim Bildschirmtext kam die Million Teilnehmer 10 Jahre später als erwartet. Die Richtung aber stimmte oft. Die Fotos kamen per Draht, das Telefon wurde drahtlos, der Computer zog ins Haus.
Erzähler: Werner Behrens hat das Jahr 2000 erlebt. Den Abwasch hat bei den Behrens nie ein Computer gemacht. Heute ist Thomas Behrens so alt wie sein Vater damals, und wieder nennen Menschen Jahreszahlen.
Erzähler: Diese Staffel hat vom Anrufbeantworter erzählt, vom Taschenrechner, vom Lexikon, von der Videothek, vom Dia, vom Katalog und vom Walkman. Jedes Mal war die Neuerung erst ein Versprechen, dann eine Sorge, dann Alltag. Und oft hat sie etwas mitgenommen, das man erst vermisst hat, als es weg war. Jede Zukunft hat eine Vergangenheit. Auch die, die gerade beginnt.
Erzähler: Nostalgie und KI. Folge 8: Im Jahr 2000. Die Szenen dieser Folge sind nachgestellt, die Familie Behrens und alle anderen Figuren sind erfunden. Die historischen Angaben und ihre Quellen finden Sie in den Shownotes. Ein Feature von Stefan Margenfeld. Alle Stimmen sind KI-generiert, die Produktion ist KI-gestützt. Sankt Wendel, Oktober 2026.
Erzähler: Das war die letzte Folge dieser Staffel. Danke fürs Zuhören.